Die Erforschung der Trance – Von Dresden nach Afrika und Brooklyn: Johannes Schleiermacher gehört zu einer Generation Musiker, die keine Grenzen kennen

 

Musik ist ein Fluss. Wer in ihn eintauchen, mit der Strömung zu neuen Ufern treiben will, den behindern große Gesten nur. Entsprechend unprätentiös fängt auch dieses Konzert an: Der Vorab-DJ im „Import/Export“ hat sein letztes Stück noch gar nicht runtergefahren,als die sechs Musiker der Malcoun s wie zufällig die Bühne betreten, mit einstimmen, um dann einen so unaufgeregten Afrobeat-Teppich auszubreiten. Da fegen orientalische Cluster und Viertelton-Kaskaden durch die kalte Kasernenhalle im Norden Münchens, als ob jemand ein Gebläse eingeschaltet hätte. Jacken landen auf dem Boden. Unmöglich zu bestimmen, ob das nun alt wie Afrika oder neu wie der letzte Breakbeat tönt.

„Mir geht es nicht um Technik“, erklärt Saxofonist Johannes Schleiermacher, der auf der Bühne nebenbei auch an den Knöpfchen eines alten MS20-Synthesizers dreht. „Sondern um einen Zustand, in dem nur noch die Intuition zählt“. Trance-Forschung statt Traditionspflege: Schleiermacher verkörpert die produktiven Inselbegabungen einer weltweit bewunderten deutschen Afro-Jazz-Funk-Szene. Die jungen Musiker, die in Bands aus München ( Express Brass Band , Boogoos, Karl Hector & The Malcouns ) und Berlin ( Polyversal Souls, Onom Agemo, Woima Collective ) spielen, betrachten den Jazz dabei weniger als Rahmen, sondern als Startrampe ins Ungewisse. Im ständigen Balance-Akt zwischen Groove und Experiment dehnen sie Grenzen aus, saugen sie äthiopische, marokkanische und westafrikanische Einflüsse auf, und mischen sie mit der Do-it-yourself-Attitüde des frühen Hip-Hop neu auf.

Wenn der englische Kulturkritiker Paul Gilroy vom Open Source-Charakter schwarzer Kulturen spricht, dann pressen Schleiermacher und Kollegen aus dieser Theorie unerhörte Musik: „Wir sind ständig unterwegs: Weil wir gemerkt haben, dass afrikanische Musiker den Austausch suchen. Und am Ende alle davon profitieren“. Mal rufe ein Begleit-Job für Afrobeat-Veteranen auf Clubtour, mal ein Auslands-Projekt des Goethe-Instituts, mal Aufnahmen mit marokkanischen Freunden. Schleiermacher lebt einen polyglotten Rucksack-Tourismus. Daheim ist, wo ein neuer aufregender Rhythmus entsteht.

Dabei haben die jungen Globetrotter durchaus deutsche Vorbilder: Etwa die Münchner Ethno-Pioniere Embryo , die seit den Sechzigerjahren um die Welt reisen, um in abgelegenen Gegenden mit einheimischen Musikern zu jammen. Den kreiselnden Krautrock von Can . Analog scheppernden Funk, wie ihn Jan Weissenfeldt und sein Bruder Max Anfang der Neunzigerjahre mit den Poets of Rhythm weltweit popularisierten.

Johannes Schleiermacher erste Inspiration kam vom Lieblings-Jazzers des eigenen Vaters: „Er hatte daheim ein ganzes Regalfach mit Gunter Hampel-Platten. Und irgendwann begann ich – neben Miles Davis oder John Coltrane – seine Musik auszuchecken.“ Dass Hampel 1964 die erste deutsche Free Jazz Platte einspielte, in New York mit Archie Shepp und Marion Brown arbeitete, der Kompromisslosigkeit zuliebe sein eigenes Label Birth Records gründete und zwischen Hardbop-, Punk- und zuletzt sogar Hip-Hop-Experimenten stets am Puls der Zeit blieb – das alles ahnte Schleiermacher da noch nicht.

Aber er spürte in Hampels Musik: Die Freiheit und damit den Drang, weit über das heimische Porsdorf bei Dresden hinaus nach Quellen zu suchen. Schleiermacher schloss sich in Dresden einer Big Band an, schrieb sich an der Hans-Eisler-Hochschule für Jazz in Berlin ein, und kam dann über einen Workshop an Gunter Hampel. Der nahm den jungen Saxofonisten spontan in seine Band auf. „Gunter machte völlig freie Musik aus dem Bauch heraus – diese Anarchie gefiel mir“.

