Bitte oszillieren Sie! Cumbia, Salsa, Rumba und die urbane Clubmusik

Bis in die neunziger Jahre existierte der Markt für Latino-Musik im Westen als ethnische Nische. Inzwischen ist die ganze Welt ein einziges Barrio. Bastard-Rhythmen aus Cumbia, Salsa, Rumba und Reggae geben gerade den Takt auf den Tanzflächen an. Dabei geht kaum eine Band raffinierter und witziger vor als Calle 13. Darf man das puertoricanische Brüderpaar wirklich als Rapper bezeichnen? Frontmann René Pérez alias Residente fesselt vielmehr mit dramatisch vorgetragenem Singsang, während Produzent Eduardo Martínez alias Visitante (die Namen entstammen angeblich der Begrüßung an der Pforte der Gated Community, wenn „Visitante“ seinen Halbbruder „Residente“ besuchte) die Beats durcheinanderwürfelt: Auch auf ihrem vierten Album „Entren Los Que Quieren“ (Sony) mischen sie unbekümmert Hip-Hop mit südamerikanischer Folklore, Spaghetti-Western-Ambiente mit Reggaeton, Balkanbläser mit Cumbia-Beats. Und singen gegen die kriminellen Oberschichten, die katholische Kirche, die Korruption und den Konsumterror.

Ähnlich engagiert, aber nicht ganz so schrill gehen es die nach einem Klassiker der revolutionären mexikanischen Literatur benannten Los De Abajo auf ihrem neuen Album „Actitud Calle“ (Wrasse) an: Die achtköpfige Band thematisiert den Zapatisten-Aufstand und die Schere zwischen Arm und Reich, während sie traditionelle mexikanische Akustik-Klänge mit Salsa, Ska und allen möglichen Weltmusik-Anleihen aufmöbelt. Eine Brücke von der Latino-Avantgarde in die Retro-Clubs baut der englische DJ und Produzent Will Holland. Auch das zweite Album seines Projektes Quantic Presenta Flowering Inferno hat er in seiner Wahlheimat im kolumbianischen Cali eingespielt. „Dog With A Rope“ (Tru Thoughts) inszeniert einen karibisch-südamerikanischen Soundclash: Dub-Reggae-Bässe treffen auf klagende Klarinetten, schräge Bläser, Latino-Perkussion. Eine angenehm patinierte Melange, in der auch der Pflicht-Cumbia nicht fehlt.

Das weltweit grassierende Cumbia-Fieber dokumentieren zwei Kompilationen: „Arriba La Cumbia!“ (Crammed Discs) oder der von zwei Berliner Latin-DJs zusammengestellte Sampler „Cumbia Bestial“ (Chusma). Beide versammeln die modernen Mutanten des einst aus Kolumbien kommenden Volkstanzes, Cumbia-Electro-Bastarde, wie sie heute aus spanischsprachigen Radios und Soundsystems zwischen Toronto und Buenos Aires schnarren, mit ihrer unwiderstehlichen Kombination aus Cumbia-Akkordeon-Samples und Synthie-Basslinien! Als ob Afrika Bambaataa über eine Kiste afrokolumbianischer Singles gestolpert wäre! Der „Cumbia Del Destino“ ist auch der Hit der deutschen Latin-Hip-Hop-Band Chupacabras auf ihrem zwischen Pop, Salsa und Ska oszillierenden Album „Leyendas Urbanas“ (Galileo Music Communication).

Noch weiter holt der Kölner Produzent Thomas Berghaus alias Shareholder Tom aus: Auf „Havanna – Asmara, via Colonia“ (Büro.9 Music) buchstabieren zwei Sängerinnen mit eritreischen und ghanaischen Wurzeln und ein jamaikanisch-englischer MC den Soul noch einmal ganz neu, erscheinen Mambo, Afrobeat, Rhythm’n’Blues nur noch als Dialekte einer einzigen globalen Musik. Und zuletzt noch drei gelungene Sammlungen nicht nur für den DJ-Koffer: „Sofrito – Tropical Discotheque“ (Strut) fängt den globalen Afro-Salsa-Calypso-Mix der berüchtigten Londoner Tropical-Warehouse-Partys ein. Die aufregendsten Nummern der kolumbianischen Popküche zwischen Champeta-Grooves, psychedelischem Marimba und Synthesizer-Cumbia präsentiert „Afritanga – The Sound Of Afrocolombia“ (Trikont). Und wenn es noch etwas wurzeliger sein darf: „Cartagena! Curro Fuentes & The Big Band Cumbia And Descarga Sound Of Colombia 1962-1972“ (Soundway) bringt die ganz ungeleckte, schräge Siesta-Sause auf den Plattenteller. Der Rohstoff der urbanen Clubkultur: Er kommt heute von der kolumbianischen Karibikküste!
Jonathan Fischer
SZ 29.3.2011

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