Pionier in Nöten: Der Urvater des Hip-Hop DJ Kool Herc muss für eine Operation Geld sammeln

Sein und Haben: Zwischen diesen beiden Lebensphilosophien klafft im Hip-Hop ein gewaltiger Abgrund. Während es heute selbstverständlich ist, dass selbst Eintagsfliegen-Rapper in überlangen Limousinen vorfahren, ihre Gesichter für Handy-Werbung verkaufen, und eigene Sportschuh-Kollektionen auflegen, steht Kool Herc am anderen Ende des Spektrums. Auf der Seite des Seins. Der DJ aus dem New Yorker Stadtbezirk South Bronx hat Hip-Hop von der Stunde Null an gelebt. Der 55-jährige wird von Historikern als Erfinder des für den Hip-Hop fundamentalen „Break DJing“ anerkannt, dem Aneinanderreihen der besten Rhythmuspassagen mehrerer Platten zu einem durchgehenden Beat.

Zum ersten mal brachte er die Technik 1973 bei einer Party in einem Sozialbau seines Viertels zum Einsatz. Da konstruierte er aus Sekundenschnipseln bis zu fünfminütige Breakstrecken, und benutzte wie die DJs seiner Ex-Heimat Jamaika, das Mikrophon um die Tänzer mit „Shout Outs“ oder Raps anzufeuern.2007 erklärte die Stadt New York den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Sozialbaus 1520 Sedgwick Avenue in der Bronx sogar offiziell zur Geburtsstätte des Hip-Hop. Ein Antrag auf Denkmalschutz läuft ebenfalls.

Kool Herc hat an seiner Erfindung allerdings nie viel verdient. Bis heute schlägt er sich mit Gagen fürs Auflegen durch. Fürs Mixen gibt es nach gängigem Urheberrecht keine Tantiemen. Zum Star hat er es nie gebracht. Fehlte ihm das nötige Charisma? Der Geschäftsgeist seiner Platten-produzierenden Jünger wie Grandmaster Flash & The Furios Five ? Oder war er schlicht und einfach seiner Zeit zu weit voraus?

Nun muss der Großvater des Hip-Hop gar die eigenen Enkel um Hilfe bitten: Der New Yorker Produzent DJ Premier teilte in seiner Radiosendung mit, dass Kool Herc ernsthaft erkrankt sei und sich wegen seiner Nierensteine einer Operation unterziehen müsse. Allerdings könne er die Kosten dafür nicht selbst aufbringen.

Wie so viele ärmere Amerikaner hatte sich auch Kool Herc nie eine Krankenversicherung geleistet. Und wer in den USA nicht versichert ist, muss größere Behandlungen meist teurer bezahlen, weil die Krankenhäuser günstige Bedingungen nur Versicherungskonzernen und nicht einzelnen Patienten einräumen. Dazu kommt, dass unversicherte Patienten einen Operationstermin nur gegen Vorkasse bekommen.

Nun führen DJ Premier und seine Kollege Tony Touch eine Twitter-Kampagne, um Spenden zu sammeln: „Wir können uns glücklich schätzen“, ermahnte Premier seine Fans, „dass wir im Hip-Hop noch einen der Väter unserer Kultur unter uns haben, während viele anderen Musikgenres nur noch ihre Verstorbenen verehren können.“ Spenden kann man auch auf Kool Hercs eigener Webseite http://www.djkoolherc.com.

Kool Hercs Technik am Plattenspieler hat den Pop revolutioniert. Hip-Hop ist heute Kern einer weltweiten Milliarden-Dollar-Industrie. Der DJ aber machte zuletzt Schlagzeilen, als er erfolgreich gegen den Spekulations-Verkauf und die Vertreibung der Mieter des Blocks 1520 Sedgwick Avenue in der Bronx kämpfte, dem Geburtsort des Hip-Hop. Nun ist es an seinen Nachfolgern, ihn selbst zu retten.
JONATHAN FISCHER
SZ 9.3.2011

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