Macht Musik! Ein Ethnologe versorgt die Menschen in Mali mit Instrumenten. Denn wenn sie ihre Traditionen pflegen können, haben Dschihadisten keine Chance

Das Hauptquartier der Minusma, der Friedensmission der Vereinten Nationen in Mali, thront wie eine Festung über dem nördlichen Niger-Ufer im Botschaftsviertel von Bamako. Stacheldraht, Scheinwerfer, Schützenpanzer. Wer eintreten will, muss zwei Schranken mit Sprengstoffdetektoren passieren. Aber am Ende schütteln die Sicherheitsoffiziere den Besuchern die Hand – so gehört es sich in Mali nun mal.

Paul Chandler, ein amerikanischer Musikethnologe, soll heute seine Dokumentation „It Must Make Peace“ vorführen. Eine Art kultureller Nachhilfeunterricht für das Personal der Friedensmission. „Militärisch ist dieser Konflikt nicht zu gewinnen“, sagt Chandler, ein weißhaariger Mittvierziger, während sich Offiziere aus aller Welt in die roten Samtsessel des Kinosaals zwängen. „Wer in Mali etwas bewegen will, muss erst einmal die Kultur verstehen.“ Das ist Chandlers Mantra.

Die Lage in dem Land verdüstert sich zunehmend. Weite Teile von Nord- und Zentralmali entziehen sich der staatlichen Kontrolle, Dschihadisten terrorisieren dort die Bevölkerung. Wenn in den Dörfern gefeiert wird, fallen sie ein. Fröhlichkeit dulden sie nicht. Am Ende zerstören sie die Musikinstrumente, denn Musik ist für die Islamisten Teufelswerk. „Viele Malier“, sagt Chandler, „haben das Gefühl, dass ihre Kultur im gegenwärtigen Konflikt zerrieben wird.“ Er hat die Hilfsorganisation Instruments 4 Africa (Musikinstrumente für Afrika) gegründet – damit die Malier ihre Kultur nicht verlieren.

„Sie brauchen Musikinstrumente. Sie brauchen technische Unterstützung. Vor allem aber brauchen sie Kanäle, um die Tradition an die nächste Generation weiterzureichen. Sonst wird sie endgültig sterben“, sagt Chandler. Letztlich richte sich der Krieg in Mali gegen die Kultur – und gegen den traditionellen Zusammenhalt. Die Lage ist dramatischer denn je: Viele Musiker sind aus dem Norden nach Bamako geflohen. Jahrhundertealte Rituale finden nicht mehr statt. Und nicht nur die Dschihadisten mit ihren Verboten von Musik, Hochzeiten und jeder Art von Tanz sind daran schuld. Auch das moderne Großstadtleben trägt zur Aushöhlung des überlieferten Wissens bei. Wie aber lässt sich der drohende Verlust aufhalten?

„It Must Make Peace“, eine Dokumentation, die gerade auf den großen Filmfestivals zirkuliert, ist Chandlers Versuch, dem Vergessen entgegenzuwirken, noch einmal das Mali der jahrhundertealten Überlieferungen, den Ort einer unglaublichen Vielfalt und Toleranz zu beschwören. Mit seinem malischen Team hat er traditionelle Musiker aufgenommen und lässt sie ihre Rolle für die Gemeinschaft von Menschen, Natur und Ahnen erklären. Viele der Songs werden wohl bald nirgends mehr zu hören sein. Und wer kennt schon fast ausgestorbene Instrumente wie die Bolan-Harfe und die traditionellen Tänze der Jäger? Noch gibt es Heiler, die beteuern, dass sie Menschen mithilfe von Musik von ihren Leiden befreien können – aber es sind nicht mehr viele. „Eines Tages“, erklärt einer von ihnen, „kamen die Dschihadisten und verbaten mir meine Arbeit. Ich habe trotzdem weitergemacht. Es ist eine Gabe von Gott, wie könnte ich da aufhören?“

