„Unser Leben ist euch nichts wert“: Der senegalesische Hip-Hop-Star und Filmemacher Didier Awadi über Lampedusa, den irreführenden Begriff „Flüchtling“ und warum es richtig ist, dass junge Afrikaner nach Europa gehen

Der Senegalese Didier Awadi ist der bekannteste Hip-Hop-Star Westafrikas und gilt als Stimme der „Generation Consciente“, einer neuen, selbstbewussten Generation junger Afrikaner. Immer wieder hat er in seinen Texten das Schicksal Migranten thematisiert, die unter Lebensgefahr nach Europa übersetzen. 2011 suchte er mit dem selbstproduzierten Film „The Lion’s Point of View“ nach den Ursachen der Fluchtbewegung.

SZ: Wie werden die Nachrichten von den vielen ertrunkenen Flüchtlingen vor Lampedusa in Afrika aufgenommen?

Didier Awadi: Das macht die Menschen wütend und traurig. Andererseits gehört es für viele zur alltäglichen Realität. In manchen Viertel Dakars kennt jeder jemanden aus der Nachbarschaft, der bei der versuchten Überfahrt nach Europa ums Leben gekommen ist. Geschätzte 60 000 Afrikaner haben in den letzten sieben Jahren versucht, in Pirogen über den Atlantik zu setzen. Und jeder Zehnte ist ertrunken. Trotzdem verstehe ich es, wenn Jugendliche lieber den Tod riskieren, als an der Armut zu ersticken.

Früher haben Sie Ihren Hörern aber noch gepredigt, sie sollten dableiben und helfen, ihr Land aufzubauen.

Ich habe meine Ansichten geändert. Damals war ich selber von der Propaganda der westlichen Länder beeinflusst. Sie klang vernünftig. Bis ich ihre Botschaft verstand: „Bleibt, wo ihr seid, bleibt arm, aber macht uns keine Schwierigkeiten.“ Inzwischen prüfe ich sehr sorgfältig, wer das Elend eigentlich schafft: Denn die meisten Afrikaner profitieren kaum vom Öl, den Diamanten, den Rohstoffen unserer Länder. Warum also sollten sie nicht dem Strom der Profite nach Europa folgen? Jeder Mensch hat ein Recht auf Hoffnung. Wenn du aber als Afrikaner merkst, dass dein Ehrgeiz und dein Können nicht mehr zum Überleben reichen…

Sind nicht die afrikanischen Politiker mit Schuld an der Misere? Immerhin hat die senegalesische Regierung in der Vergangenheit Millionengelder der EU erhalten, um die Migrationsbewegung vor Ort in den Griff zu bekommen.

Dieses Geld haben viele Regierungsmitglieder in die eigene Tasche gewirtschaftet. Und ja, die Menschen haben es satt, von Politikern mit Lügen und falschen Versprechungen abgespeist zu werden. Wir Rapper haben das immer angeklagt. Rap-Songs wie „Politichien“ (Politikerhund) waren große Hits im Senegal. Auf der anderen Seite sind diese korrupten Politiker für den Westen oft die bequemsten. Sie beschweren sich nicht über die Diskriminierungen von uns Afrikanern, so lange sie ihr Taschengeld bekommen.

Welche Diskriminierungen meinen Sie?

Wenn du aus Afrika kommst und dazu noch Muslim bist, hast du seit 9/11 kaum noch Chancen auf ein Visum. Die europäischen Regierungen verschränken ihre Arme: Euer Leiden in Ehren, aber für euch Afrikaner sind wir nicht zuständig. Visa gibt es nicht mal für diejenigen, die genug Geld haben, und nur als Touristen kommen wollen. Das ist gegen jeden Anstand. Wir haben die Besucher und Migranten aus Europa stets mit offenen Armen aufgenommen. Und mit einer anderen Visa-Politik müssten nicht mehr so viele Menschen in Nussschalen oder auf Lastwagen durch die Sahara ihr Leben lassen.

In Europa propagieren populistische Politiker die Parole „Das Boot ist voll“, sie befürchten, dass Flüchtlinge die Länder nur Sozialleistungen kosten würden.

Viele der Migranten sind gut ausgebildet, haben die Universität besucht und Abschlüsse gemacht. Und viele von ihnen würden später auch wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Sind diese Migranten denn Menschen, die in Afrika nicht überleben könnten?

