Tahrir 2.0 – „Wir haben die Revolution längst nach Hause getragen“: Was sich die jungen Ägypter vier Wochen nach den Umwälzungen erhoffen

Wochen nach den Umwälzungen erhoffen

Eine süßliche Shisha-Wolke hängt über dem chicen Ufer-Café auf der Nilinsel Zamalek: An den Tischen drängt sich die Generation Facebook, junge Frauen mit Jeans und Sonnenbrillen im Haar, geschminkte Kopftuch-Mädchen mit iPad, Sakkoträger, die sich bei Latte Macchiato über ihre Blackberrys beugen. Als ein paar krakeelende Jugendliche mit ägyptischen Flaggen und Gesichtsbemalungen in einer Limousine vorbeirauschen, reckt Raqib Al-Nassery grinsend seine Faust: „Das sind Heimkehrer vom Tahrirplatz. Der neue Premierminister Sharaf hat da heute seine Antrittsrede gehalten.“

Raqib, ein bärtiger junger Mann in übergroßen T-Shirts und Baggy-Jeans, sagt, er habe sich jahrelang als Außenseiter gefühlt. Immer wieder musste er erklären, dass Rap mehr zu sagen habe als der übliche arabische „Popmüll“. Inzwischen aber sind ägyptische Rapper wie er in der Mitte der jungen Gesellschaft Ägyptens angekommen. Nicht nur weil Raqib arabische Instrumente und Hip-Hop-Beats zusammenbringt, sondern auch weil seit dem 25. Januar in Ägypten jeder über Politik diskutiert – eine Leidenschaft, die Raqib so ernst nimmt, dass er manchmal nur anruft, um seinen Vortags-Vortrag noch einmal präziser zu formulieren. Den politischen Diskurs der letzten Wochen erlebt er wie einen Selbsterfahrungstrip. Als Chance, ausprobieren zu dürfen, wer man wirklich ist. Und dabei endlich aufrecht zu gehen. „Die Welt hat uns das hier nicht zugetraut“, sagt der 29-Jährige und zieht an seiner Shisha. „Wir waren ja selbst von unserem eigenen Mut überrascht.“

Die Euphoriewelle der letzten fünf Revolutions-Wochen – sie schlägt einem immer noch auf Schritt und Tritt entgegen. Kaum ein Auto ohne einen „25. Januar“-Aufkleber, kaum einer, der nicht die neuesten Facebook-Nachrichten auf der inoffiziellen Revolutions-Homepage „Wir sind alle Khaled Said“ kennt. Raqib öffnet sein Fotohandy: Da sieht man ihn, entschlossener Blick, einen Baseballschläger in der Hand, vor den Polizeireihen auf dem Tahrirplatz. Oder mit geschulterter Uzi – „die hat mir ein Waffenhändler aus meinem Viertel zum Selbstschutz mitgegeben“. Was die Bilder nicht zeigen: Die Todesfurcht, die Raqib zwischen Tränengas und Kugelhagel ausstand. Den Schmerz, als er erfährt, dass einer seiner „Homeboys“ tödlich getroffen wurde. Seine Rührung über die Kinder, die mit ihren Eltern die Schlachtrufe der Demonstranten skandierten: Abtreten, abtreten. Der Jubel, als der Präsident der Forderung nachkommt. „Auf dem Platz umarmten und küssten sich alle: Reiche und Arme, Junge und Alte, Christen und Muslime. Deswegen war doch die Revolution so erfolgreich: Weil sie von keiner Partei initiiert wurde.“

Den Satz hört man oft. Die ersten zwei Tage, sagt Raqib, sei er noch skeptisch gewesen, ob er sich den Demonstranten anschließen soll. Würde er sich da mit Extremisten gemein machen? Doch dann habe er auf dem Tahrirplatz seinen Glauben an ein neues Ägypten gefunden. Ja, einige Muslimbrüder hätten versucht, lautstark auf den Protestzug aufzuspringen. Doch die jungen Demonstranten pfiffen sie aus: „Das ist nicht eure Revolution!“ Was Raqib am meisten beeindruckte: Dass Christen und Muslime sich gegenseitig während ihrer Gebetszeiten beschützten, ein Christ habe ihm sogar das Wasser zur rituellen Waschung gereicht. „Wir waren alle nur noch Ägypter.“