Chandler lässt den Film landesweit vor malischem Publikum vorführen – besonders in den Dschihadisten-Regionen des Nordens. „Wir wollen diese von außen kaum sichtbaren Traditionen stärken.“

Auch andere westliche Organisationen beteiligen sich an dieser Kulturarbeit. Besuch in einer Musikschule in Kirina, in die die NGO „Play For Change“ und der Popstar Damon Albarn jedes Jahr mehrere Tausend Pfund investieren, um jungen Maliern die traditionellen Instrumente näherzubringen. Von außen betrachtet wirkt die Einrichtung bescheiden: Auf einem staubigen Feld am Ortsrand eine Versammlungshalle mit Blechdach und Betonboden. Fünf Schüler trommeln auf ihren traditionellen Djembes, eine Gruppe junger Mädchen nimmt unter Anleitung einer Tanzlehrerin die Rhythmen auf, setzt sie in Choreografien um, die mal an Feldarbeit mit Hacke, mal an Breakdance erinnern. Aus den offenen Türen der länglichen Ziegelbaracke daneben perlt melodisches Geklöppel. Balafon-Unterricht. Der Lehrer reist zweimal die Woche aus Bamako an, die Schüler kommen aus dem Dorf. „Wir müssen viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern leisten“, sagt Schulleiter Seydou Dembele. „Früher wurde das Wissen informell von älteren Männern an ihre Schüler weitergegeben. Heute hat der Beruf des Musikers einen Beigeschmack des Rückständigen und Sündigen bekommen.“

Der Kern des Konflikts liegt im Erstarken eines radikalen Islam. „Der urafrikanische Synkretismus und all seine kulturelle Vielfalt fällt importierten Dogmen zum Opfer“, beklagt der malische Schriftsteller Ousmane Diarra. Nur noch im Geheimen verwenden die meisten Malier – egal welcher Konfession – animistische Schutzzauber und ziehen überlieferte Naturheiler zu Rate. Die Intoleranz töte auch die Musik. Wie eng Islam und überlieferte Spiritualität verflochten sind, zeigt etwa die jährliche Zeremonie der Bozo in Segou: Hier lassen die Niger-Fischer begleitet von Gebetsgesängen Pappfiguren der Flussgeister durchs Wasser tanzen und bitten um deren Schutz. „Der Imam heißt das nicht gut,“ sagt ein Fischer, „aber ich hoffe, dass der Prophet uns einst verzeihen wird. Denn jedes Jahr, in dem wir das Gebet ausließen, sind viele Menschen im Fluss ertrunken.“

Doch Chandler geht es um mehr. Der Westen glaube, er kenne afrikanische Musik – dabei seien „höchstens fünf Prozent ihres Reichtums erschlossen“. Gehe er unter, dann verliere die ganze Welt. Hinter der Kulturförderung aber stecken auch handfeste politisch-geostrategische Interessen. Dass die Projekte von Instruments 4 Africa im Wesentlichen von der amerikanischen Botschaft finanziert werden, daraus macht Chandler kein Geheimnis. „Die Botschaft lässt mir inhaltlich vollkommen freie Hand“, sagt er. Trotzdem wirft das Fragen auf: Wirkt Chandlers Initiative als verlängerter Arm amerikanischer Außenpolitik? Ist sie die zeitgemäße Fortsetzung der vom State Department finanzierten Afrika-Tourneen amerikanischer Musiker, die einst James Brown nach Ghana und den Bluesmann Junior Wells ins Fußballstadion von Bamako schickte?

Im Westafrika von heute – einer Region, in der sich Amerika in den letzten Jahren verstärkt mit Militärbasen, Eingreiftruppen und Überwachungstechnik engagiert – gelten andere Spielregeln als im einstigen Wettstreit mit dem Kommunismus. Der Dschihadismus lässt sich nicht mit westlichen Ideen bekämpfen.

Für Chandler ist es eine Win-win-Situation, wenn sich die USA in der malischen Kultur engagieren: „Jedes Dorf hat ein jährliches Festival, in denen die traditionellen Tänze aufgeführt werden und die Älteren ihr Wissen an die Jungen weitergeben. Wir kümmern uns zusammen mit der malischen Regierung um Logistik und Sicherheit – damit sie auch weiterhin stattfinden.“ Und warum nicht nebenbei das Image Amerikas aufwerten?

