Mantra mit Filter: Gil Scott-Heron und Jamie XX

Remixen hängt oft der Ruf nach, sich mit modischem Klimbim an die Hits von gestern ranzuschmeißen. Auf We‚re New Here aber treffen zwei Musiker aufeinander, die kaum unter dem Verdacht des Gefälligen stehen: Hier das 21-jährige weiße britische Wunderkind Jamie »XX« Smith, Kopf der viel gelobten Avantgarde-Popband The XX, dort der als »schwarzer Bob Dylan« gehandelte 61-jährige Politpoet Gil Scott-Heron aus Harlem, der in den siebziger Jahren Pate für die Geburt des Rap stand und in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem wegen Drogendelikten Schlagzeilen machte.

Das Ausgangsalbum I‚m New Here kam zustande, als Richard Russell von der Londoner Plattenfirma XL Scott-Heron 2009 im Gefängnis besuchte und mit der Begeisterung eines Fans zu einem Comeback überredete. Dessen elektronisch-reduziertes Ambiente lässt der Remix nun vollkommen hinter sich. Jamie Smith verwendet als Originalmaterial lediglich die Gesangsspuren seines Idols und ergänzt diese großzügig durch Vokalschnipsel von Scott-Herons 1971er-Debütalbum, Samples aus der eigenen Plattensammlung und den für The XX typischen Sound aus geisterhaften Bässen und subtilen, im Hintergrund bleibenden Beat-Kaskaden.

Das Ergebnis holt ein Stück schwarze Musikgeschichte in die Club-Gegenwart. Auratischer Mittelpunkt bleibt dabei Gil Scott-Herons Stimme: sein tiefes, verrauchtes Grummeln. Die sonore Weltmüdigkeit seines Sprechgesangs. Wie großartig reiben sich doch Musik und philosophische Grübeleien etwa auf The Crutch, wo Scott-Heron über dem nervösen Klappern von Smiths Beats eine »Welt von einsamen Männern ohne Liebe« beschreibt. Oder Ur Soul And Mine: Wie ein Mantra wird da ein und dieselbe Phrase so oft durch elektronische Filter, über Synthesizer-Flächen und durch weite Bassräume gejagt, bis das Gebet hinter dem dunklen Dubstep-Rhythmus hervortritt. Den euphorischen Kontrapunkt aber setzt die Schlussnummer: Smith lässt die einstige Bluesballade I‚ll Take Care Of You mit einem House-Beat und afrikanisch anmutenden Gitarrenläufen wiederauferstehen – als ob das schon immer so und nicht anders gespielt werden wollte. Auf diesem Album zeigt sich nicht nur das Genie des Remixers, sondern auch die Universalität von Gil Scott-Herons Botschaft: Selbst in Kombination mit den neuesten elektronischen Club-Stilen verliert sie nichts von ihrer Wucht. jonathan fischer

Gil Scott-Heron and Jamie XX: We‚re New Here (XL Recordings/Beggars)
JONATHAN FISCHER
Die Zeit 17.3.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.