Der Rapper hat dieser Erkenntnis einen Song gewidmet: „7kayet seyassa“. In dem dazugehörigen Video zeigt er Fernsehbilder der jungen Demonstranten, Kairoer Wohnhaus-Ruinen und einen gefesselten Schwarzen: „Ich rede darüber, dass die alte Regierung ein mörderisches Spiel betrieb, um uns zu spalten.“ Kürzlich aufgetauchte Dokumente, nach denen Mubaraks Polizei-Chef hinter der Bombenexplosion mit 23 Toten in einer koptischen Kirche steckt, scheinen ihn zu bestätigen. „Sie haben die Religion zu einem Streitpunkt gemacht, sodass wir uns auf unsere Unterschiede statt auf unsere Rechte konzentrierten.“ Hip-Hop-Konzerte seien früher eine der wenigen Möglichkeiten gewesen, solche Wahrheiten laut auszusprechen. Doch auch da habe die Polizei ständig mitgehört. Einen seiner Auftritte habe sie gar abgebrochen, nachdem Raqib über Korruption gerappt hatte. Immerhin: Seine Eltern, beides fromme Muslime, unterstützten ihn bei dem brotlosen Unternehmen, weitab von jeder Musikindustrie und nur mit dem Internet als Plattform, eine Rap-Karriere zu beginnen. Das hat auch mit Raqibs Großvater zu tun. Ein marokkanischer Sufi-Poet, der in den fünfziger Jahren als Kritiker der französischen Kolonialmacht ins Exil gejagt wurde. Raqib sieht sich und seine Revolutions-Mitstreiter in der großväterlichen Tradition: anti-autoritär und religiös tolerant. Dazu streut er englische und französische Verse in seine Songs – „ich möchte ein internationales Publikum erreichen“. Doch widersprechen sich nicht Hip-Hop-Phantasien und Heiliger Prophet, westlicher Pop und Islam? Nein, sagt Raqib. Die Großstadt-Ägypter würden schon lange einen kapitalistischen Lebensstil pflegen. McDonalds, iPhones und Levi’s Jeans gehörten selbstverständlich dazu. Die moralische Beliebigkeit des Westens aber lehne er ab. „Wir haben unser Leben auf dem Tahrir-Platz nicht aufs Spiel gesetzt, damit wir Miniröcke oder Alkoholexzesse haben dürfen.“ Als das Echo des Muezzinrufes sich an den Hotelblocks von Zamalek bricht, entschuldigt sich Raqib: „Nach dem Gebet können wir weiterreden.“

Neun Uhr abends, im Al-Sawy Culture Wheel. Auf den zum Nilufer hin abfallenden Betonstufen beugen sich junge Menschen in Gruppen über ihre Laptops, diskutieren, lesen. Die Banner an den Info- und Getränke-Ständen werben für Vodafone, Mozart-Aufführungen und Yogakurse. Hier, unter den Betonpfeilern des 26.-Juli- Highways, scheinen – sieht man davon ab, das es keinen Alkohol gibt – alle Freiheiten eines westlichen Jugendzentrums zu herrschen. Das Getrommel einer lokalen Latin-Band dringt aus einem mit Planen abgetrennten Konzertraum, laut genug, um selbst den Gebetsruf der benachbarten Moschee zu übertönen. In diesen Momenten scheinen die Fernsehbilder von niedergebrannten Kirchen und religiös motivierten Schlägereien aus einer anderen Welt zu stammen. Khaled Zohny, ein junger Mode-Fotograf, nippt an seinem Tee: „Wenn Muslime und Christen aufeinander losgehen“, sagt er, „kannst du sicher sein, dass Mubaraks Leute dahinterstecken. Viele von der alten Garde sitzen noch auf ihren Posten. Denen gefällt das nicht, wenn wir uns zusammentun, die wollen unsere Bewegung um jeden Preis kaputtmachen.“

Zohny ist Muslim, seine Freundin Koptin. In seinem Freundeskreis ist Religion kein Argument. Sein Freund Amr Barrada stimmt zu: „Der Westen glaubt, dass wir Ägypter in zwei religiöse Lager getrennt sind – ich erlebe das jeden Tag anders.“ Die bösen Muslimbrüder: Das sei ein Gespenst der Mubarak-Clique gewesen, um Ägyptern wie westlichen Verbündeten Angst einzujagen und die Politik der starken Hand zu rechtfertigen. „Aus dem selben Grund“, redet sich der 30-jährige Unternehmer in Rage, „hat die Polizei jede Hilfsbereitschaft unter den Bürgern sabotiert. Es war früher ein Wagnis, einem Unfallopfer zu helfen. Hast du es ins Krankenhaus gebracht, hat dich die Polizei mitgenommen: Beweise, dass du nicht der Verursacher bist! Wenn das Unfallopfer bewusstlos war, bist du im Gefängnis verschwunden. Außer du hattest Verwandte bei der Polizei.“