Chandler war einst aus musikalischer Neugier gekommen. Er hatte an der University of North Texas bei einem Meistertrommler aus Ghana afrikanische Perkussion studiert und Schulklassen unterrichtet. Als er den Job an der amerikanischen Schule in Bamako angeboten bekam, wollte er endlich „dem Geheimnis von Vorbildern wie Ali Farka Touré auf den Grund gehen“. Dessen Gitarrist Afel Boucoum zog als persönlicher Musiklehrer in Chandlers Haus. Das war 2003. Boucum half Chandler zu erkennen, woran es in dem Land am meisten fehlte: an Instrumenten. Chandlers rief dann mit Instruments 4 Africa seine amerikanischen Landsleute auf, all die Gitarren und Verstärker, die sie im Keller aufbewahrten, doch bitte an diejenigen zu schicken, die „alles Talent der Welt, aber nicht einmal ein Instrument haben“. Der Deal für die malischen Empfänger: Jeder bekommt zwei Instrumente, muss dafür jemanden anlernen. Später kam die Unterstützung von Musikern und Festivals aus dem Norden dazu – und der Deal mit der amerikanischen Botschaft.

„Im Vergleich zur Militärausrüstung, die der Westen nach Mali bringt,“, sagt Chandler, „kostet das Peanuts – und es kann so viel mehr für den Frieden ausrichten.“ Chandlers Initiative konzentriert sich seit 2015 auf die Regionen Malis, in denen der Drogenhandel boomt und Dschihadisten mit den Schmugglern kooperieren. Kulturelle Bindungen sind da die einzig verbliebene Gegenkraft: Chandler unterstützt die Veranstalter lokaler Festivals mit Geld, Logistik und US-finanzierten Aufklärungsbroschüren. Zuletzt landete er einen Coup: Die Wiederaufnahme des legendären Festival du Desert in Timbuktu. Chandlers Organisation ließ die Bühnenausrüstung auf Niger-Pirogen verschiffen, die Minusma flog die Musiker aus dem Exil in Bamako ein. Die Ansage lautete: „Wir bringen die Menschen über die Kultur wieder miteinander ins Gespräch.“ Doch das Programm bekommt unter der Trump-Administration Gegenwind. Erste Kürzungen sind bereits in Kraft getreten. „Manche Amerikaner, sagt Chandler, „empfinden unser Engagement als zu soft.“

Das Adlerwappen der US-Botschaft prangt auch als Banner über der Bühne des jährlichen Dogon-Festivals in Bamako. Trommelmusik und laute Chants schallen über den Niger. Pulks von Maskentänzern und Stelzenläufern wirbeln Staub auf, während Tausende Malier das Spektakel mit laufenden Handys verfolgen. Morgens hatten hier noch traditionelle Ringkämpfe stattgefunden. Am Abend spielen dann einige der größten Pop-Stars des Landes. Alles aber steht unter dem Stern der Dogon-Kultur, eines Volkes in Zentral-Mali, dessen animistische Kosmologie den Westen seit fast einem Jahrhundert fasziniert. Das Festival gilt nicht nur als Begegnungsort für die in die Stadt Abgewanderten. Sondern will eine Botschaft aussenden.

„Heute entdecken viele junge Menschen wieder ihre ethnischen Wurzeln“, sagt die malische Journalistin Rahabal Nantoumé, selbst eine Dogon, „und sind stolz darauf.“ Tatsächlich tragen die meisten Festivalbesucher – ob Muslime, Christen oder Animisten – traditionelle Dogon-Mützen, -Schals und -Kleider. Nantoumé sieht das als positives Zeichen: „Wenn wir erkennen, dass uns viel mehr eint als trennt – dann haben religiöse Extremisten keine Chance.“

JONATHAN FISCHER

SZ 10.8.2018

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