Jahrtausende alter Groove: Afropop-Kolumne 1/2019

Wer schlechte Nachrichten aus Afrika hören will, der muss nur den Begriff Mali in die Suchmaske eingeben: Korruption, Analphabetismus, Polizeigewalt und ein halbes Land im Würgegriff von Dschihadisten und Drogendealern. Kulturjournalisten aber sehen das anders: Denn musikalisch gilt das bettelarme Land am Niger immer noch als Weltmacht. Niemand kommt dabei den Westlern weiter entgegen als Salif Keita: Der 69-jährige Weltmusik-Star mit dem honigsüßen Melisma hat sein fünfzehntes Album in einer fünfzigjährigen Karriere vorgelegt, die er als Leadsänger der legendären Rail Band begann und die ihn zuletzt als Lieblings-Duett-Veredeler aller möglichen Pophits von Carlos Santana bis Cesaria Evora in die Charts spülte. Und nun „Un Autre Blanc“ (Naive). Der Titel seines erklärtermaßen letzten Opus Magnum mag sich auf Keitas Pigmentmangel, beziehungsweise seinen Kampf für die bis heute aufgrund von Aberglauben verfolgten Albinos beziehen. Da sind zum einen dezidiert politische Songs wie „Syrie“ oder die Hymne „Were Were“, in der Keita die gegenwärtige politische Klasse an den Volkshelden Afrikas – darunter Nelson Mandela, Mosambiks einstiger Präsident Samora Machel oder, nun ja, Muammar al-Gaddafi – misst. Zum anderen kehrt er noch mal den Fusion-Meister heraus: Sein größtenteils akustischer, mit malischen Traditionsinstrumenten wie Kora und Ngoni aufgerüsteter Afro-Pop geht für ein Duett mit Ladysmith Black Mambazo nach Südafrika, nimmt Alpha Blondys Reggae-Vibes auf und lässt sogar den jungen Pariser Rapper MHD an Bord: Seine Enkel seien alle Fans des Afrotrap-Stars, hat Keita erklärt. Wie könne er sich da ein paar Takten Hip-Hop verschließen?

Harouna Samake, zwei Jahrzehnte lang der Ngoni-Spieler von Salif Keita, hat auf seinem Debut-Album eine ganz andere Richtung eingeschlagen: „Kamale Blues“ will weder mit Pop-Affinitäten, berühmten Gästen oder Internationalität punkten. Nein, hier geht es zurück in die dörfliche Welt von Bougouni, in die Sikasso-Region ganz im Süden Malis. Hier wurde Samake geboren. Hier hat er sich als Teenager aus einem Ast, einer Kalebasse und einer Ziegenhaut, die ihm ein älterer Musiker gegen Hilfe bei der Heuernte überließ, seine erste Ngoni-Laute gebaut. Und hier fing eine dieser Geschichten an, die es so nur in Mali gibt: Froh, dass er nicht mit den anderen Kindern in die Schule ins Nachbardorf musste, sondern den Eltern bei der Feldarbeit helfen und nebenbei sein Instrument üben konnte, entwickelte sich Samake bald zu einem begehrten Live- und Studiomusiker. Ganze fünf Alben von Keita hat er arrangiert, lange Bassekou Kouyaté begleitet – und als Bonnie Raitt Samake nach einer gemeinsam durchgejammten Nacht am Lagerfeuer mit auf Tour nehmen wollte, scheiterte das Projekt lediglich an der Loyalität des Maliers gegenüber den alten Arbeitgebern. Aufgenommen in Bamako und vertrieben vom rührigen dänischen „One World Records“ Label zeigt „Kamale Blues“ die ganze schräge, aufreizende Intensität einer Ngoni-Band. Diese wunderbaren, verschachtelten, von Blues-Riffs getragenen Loops. Psychedelische Tanzmusik, die gerade deshalb funktioniert, weil sie sich ganz auf ihren jahrhundertealten Groove verlässt.

Ganz ähnlich gestimmt, aber ein paar hundert Meilen weiter, im Norden Ghanas aufgenommen, präsentieren sich einige der heimlichen Hits des Philophon-Labels. „Bitteschön, Philophon“ heißt die erste Werkschau des Wahl-Berliner Schlagzeugers und Produzenten Max Weissenfeldt. Vor fünf Jahren hatte er sich auf der Suche nach Percussion-Rhythmen verliebt: In die pentatonische Musik der nordghanaischen Frafra. So bat er den örtlichen Gospelsänger Alogte Oho und Guy One, den Virtuosen des Kologo genannten Ur-Banjos, auf sein Hotelzimmer und ergänzte die dort gemachten Aufnahmen in seinem Berliner Studio. Zusammen mit Roy X, dem rappenden Sohn von Highlife-Legende Ebo Taylor, stellten sie die ersten von einer ganzen Reihe Vinyl-Singles, die das Philophon-Label als Liebhaberprojekt mit ganz eigener Ästhetik auszeichnen. Später verpasste Weissenfeldt auch den Ethio-Jazz-Legenden Hailu Mergia, Alemayehu Eshete oder seinen eigenen Polyversal Souls einen funky Beat mit jazzigen Bläsern und schön schrägen Sun Ra-Arrangements, er reanimierte den „Burger-Highlife“ des in Berlin lebenden Exil-Ghanaers Lee Dodou oder arbeitete mit dem Finnen Jimi Tenor auf dessen jüngstem Afrobeat-Album zusammen. „Bitteschön Philophon“ versammelt seltene Singles und neue Remixe und zeigt, welches Hit-Potenzial gerade in den rhythmisch vertrackteren Spielarten der afrikanischen Rootsmusik liegt. Dankeschön Philophon – für diesen Einblick in das Zukunftslabor des Funk.

JONATHAN FISCHER

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