Treffen sich zwei Priester… Biblisches Armageddon auf Jamaika: „Der Kult“, der Debütroman des Booker-Preisträgers Marlon James, erscheint in einer deutschen Neuübersetzung

Marlon James war kurz davor aufzugeben. Das Schreiben einfach sein zu lassen. 78 Mal, erzählt der jamaikanische Autor, sei das Manuskript seines Debütromans abgelehnt worden. James glaubte schließlich, „dass dieser Stoff niemanden interessierte“. Er versuchte, alle Kopien seines Manuskripts zu vernichten, warum auch festhalten an dieser offensichtlichen Fehlgeburt? Das war ein gutes Jahrzehnt bevor der Jamaikaner mit seinem dritten Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ 2015 den Man Booker Prize gewann und ihn die internationale Presse zu einer Art literarischem Rockstar erklärte.

  In Deutschland erschien James’ Debüt erstmals im Jahr 2009, wurde damals aber kaum beachtet. Die gebührende Aufmerksamkeit bekommt das Buch erst jetzt, in einer Neuübersetzung unter dem Titel „Der Kult“. Die Geschichte mutet an wie eine dieser übernatürlichen Fügungen, von denen es auch im Buch selbst nur so wimmelt. Zu verdanken ist das auch der amerikanischen Literaturdozentin Kaylie Jones: Sie insistierte bei einem Besuch in Jamaika darauf, James’ verschollenes Manuskript zu lesen, bis dieser im Postausgang seines alten Laptops noch eine Kopie ausfindig machte.

  Im Buch beginnt alles mit einem Geier, der in einer abgelegenen jamaikanischen Kirche durch das Kirchenfenster kracht und tot auf der Kanzel aufschlägt. Ein böses Vorzeichen. Kurz darauf wird Pastor Hector Bligh, den seine Gemeinde wegen seiner Trunksucht nur den Rumprediger nennt, von einem Fremden namens York niedergeschlagen und aus der eigenen Kirche verjagt. Eine fiktive Plantagensiedlung dient als Kulisse für den folgenden Showdown der beiden Gottesmänner. York, der Eindringling, predigt Feuer und Zorn und hat damit einigen Erfolg: „Nichts, was bislang nach Gibbeah gedrungen war – weder das Radio, noch Bazooka-Joe-Kaugummi oder Kondome – hatte eine solche erdbebenartige Kraft besessen.“ York hat ein Zertifikat mitgebracht, das ihn als Apostel ausweist. „Wie Petrus und Paulus. Wie jemand, der Jesus kennt.“

  Während sein vom Plantagenbesitzer installierter Vorgänger vor allem dazu gut war, die Armen irgendwie bei der Stange zu halten, hat Apostel York Größeres vor: Er predigt Buße, lässt das sündige Kino zerstören und fordert zum Endkampf gegen das Böse: „Jede Stadt der Rechtschaffenheit hat eine Mauer… Das sei Gottes Weg, die Heiligkeit drin, und das Laster draußen zu halten.“

  Der Roman spielt im Jamaika des Jahres 1957, fünf Jahre vor der Unabhängigkeit. Die Fragen, die er stellt, haben auch bei seiner Wiederveröffentlichung nichts von ihrer Brisanz verloren: Wie leicht kann eine Befreiungsbotschaft umgedeutet werden zu einem Aufruf zu Hass auf das Fremde, das Andere, aus der eigenen Psyche Ausgelagerte? Zu welchen Monstrositäten kann Rhetorik Menschen, ja ganze Gemeinschaften anstacheln? Und wer könnte dem kollektiven Wahn widerstehen? James erzählt die Fanatisierung einer Kirchengemeinde in harter, klarer Sprache und mit alttestamentarischer Bilderwucht.

  York predigt sehr erfolgreich die Dichotomie von Gut und Böse, doch Bligh gibt sich nicht geschlagen. Er, der „das romantische Leben eines Säufers jederzeit der Empörung eines Abstinenzlers“ vorzog, zieht, das Kreuz Jesu geschultert, zur Kirche.

  Bald wird klar, dass beide Prediger mit einer Schuld aus der Vergangenheit ringen, dass beide deformierte Seelen sind. Wenn sie mit Bibelzitaten gegeneinander antreten, dann ist die Nächstenliebe Jesu nicht der eigentliche Gegenstand: Es geht um Machtgier und sexuelle Gelüste. Und am Ende gar um die schiere Mordlust: „Wer ist bereit, für den Herrn zu töten?“, fragt der Apostel York seine Gemeinde. Und so gut wie alle sind dabei.