Egal ob man sich im mondänen Zentrum Kairos, in den Cafés von Zamalek oder in ärmeren Stadtteilen wie Nasr City bewegt, die Hilfsbereitschaft der Ägypter ist überwältigend. Nicht nur Fremden gegenüber. Von einem Passanten mal kurz das Handy leihen, das Kleingeld reicht nicht ganz, kann jemand dieser Frau ein Taxi besorgen? Handschlag. Schulterklopfen. Kein Problem. Wie hatte doch Raqib in einer Mischung aus Hip-Hop-Emphase und panarabischem Geist posaunt? „Ägypten ist wieder das Mutterland.“ Vorbei die Zeiten, als Ägypter im Ausland als Duckmäuser und Opportunisten belächelt wurden. Selbst die „Posh“-Nobelboutique in Zamalek hat einer ihrer Schaufensterpuppen ein Billig-T-Shirt mit einer geballten Faust in den Nationalfarben angezogen: Revolution. Dass man in dieser Umbruchszeit mitten in der Nacht gefahrlos durch Kairo schlendern kann, dass trotz der Abwesenheit der verhassten Polizei niemand von Raubüberfällen zu berichten weiß: Das alles stimmt in der Tat euphorisch. Die sporadischen Gewaltausbrüche sehen Menschen wie Zohny und Barrada eher als schmerzliche Nachwehen einer neuen Freiheit. „Wenn die Leute sich endlich trauen, ihre lange unterdrückte Wut zu zeigen, ist die Gefahr groß, dass alte Rechnungen beglichen werden.“

Er habe, sagt Zohny, anfangs nichts mit der Revolution am Hut gehabt. Schließlich sei er Fotograf und kein Kämpfer. Politik habe ihn nie interessiert – genau so wenig wie Wahlen: „Unsere Stimme zählte ja nichts. Was bleibt einem da übrig, als sich in sein Privatleben zurückzuziehen?“ Bis er die Polizeibrutalität am eigenen Leib erfuhr: Am ersten Tag der Demonstrationen war er aus Neugier Richtung Tahrirplatz gelaufen, als ihn Polizisten stoppten und zu Boden schlugen. Zohny wurde ohne Erklärung verhaftet, demütigenden Verhören unterzogen, seine Wertsachen verschwanden in den Taschen der Polizisten. 30 Stunden verbrachte er in einem improvisierten Gefängnis, mit über 400 Menschen auf engstem Raum, die ihre Notdurft auf dem Boden verrichten mussten. Am Ende wurden sie in der Wüste ausgesetzt. „Als ich nach Kairo zurück kam, schloss ich mich den Demonstranten an – mit meiner Wut als einziger Waffe.“

Die Geschichten ähneln sich: Viele hat erst die Gewalt der Polizei zu Aktivisten gemacht. Oder die Solidarität mit deren Opfern. Amr Barrada sagt, wenn es um persönliche Vorteile gegangen wäre, hätte er es nicht nötig gehabt, auf den Tahrirplatz zu gehen. Er besitze genug. Dennoch seien viele seiner wohlhabenden Freunde mitmarschiert. Einer von ihnen habe einem ihn prügelnden Ordnungshüter ins Gesicht geschrien: „Ich tue das doch für euch! Versteht ihr nicht? Ich habe einen guten Job, ein Haus und ein großes Auto.“ Daraufhin habe der Polizist den Knüppel sinken lassen. Viele Ägypter, sagt Barrada, lernten gerade zum ersten mal, offene Diskussionen zu führen. „Sogar die bisher Uninteressierten bilden sich politisch fort. Dank Facebook!“ Die Internet-Kultur habe die Denkweise der Menschen stark verändert – ja, es gebe Facebook-Kurse für die ungebildeteren Schichten.

