Er braucht nur Whiskey-Cola – Endlich auf deutsch: Larry Browns Trailerpark-Roman „Joe“

Oberflächlich ist Joes Welt schnell abgesteckt: Gewalt, Alkohol, Einsamkeit. Ein Exhäftling, frisch geschieden, der auf sich und andere kaum Rücksicht nimmt. Heimat findet er eher in der Natur als unter Menschen. Larry Brown webt in seinem düsteren, an John Steinbeck erinnernden Realismus lange Passagen, in denen er die üppige, wuchernde Natur des Mississippi Deltas beschreibt, es wimmelt von Schlingpflanzen, Waschbären, Hirschen und Schlangen.

  Wie William Faulkner stammt Brown aus Oxford, Mississippi. Doch bis auf das Lokalkolorit und die Vorliebe für menschliche Abgründe haben die beiden Autoren wenig gemein: Brown, ein ehemaliger Feuerwehrmann, der seinen Stoff aus seiner Lebenserfahrung zog, liebt simple Formulierungen. Eine Sprache so hart und praktisch wie ein Gewehrständer.

  Gnadenlos leuchtet er die dunklen und übel riechenden Verhältnisse eines von Armut, Suff und falschem Stolz zerfressenen White-Trash-Milieus aus. Da ist Wade, ein Familienvater, der mit seiner Familie in einer verlassenen Blockhütte haust. Er schlägt Frau und Kinder, verkauft seine Tochter im Teenageralter als Prostituierte und stiehlt das Geld, das sein 15-jähriger Sohn Gary verdient hat.

  Joe ist ihr Boss. Als Subunternehmer eines Agrarkonzerns lässt er Wade und Gary mit einer Gruppe Arbeiter ein Waldstück roden – indem sie Gift in die Baumstämme spritzen. Der Vater, der Sohn und der Boss sind eine Dreierkonstellation wie gemacht für einen langen und traurigen Countrysong.

  Joe Ransom, der Antiheld aus Larry Browns Roman „Joe“, nimmt selbst Schusswunden hin wie andere einen Schnupfen. Ihn treibt keine Eile, seine Frau zurückzugewinnen, endlich sein Enkelkind kennenzulernen oder offene Rechnungen zu begleichen.

  Joe bewegt sich unter den Menschen des Mississippi Delta, zwischen Mobile Homes, illegalen Spielrunden und Freudenhäusern. Als er sich von einem Konkurrenten eine Ladung Schrot einfängt, weiß er sich zumindest praktisch zu helfen. So grauenhaft genau wie Brown vorher einen tödlichen Kampf unter Hunden oder das Zerlegen eines gewilderten Hirsches beschreibt, verfolgen wir nun, wie Joe sich mit der Rasierklinge vor dem Badezimmerspiegel die Bleikugeln aus dem Muskelgewebe schneidet: „Dann drückte er wie bei einem Pickel, und die schwarze Kugel löste sich aus der Wunde und drängte das Gewebe beiseite, bis sie ganz schlüpfrig und nackt an die Oberfläche glitt, wo er sie wegpflückte und in die Hand nahm.“

  Einer wie Joe geht nun nicht zur Polizei. Eine Menge Whiskey-Cola, das ist alles, was er braucht: „Er rief den Hund ein paar mal, aber er kam nicht. Er hörte jemanden auf der Straße Dreirad fahren und blickte um die Hausecke, um zu sehen wer es war… Er ging in die Küche, machte sich einen Drink und setzte sich hinten auf die Treppe. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte er sich noch zwei gemixt.“

  Bald entdeckt Joe, der Boss, fürsorgliche Gefühle für seinen jungen Arbeiter. Gary hat, was Joe längst verloren gegangen ist: Ehrgeiz und Hoffnung. Er will seinen Geschwistern helfen. Und er spart auf ein Auto, um eine geregelte Arbeit aufzunehmen. Hartnäckig verfolgt er Joe, der ihm einen Job versprochen hat und ihm einen schrottreifen Jeep verkaufen will.

  Garys Familie gehört zu der untersten amerikanischen Gesellschaftsschicht, die sich nicht mal ein Fahrzeug leisten kann. Auch das ist Mississippi: Ein 15-jähriger Analphabet, der weder weiß, was Ampeln bedeuten noch woher die Babys kommen. Garys Verwahrlosung führt zu bizarren Szenen: Etwa wenn Joe in vermeintlich väterlicher Nachhilfe den Jungen mit einer Prostituierten verkuppelt – und diese, angewidert von seinem Mundgeruch, ihm erst mal zeigt, wie man eine Zahnbürste benutzt.

  Joe mag in der Erzählung als grundständig gutherziger Typ erscheinen. Zum rettenden Engel aber taugt er nicht. Sturzbesoffen fährt er durch die Gegend. Pöbelt Polizisten an. Übt – Erbsünde von Amerikas armem Hinterland – bewaffnete Selbstjustiz. Trotzdem spürt man immer wieder Wärme in all der Isoliertheit – was vor allem an der lakonischen Zärtlichkeit liegt, mit der Larry Brown seine Figuren behandelt.

  Der Autor, der im November 2004 an einem Herzinfarkt starb, hat zu Lebzeiten nur mäßigen Erfolg gehabt. Gerade 20 000 mal verkaufte sich der 1991 in Amerika veröffentlichte – und später mit Nicolas Cage verfilmte – Roman „Joe“. Dass das Buch nun, in Zeiten der Faszination für die Welt der weißen, armen und männlichen Trump-Wähler, endlich ins Deutsche übersetzt wurde: Eine überfällige Anerkennung für einen großen Trailerpark-Romantiker.

JONATHAN FISCHER

SZ 9.1.2019larry brown

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