  Das Blut von Tieren und Menschen fließt in alttestamentarischer Fülle, vermischt sich mit allen möglichen Körperflüssigkeiten. Grausig ist das. Und zuweilen urkomisch. Etwa wenn ein Sodomit, der sich ein Gestell zur Vergewaltigung der eigenen Kühe baut, mitten im Akt vom Blitz getroffen wird.  

  Wie die Seelen der Gläubigen schleichend vergiftet werden, das offenbart sich vor allem am Beispiel der Frauen der konkurrierenden Priester. Auch Lucinda und die Witwe Greenfield, seit ihrer Jugend miteinander verfeindet, stehen sich als Kontrahentinnen gegenüber. Sie suchen, jeder für sich, eine Lösung ihrer tragischen Lebensgeschichte. Und schwanken in ihrer Beziehung zu den Predigern zwischen Hörigkeit, sexuellen Fantasien, Bemutterung und Abscheu. James verleiht diesem Drama barocke Züge – irgendwo zwischen Passionsspiel und Quentin Tarantino.

  Im Gegensatz etwa zu „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, dieser fast dokumentarischen Abrechnung mit dem Bürgerkrieg, den Drogen und den Rasta-Idealen der Ära Bob Marley, wirkt die Gewalt in „Der Kult“ aber stets ein wenig surreal, geradezu mythisch. Voodoo-Spiritualität konterkariert die Bibelfrömmigkeit. Beide Priester und ihre Frauen praktizieren Spielformen der afrikanischen Obeah-Religion, beschwören dunkle Mächte, die sich in sterbenden Geiern, blutrünstigen Taubenschwärmen und teuflisch missgestalteten Kälbern manifestieren. Magischer Realismus, jamaikanische Version. „Wir haben die alten Götter mit uns genommen, auch wenn wir sie nicht mehr beim Namen kennen“, erklärt James. Auch 400 Jahre nach der Christianisierung der Karibik habe die afrikanische Geisterwelt nichts von ihrer Macht verloren. Vor allem aber beschäftigt den Autor die Beziehung zwischen Dämonisierung und Sex. James, der aus einer Polizistenfamilie in der jamaikanischen Mittelschicht kommt, ist 2007 als Literaturdozent an die Universität von St. Paul, Minnesota gezogen. Seine Entscheidung, Jamaika zu verlassen, hatte auch mit der Intoleranz vor Ort zu tun: „Schwulsein auf Jamaika“, hat er einmal gesagt, „das bedeutet vor allem Heimlichkeit.“ Als junger Mann habe er versucht, sich in die Kirche zu retten. Einige Jahre lang sei er zu einem „Bibel schwenkenden Christen“ mutiert, denn „wenn sie sahen, dass all meine Energie zu Jesus ging, würden sie nicht fragen, warum ich keine Freundin habe.“ Gerade in der Geheimhaltung aber blühten Missbrauch und Inzest, konnten Diakone unbehelligt neunjährige Knaben belästigen.

  In diesem Roman scheint so etwas wie eine geheime Rache zu stecken. Marlon James hat seine Freude daran, jede Form von Andacht mit krasser Körperlichkeit zu konterkarieren: „Diejenigen, die sich dem Pastor Bligh angeschlossen hatten, (…) haben ihre Sünde bereut. Sie haben sich losgesagt von der Hexerei, vom Teufelsbund, vom Horoskop, vom falschen Zeugnis, von Schokolade, Perversion, Unzucht, Verkehr mit Tieren, vom Tanzen und der Musik, vom Tragen kurzer Röcke, dem zu langen Waschen ihrer Muschi oder ihres Schwanzes in der Badewanne – alles um das Auspeitschen zu verkürzen.“

  Die Erweckungs- und Buß-Rhetorik ist eine amerikanische Erfindung, seit Jahrzehnten exportieren amerikanische Kirchen sie nach Afrika, Südamerika und in die Karibik, und prägen Frömmelei und Schwulenhass auch in Jamaikas Gesellschaft auf unheilvolle Weise. „Gottes Strafgericht ist kein Spaß. Gott kennt keine Streicheleinheiten.“ Das konstatiert halb schaudernd, halb bewundernd Lucinda, die selbst nach der blutigen öffentlichen Auspeitschung eines ehebrechenden Paares nicht von ihrer Anbetung des Apostels ablässt. Wie befreiend ist es doch, die eigenen Schwächen kollektiv auszulagern! Der Autor inszeniert die Gemeinde als tragischen Chor, der dem Prediger allzu bereitwillig die Herrschaft über sich einräumt. So viel jamaikanisches Lokalkolorit James auch in seinen Roman packen mag – er liefert eine universelle Parabel: für die Sehnsucht nach einem Messias. Und für die Entmenschlichung, die allzu oft mit ihr einhergeht.

JONATHAN FISCHER

SZ 10.7.2018marlon james

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