An den Zufahrtsstraßen zum Tahrirplatz, neben dem ausgebrannten Hochhaus, das einst Mubaraks Parteizentrale beherbergte, stehen immer noch die Panzer. Die Soldaten hocken mit einem müden Lächeln darauf, während immer neue Kleinkinder für ein Foto zu ihnen hochgereicht werden. Ein Motiv, das inzwischen wohl jede Kairoer Familie auf dem Fotohandy hat. Hinter dem ägyptischen Museum zieht Raqib eine Linie in die Luft: „Hier verlief die Frontlinie zwischen uns und den Mubarak-Schlägern.“ Als es kritisch wurde, hätten junge Muslimbrüder die Verteidigung des Platzes übernommen und ihren Kopf für den Rest der Demonstranten hingehalten. „Ohne die wären wir vielleicht eingebrochen.“ Raqib erzählt es wie eine Heldensage aus einem alten Krieg, auch wenn es gerade mal fünf Wochen her ist: Damals, als er trotz gekapptem Mobilfunk und gesperrter Straßen mit einem Zug von tausend Jugendlichen aus Nasr City zum Tahrirplatz aufbrach. Zehn Kilometer weit. Zu Fuß. „Wenn uns an einer Straßenecke ein Zug aus einem anderen Stadtteil begegnete, applaudierten wir uns gegenseitig.“

Immer noch mischt sich ein Hauch der Begeisterung von damals in die Dunstwolken der Teestände und Süßkartoffelröster, die rund um den Platz die Revolutionstouristen bedienen. Alle paar Meter: Fahnenverkäufer, Poster mit Bildern der „Märtyrer“ neben T-Shirts mit „Yes We Can“-Aufdrucken. Keine Spur von Anti-Amerikanismus. Raqib, den viele seiner Hautfarbe und der Hip-Hop-Klamotten wegen von weitem für einen Amerikaner halten, wird auf Englisch gegrüßt. Auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes eine improvisierte Zeltstadt: Die Facebook-Jugend ist längst wieder an ihre gut bezahlten Arbeitsplätze zurückgekehrt – nur diejenigen, die nichts zu verlieren haben, sind geblieben. Freiwillige im Teenager-Alter kontrollieren Ausweise und Taschen aller Besucher, andere schlafen unter Wolldecken. „Die Revolution“, sagt Raqib, „spielt sich nicht mehr am Tahrirplatz ab. Wir haben sie längst mit nach Hause getragen.“

Ein Straßencafé im Stadtteil Heliopolis: Großzügig angelegte Boulevards, Kinoreklamen und klassischer europäischer Kolonialstil prägen das Viertel. Raheem Bedair trifft hier Freunde, bevor er von seiner Arbeit in der Marketing-Abteilung von Vodafone zurück in seine gated community am Stadtrand fährt. Für ihn war die Revolution auch ein Kampf um Karrieremöglichkeiten. Dafür, dass studierte junge Ägypter nicht mehr ins Ausland gehen müssen. „Bisher hievten die Chefs oft unqualifizierte Familienangehörige in hohe Positionen, während Absolventen mit Doktortitel vom Staat zu Hungerlöhnen beschäftigt werden.“ Er erzählt von einer Wissenschaftlerin, die in der Atombehörde für 50 Euro im Monat arbeite. Seine Vodafone-Arbeitskollegin Reham Reda vermutet, das liege auch daran, dass sie eine Frau sei. Man müsse endlich über Geschlechtergleichstellung reden. Die Frauen hätten ein gutes Drittel der Protestbewegung auf dem Tahrirplatz gestellt. Warum sollten sie da nicht auch im Beruf allein nach ihrer Qualifikation beurteilt werden? Die 25-jährige Reda spricht für viele junge Musliminnen, wenn sie erklärt, die Forderungen nach einem säkularen Staat „zu hundert Prozent“ zu unterstützen. Weil sie kein Kopftuch trägt, habe sie oft Anfeindungen erlebt. Ob sie sich da nicht eine Gesellschaft wie in Deutschland wünsche? Mit freier Kleiderordnung und allen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung? Reda war mehrfach im Westen. Aber dessen Hypersexualisierung und „Hippie-Ideen“ taugten für Ägypten nicht. „Uns Frauen nützen gewisse moralische Grenzen.“ So habe sie während ihrer Zeit auf dem Tahrirplatz keinen einzigen Fall sexueller Belästigung erlebt – für sie ein Vorgeschmack echter Demokratie. „So haben wir uns früher nie benommen. Jetzt müssen wir nur noch die perfekte Gesellschaft vom Tahrirplatz ausdehnen – auf das ganze Land!“
JONATHAN FISCHER
SZ, 16.3.2011

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