Da geht es oft ums Überleben von Familien. So viele junge Senegalesen sind bereit, jeden Drecksjob in Europa anzunehmen und ein Hundeleben zu führen, so lange sie damit ihrer Familie in der Heimat ein Auskommen ermöglichen, ihre Mutter oder ihren Sohn retten können. Manchmal fahren auch verzweifelte Mütter mit ihren Babys auf einer der Flüchtlings-Pirogen mit: Sie denken nicht an sich, sondern allein an die Zukunft ihres Kindes.

Dann ist Armut das wichtigste Motiv?

Nicht immer. Andere wollen beruflich weiterkommen. Ich denke da an eine junge Senegalesin mit Universitätsabschluss, die bei vielen verschiedenen Botschaften um ein Visum nachfragte, aber selbst als sie Einladungen von Universitäten, Bürgschaften und alle verlangten Papiere vorweisen konnte, hieß es nur: Abgelehnt. Sie nahm den Lastwagen-Treck durch die Sahara auf sich, in der Hoffnung, von Nordafrika aus zur spanischen Enklave Ceuta oder mit dem Boot nach Europa zu gelangen. Die algerische Polizei setzte sie ohne Trinkwasser in der Wüste aus. Sie wurde geschlagen und mehrfach vergewaltigt. Am Ende war sie physisch und psychisch gebrochen. Wir reden hier also wirklich nicht von Elendstourismus.

Fühlen Sie sich da als moralische Instanz nicht doch verpflichtet, so viele Menschen wie möglich von der potenziell tödlichen Überfahrt abzuhalten?

Früher war ich naiv: Warum könnt ihr nicht hier bleiben, habe ich gefragt, als die Pirogen Richtung Spanien ablegten. Ihr seid doch Fischer, habt einen Job und das Meer vor der Haustür. Da zeigte einer von ihnen aufs Meer hinaus und fragte mich, ob ich all die spanischen, französischen, chinesischen Fisch-Trawler gesehen hätte. Sie fischen alles so leer, dass sich die Bestände nicht mehr regenerieren. Am Ende des Monats könne er nicht mal seine 10 Euro Miete zahlen. Du willst, dass ich hier bleibe. Wie soll ich meine Familie ernähren?

Sie nennen die Menschen auf dem Weg nach Europa nie Flüchtlinge, sondern immer nur Migranten.

Flüchtlinge ist für meine Begriffe schon negativ belegt. Migranten hat weniger rassistischen Beigeschmack. Denn die größten Migranten-Ströme haben stets die Europäer gestellt Warum sind sie in die ganze Welt ausgewandert? Weil sie ein besseres Leben suchten. Sie migrierten nach Asien, Afrika und Amerika. Ganz ohne Visa. Und wer sie nicht bei sich haben wollte, den haben sie mit Waffengewalt überzeugt.

Migration hängt mit der Suche nach besseren Lebensbedingungen zusammen. Was könnte der Westen dazu beitragen, dass die Menschen vor Ort lebenswürdige Konditionen vorfinden?

Der Westen und die Weltbank koppeln ihre Hilfe an den freien Markt, und die Aufhebung aller Handelsgrenzen. Diese Erpressung muss aufhören, denn davon profitieren nur die reichen Länder. Sie schicken Reis aus Amerika, Tomaten aus Europa und andere Lebensmittel zu Dumpingpreisen nach Afrika, so dass unsere Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Hat Senegals neuer Präsident Macky Sall nicht gerade Reformen initiiert und damit die Auswanderung über das Meer erst einmal abebben lassen?

Gut, Macky Sall ist die Korruption härter angegangen. Und er hat mit den ausländischen Regierungen verhandelt, um die Fischereiverträge rückgängig zu machen, die unsere Fischer ruinieren. Aber das reicht nicht. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Menschen sind nach all den Versprechungen ernüchtert. Viele von uns Rappern haben die Wahl von Macky Sall unterstützt und haben die Massen gegen seinen Vorgänger Wadi mobilisiert. Das ist Demokratie. Aber nun müssen wir wieder unseren Platz einnehmen: Als kritische Beobachter. Und Wachhunde.

Sind das nicht erste Schritte?

Mein größtes Anliegen ist es, dass jeder Mensch ohne Gefahr für Leib und Leben reisen darf. Machen wir uns nichts vor: Die Gesetzgebung Europas, seine Handhabung der Migration ist rassistisch. Die europäischen Regierungen geben Staaten wie Marokko und Libyen Geld, damit sie ihnen die Afrikaner vom Hals halten. Und wenn die dann von der örtlichen Polizei misshandelt und in die Wüste verschleppt werden, geht es sie nichts an. Ich spreche nur aus, was junge Menschen überall in Afrika denken: Unser Leben ist euch Europäern nichts wert.
SZ 2.10.2013
Interview: JONATHAN FISCHER

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.