Der neue Prinz des Wüstenrock – Afropopkolumne

AFROPOPKOLUMNE

Als Kader Tarhanine die Bühne des Fußballstadions von Timbuktu betritt, leuchten Tausende von Smartphones auf. Junge, Turban tragende Männer springen gruppenweise zu den Reggae-Bässen seiner Band. Frauen in bunten Schleiern stoßen schrille Trillerlaute aus. Kader Tarhanine, schmale Figur, lange dunkle Locken, verzieht keine Miene. Schaukelrhythmen, Bluesgitarren, stoisch kreiselnde Chorgesänge – dieser aufreizend lässige Sound entfaltet unter dem Nachthimmel der Sahara eine Aura, die Sehnsucht, Verlust, aber auch Rebellion miteinschließt.

„Tarhanine Tegla“, fleht der Sänger. „Meine Liebe ist gegangen.“ Sein großer Hit aus dem Jahre 2010 hat Sadou Abdul Kader seinen Künstlernamen eingebracht. Seitdem gilt er als Held der Sahara-Jugend, einer, der in der Krisenregion zwischen Bürgerkrieg, Vertreibung und islamistischer Indoktrination die alten Traditionen mit modernen Zutaten aufbereitet, ein Rebell für das Recht der jungen Tuareg, zu ihrer eigenen Popmusik zu tanzen. Und das ganz ohne Starthilfe aus dem Westen.

Damit ist er eine Ausnahme. Dan Auerbach von den Black Keys ist mit Bombino ins Studio gegangen, althergebrachte Tuareg-Bands wie Tinariwen oder Tamikrest nehmen regelmäßig mit amerikanischen Rockmusikern auf. Es gibt kaum ein Weltmusikfestival, das nicht mit sogenannten „Wüstenrock“-Acts wirbt. Diese Affinität kommt nicht von ungefähr: Die Pentatonik und der Fingerpicking-Stil der zwischen minimalistischen Gitarrenballaden und verzerrten Rocknummern mäandernden Tuareg-Musik erinnert an den Blues. Americana-gewöhnte Ohren finden leicht in diesen Groove. Selbst junge Soulmusiker aus dem Umfeld der Brooklyner Daptone-Studios pilgerten noch vor zehn Jahren nach Timbuktu, um dort mit lokalen Sängern aufzunehmen. Auch Tarhanine steht in dieser Import-Export-Tradition. Wie seine älteren Tuareg-Kollegen bewundert er die Musik der Dire Straits, hat er Jimi Hendrix und Bob Marley auf seinem Handy. Doch sein Aufstieg zum populärsten Musiker der Sahara-Region lief nicht über den Westen. Der „neue Prinz des Wüstenrock“ ist außerhalb Nordafrikas so gut wie unbekannt. Noch. Geboren 1989 im Süden Algeriens, aufgewachsen im Norden Malis an der Grenze zu Niger, lernte Tarhanine von seiner Tuareg-Mutter die alten Songs. Später baute er sich aus Dosen eine Gitarre. Doch erst als er den Widerstand seines Vaters, eines islamischen Predigers, überwunden hatte, konnte er auf Hochzeiten, Geburtstagen, Taufen, den traditionellen Auftrittsorten von Tuareg-Bands spielen. „All meine Songs handeln vom kulturellen Erbe der Tuareg-Nomaden“, sagt Tarhanine. „Vor allem aber singe ich für die Selbstermächtigung unserer Jugend – und fordere sie auf, Grassroot-Gemeinschaften zu bilden. “ 2015 nimmt Kader Tarhanine mit seiner Band Afous D’Afous in Algier sein erstes Album auf – ein Hit in der über viele Länder verstreuten Tuareg-Diaspora. Als Raubkopie, über iPhones und Whatsapp-Gruppen, verbreitet es sich in der ganzen Sahara, ertönt aus den Jeeps von Händlern, Schmugglern und Milizionären. Für Tarhanines neues Album „Ikewane“ zeichnet Manny Ansar verantwortlich. Der Kulturaktivist hatte einst das berühmte Festival Au Désert ins Leben gerufen, wo Tuaregbands mit westlichen Besuchern wie Ex-Led Zeppelin-Sänger Robert Plant jammten. 2012 hatten die Dschihadisten Nordmali besetzt und weltliche Musik verboten. Kader Tarhanine gilt nun als Hoffnungsträger für eine Rückkehr der seitdem darbenden Tuareg-Kultur. Seine Musik, sagt er, spreche lauter als das Gedonner der Waffen. „Die Jugend leidet am meisten unter dem Konflikt. Mit meinen Songs will ich Jugendliche mit verschiedenen kulturellen Hintergründen dazu bringen, sich als Brüder und Schwestern zu akzeptieren, zusammen zu tanzen, anstatt zu kämpfen.“ Tatsächlich tourt Tarhanine zwischen Bamako im Süden Malis, Niamey im Niger und Algier in ausverkauften Stadien. Er kann auch ganz gut ohne den westlichen Markt leben. Trotzdem oder gerade deshalb ist „Ikewane“ (über www.kadertarhanine.com und auf allen digitalen Download-Plattformen) ein fantastisches Album. Mit seiner Band versteht es Tarhanine, die Siebziger-Ästhetik seiner westlichen Vorbilder mit pentatonischen Gitarren, Soulgesängen sowie Call- und Response-Chören aufzurüsten. Komplex klingt das und doch eingängig. 

JONATHAN FISCHER

IMG_1683SZ 14.1.2020

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