Der Nabel des neuen Ägypten: Der Tahrir-Platz in Kairo wurde vom Unort zum symbolträchtigen Touristenziel

Noch bis Januar stand der Name Tahrir vor allem für einen drei- bis sechsspurigen Verkehrskreisel. Einen Knotenpunkt, an dem sich die wichtigsten Magistralen Kairos treffen, ein Stück Asphalt zwischen ägyptischem Nationalmuseum, dem einstigen Hilton und staatlichen Verwaltungsgebäuden, über den sich alltäglich hupende, lärmende, stinkende Blechlawinen schieben. Kurzum: ein städtebaulicher Unort. Seit hier aber Hunderttausende junge Ägypter für die Demokratie demonstrierten, soll der Platz auch touristisch den bewährten Pilgerzielen Pyramiden, Altstadt-Basar und Muhammad-Ali-Moschee Konkurrenz machen.

Prominente und Politiker bildeten die Vorhut: So paradierte Hillary Clinton über den Platz, sollte Oprah Winfrey hier nach dem Willen des ägyptischen Tourismusministers eine Liveshow moderieren, spürte Guido Westerwelle dem Atem der Weltgeschichte nach. „Der Platz ist für die Ägypter, was für uns Deutsche 1989 das Brandenburger Tor war“, schwärmte der Außenminister.

Als er das sagte, herrschte auf dem Tahrir noch die Volksfeststimmung der Nachrevolution: Ältere Frauen wedelten mit politischen Broschüren, Eltern malten ihren Kindern ägyptische Flaggen auf die Wangen, bärtige junge Muslime, Kopten-Priester und rauchende Studentinnen standen diskutierend in Kleingruppen zusammen – während Jugendliche sich gegenseitig mit ihren Fotohandys vor den Zelten und Planen auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes fotografierten: Wir waren dabei!

Inzwischen ist der Platz zur Normalität zurückgekehrt. Erinnert nur noch der umgegrabene Rasen auf der Verkehrsinsel an die einstige Zentrale der Protestbewegung. An ein paar Gebäuden hängen farbige Banderolen mit den Gesichtern der hier getöteten Demonstranten. Fahrende Händler verkaufen Tee aus silbernen Samowaren und geröstete Süßkartoffeln an Revolutionstouristen. Und auf den Bürgersteigen hocken Jugendliche vor frisch gedruckten Memorabilien: Märtyrer-Postern, Autoaufklebern mit Siegeszeichen und dem Datum 25. Januar 2011. Oder „Yes-We-Can“-Shirts. „Revolutionspreise“, radebrecht einer auf Englisch, „nur zehn Dollar!“

Währenddessen diskutieren die Stadtplaner über die Zukunft: Sollte man dem Vorschlag des ehemaligen Premierministers Shafiq folgen und aus dem Tahrir eine Art ägyptischen Hyde-Park mit Speaker’s Corner für jedermanns Anliegen machen? Oder die Touristen, die wohl bald wieder vor den einbalsamierten Pharaonen im benachbarten Nationalmuseum anstehen, mit künstlerischen Revolutions-Monumenten hierher locken?

Schon immer diente der Tahrir-Platz als kulturelles Schaufenster der Mächtigen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ der ägyptische Herrscher Khedive Ismail die einst hier vor sich hingärenden Nilsümpfe trockenlegen: Ihm schwebte ein Paris am Nil vor, mit breiten Boulevards und einem zentralen, herrschaftlichen Platz. Doch spätestens nach dem Sturz der Monarchie durch Gamal Abdel Nasser war es aus mit den Champs-Élysées-Phantasien: Der neue Präsident taufte den Ort Midan at-Tahrir, „Platz der Befreiung“, und ließ an seiner Flanke einen stalinistischen Büroklotz errichten. Nun sollen auch die Touristen dazu beitragen, dass der unter Mubarak zur bloßen Werbetafel-Kulisse verkommene Platz ein neues Gesicht erhält.

Wie sehr den Kairoern der Midan at-Tahrir am Herzen liegt, zeigte auch die spontane Aufräumaktion nach dem Rücktritt Mubaraks und der anschließenden nächtlichen Siegesfeier: Kairoer Bürger sammelten den Müll von 18 Tagen Revolution ein, reparierten das aufgerissene Pflaster und fegten die Bürgersteige.

Dieser neugewonnene Stolz, er ist auf dem Tahrir und in den umliegenden Shisha-Cafés immer noch zum Greifen nah, etwa in der selbstbewussten, aber freundlichen Art, wie hier jugendliche Passanten Touristen Geschichtslektionen erteilen. Bald soll auch das Äußere des Tahrir glänzen: Das renovierte ehemalige Nile-Hilton-Hotel, von dessen Dachterrasse aus man auf den Tahrir-Platz sehen kann, soll Ende des Jahres als Ritz-

Carlton wiedereröffnen. Mit bunten Hieroglyphen an der Fassade und einem zum Tahrir hin offenen Palmengarten. Die Panoramasicht auf den Platz ist nun so viel wert wie einst der Nilausblick. Die Tourismusbehörde hat bereits Werbeposter drucken lassen. Aufschrift: „Von Ägypten mit Liebe“. Auch wenn der darauf mit Victory-Zeichen und Friedenstaube posierende Cartoon-Held an Waschpulverreklame aus den fünfziger Jahren erinnert: Der Tahrir ist zu einem Muss jeder Kairotour aufgestiegen.
JONATHAN FISCHER
Süddeutscher Zeitung 7.4.2011

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