Ein amerikanisches Nirvana: Südstaaten-Soul als offener Quellcode: Mit „Big Inner“ legt der Sänger Matthew E. White ein fulminantes Debüt vor – eine Reise durch vierzig Jahre Popmusik mit überraschendem Ausgang.

Ja, der Mensch mag verletzlich, unvollkommen und zur Tragik verdammt sein. Aber ist das nicht wunderbar so? Es braucht nur ein paar leise, rollende Akkorde, um sich von Matthew E. White genau das einflüstern zu lassen, ihm willig in seine düstere, melancholiebesoffene Welt zu folgen. Und endlich auszuatmen: Der alte Schmerz, er grüßt nur noch aus der Ferne – nostalgisch verklärt, seiner Spitzen beraubt und stattdessen in wärmende Bläser- und Streicherdecken verpackt. So kann man mit dem Sänger seine Wunden lecken. Wenn schon Eskapismus, dann bitte so: in Multicolor, Breitwand und dem Bewusstsein, dass der Strudel des menschlichen Geworfenseins zu groß ist, um sich ihm nur mit einer Gitarre in der Hand entgegenzustemmen. Ein Orchester muss es mindestens sein.

„Big Inner“, Matthew E. Whites Debütalbum, trägt seinen Titel zu Recht: Hier wird bekannt, zurückgeschaut und bereut – nur ohne die Larmoyanz und die pfauenhaften Leidensposen, die bei so vielen jungen verwundeten Männern rasch nerven. White, mit Hornbrille und Zottelmähne an einen Jazz-Hipster alter Schule erinnernd, strahlt in seiner Musik einen fast mönchischen Gleichmut aus. Er verehrt das Dunkle und Schöne. Und er weiß seine Liebe in elegisch murmelnde Symphonien zu gießen: „I don’t want to live a minute longer than you / So let’s meet the Lord together“. Zusammen sterben, um dem Herrn näher zu kommen. Lässt sich Melancholie noch mehr ins Metaphysische steigern?

Bisher war der Neunundzwanzigjährige aus Richmond in Virginia nur Eingeweihten ein Begriff, und dann auch kaum als Singer/Songwriter. Sondern bestenfalls als Sessionmusiker, Produzent, Arrangeur – und zeitweiliger Bandleader der Avantgarde-Jazz-Formation Fight The Big Bull. Nun aber zeigt Matthew E. White seine wahren Ambitionen: Kreiert er doch mit „Big Inner“ nicht nur ein großes Album, sondern gleich ein ganzes Musikuniversum. „Spacebomb“ nennt er ein sich selbst tragendes Label mit Studio und Hausband, in das White seine ganze musikalische Erfahrung steckt und von dessen opulenten Möglichkeiten das Album einen Vorgeschmack gibt.

An manchen der Songs sind zwanzig bis dreißig Musiker beteiligt. Ihr Markensound soll eine Studioband-Tradition wiederbeleben, von der Labels wie Motown (mit den Funk Brothers) oder Philadelphia International (mit MFSB) einst profitierten. Dabei sind Whites Wahlverwandtschaften gar nicht so leicht zu verorten. Kritiker stellen ihn gerne in eine Reihe mit Bon Iver, Kurt Wagner von Lambchop, Bill Callahan oder Morrissey: alles, was schmerzvoll, sehnsüchtig und melodramatisch klingt. White selbst hat sich dagegen als glühender Verehrer von Randy Newman geoutet. Nur dass er es weniger mit Newmans Literaturvertonungen hält, sondern dessen Geschichten gescheiterter und nach Transzendenz strebender Existenzen überzeugend transformiert: nämlich in psychedelische Soul-Suiten, wie man sie so noch nicht gehört hat.

Soul: Man mag das Wort hier nicht leichtfertig in den Mund nehmen – nicht nur weil Whites Stimme, sein wispernder Bariton, so bescheiden daherkommt, als ob er sich von allem, was Casting-Jurys so lieben, absetzen wollte. Sondern auch wegen seiner sehr eigenwilligen Dramaturgie. Stets scheint die Klimax, ein lautes Aufbäumen, von der Wall of Noise nur einen Takt entfernt. Aber White verweigert sich jeder billigen Erlösung. Stattdessen mäandern seine Songs sanft dahin und entblättern immer neue Klangschichten und Texturen, folgt dem Klagegesang ein tröstender Chor, zärtlich summend wie die Mutter zum schlafenden Kind. Selbst die Bläser, sonst die Kraftmeier-Truppe des Souls, klingen wie in Watte gebettet. Intim, fast scheu. Und dann hört man plötzlich diese bekannte Melodie heranwehen: Joe South? Die Allman Brothers? Allen Toussaint? Die tiefe Liebe Whites zum Southern Soul lässt sich nicht verleugnen, ob er nun den bereits Genannten oder Jorge Ben, Jimmy Cliff und dem Gospelsänger Washington Phillips huldigt. „Big Inner“ erzeugt die Atmosphäre von Liturgie in einer schindelgedeckten Baptistenkirche irgendwo in Mississippi, während von draußen auf dem Feld afrikanische Trommeln herübertönen und gelegentlich atonal ausbrechende Saxophone die Gläubigen aus ihren demütigen Gebeten schrecken. Dr. Johns „Night Tripper“ hatte das ganz ähnlich drauf: spukende Klänge aus dem Nichts ein- und auszufädeln. Den Swamp-Funk zur Seelen-Katharsis aufzurüsten. White aber will nicht den Voodoo-Doktor geben. Vielmehr hat der Missionarssohn eine Biographie, in der die Geborgenheit einer mystischen Gemeinschaft und der Zweifel miteinander ringen.

Der Sänger behält sich allen Tragödien zum Trotz seinen leisen Optimismus, etwa in „Gone Away“, einer Klage um seinen verstorbenen Cousin. Er mahnt („Will You Love Me“), die Dunkelheit nicht mit Dunkelheit zu bekämpfen. Sondern mit Liebe. Am kraftvollsten aber entfaltet sich der hypnotische Sog des Spacebomb-Universums im letzten Song des Albums: „Brazos“. Er beginnt als lasziver und üppig orchestrierter Country-Soul, um sich gegen Ende zu einer fünfminütigen tamburingetriebenen Pfingstkirchen-Trance auszuwachsen, mit einem Chor, der „Jesus Christ is our Lord / Jesus Christ is our friend“ singt. Es ist das unerwartete Ende einer Reise durch 40 Jahre Popmusik. Matthew E. White gehört zu der Sorte Musiker, der man jede Menge Zitate zutraut, ohne dass das Ganze von ihrer eigenen ästhetischen Vision wegführt. Der zottelige Hipster kopiert nichts, sondern hat den Südstaaten-Soul als offenen Quellcode entdeckt. Er schreibt nur das Programm ein wenig um. Wurden in der Studioband des Soul-Pioniers Stax einst schwarze Gesangsgewalt und reduzierte Country-Begleitung zusammengebracht, dann dreht Matthew E. White die Formel um: Er kontrastiert seine verhuschten Vokalparts mit ultraraffiniertem, großorchestralem Soul. Er setzt Weichheit höher als Willenskraft und das Wir über das Ich. Vielleicht ist dieses Album deshalb so betörend: weil uns Whites Spielart der Americana an die Schnittstelle von fernöstlicher Spiritualität, Baptistentum und Pop führt. In das All American Nirvana, dem schon Generationen von Jazz-Mystikern und Beat-Poeten nachspürten.
JONATHAN FISCHER
FAZ, 8.2.2013

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