Später sollten ihm zwei junge Kollegen noch einmal die Weichen stellen: Max und Jan Weissenfeldt hatten Schleiermacher wegen eines Ausfalls in ihrer Band Poets of Rhythm angeheuert. „Durch sie kam ich erstmals mit äthiopischen Tonleitern, marokkanischen und westafrikanischen Rhythmen in Kontakt – all dem Stoff, den Max auf seinen Reisen mit Embryo kennengelernt hatte“.

Als Saxofonist hatte Schleiermacher sich längst von klassischen Reinheitsvorstellungen gelöst. Er liebte einen dreckig-aufreizenden Ton. Nun öffnete sich ihm eine Welt „aufregender Andersartigkeit“. Und so trat er diesem Orden der Ethno-Jazz-Nomaden bei. Während Max Weissenfeldt mit ghanaischen Trommlern am Hof des Ashanti-Königs auftrat und als Lieblings-Drummer von Black Keys -Kopf Dan Auerbach die letzten Alben von Dr. John bis Lana Del Rey rhythmisch aufmotzte, während Bruder Jan Afrobeat-Legende Ebo Taylor und sambische Rockbands begleitete, machte sich Schleiermacher nach Marokko auf. Dort improvisierte er mit Gnawa-Musikern und Sufi-Orchestern, fühlte sich hinein in eine Musik, die keine Höhepunkte, sondern nur ein unermüdliches Kreisen kannte.

Irgendwann wollte er mehr. Er reiste mit seiner Band Onom Agemo And The Disco Jumpers und einem Vierspur-Kassettenrekorder an, probte eine Woche mit den marokkanischen Freunden, und trat schließlich mit einer Art Berber-Disco-Fusion in einem örtlichen Kulturhaus auf. Das resultierende Album erscheint im Februar.

Sein anderes afrikanisches Projekt nennt sich Woima Collective . Woima wie die guineische Zeremonien-Musik. Dabei wirft Schleiermacher auch äthiopischen Jazz, Funk und die Eindrücke eines Westafrika-Aufenthalts in den Mix. Drei Monate lang war er mit der Bandkollegin Marja Burchardt unterwegs: Sie begleiteten eine Gruppe Sabar-Trommler durch die Clubs von Dakar, lebten in einem Musiker-Kollektiv in Bamako und wurden in Conakry von einer Restaurant-Band angeheuert. Offiziell und gegen Gage.

Was er von der Reise mitgenommen habe? „Die langen Melodiebögen und die rhythmische Phrasierung der Griot-Gesänge haben mein Saxofonspiel geprägt. Und dann diese Offenheit!“ Schleiermacher reißt die Augen auf, holt zu seiner Lieblings-Geschichte aus: Da war dieser Bus-Ausflug in einen Vorort von Bamako, wo er, des Französischen kaum mächtig, dem erstbesten Passanten mit Händen und Füßen zu erklären versuchte, dass er gekommen sei, um Musik zu machen.

„Er bedeutete mir mich hinzusetzen und zu warten, brachte mir einen Tee. Stunden später holte er bei einem seiner Freunde eine traditionelle Laute oder Ngoni, suchte einen schattigen Baum und ließ mich mein Saxofon einstimmen. Wir brauchten eine Weile um uns zu finden. Nichtsdestotrotz versammelten sich immer mehr Leute, fingen an zu klatschen, zu tanzen und zu singen. Wir spielten bis zur Erschöpfung.“

Weil es zu spät war, nach Bamako zurückzukehren, habe ihn sein neuer Freund zum Essen eingeladen und ein Zelt unter dem Baum gebaut. Sein Instrument ließ er draußen stehen. „Als ich mich hinlegte, fing der Wind an, Obertonmelodien auf den Saiten der Ngoni zu blasen“. Eine Magie des Geschehenlassens, die den Woima Collective-Song „Lassa“ inspirierte – und Schleiermacher einen ganz neuen lyrischen Atem bescherte.

„Frou Frou Rokko“ ist das zweite Album des elfköpfigen Berliner Ensembles, in dem unter anderem die beiden Malcouns-Kollegen Jan Weissenfeldt und Thomas Myland Schleiermachers Kompositionen umsetzen. Rhythmische Endlosschleifen, punktiert von orgelnden Adrenalin-Attacken und low-end Bässen, über die das Saxofon lange Improvisationslinien legt. Und bisweilen kippt der Afro-Funk gar ins Atonale. „Als ob sich Sun Ra einen afrikanischen Bläsersatz geholt hätte“, schwärmte ein amerikanisches Webzine. Man muss hinzufügen: Und eine Rhythmusgruppe, die den Funk meistert. Denn wenn die Malcouns und Woima Collective inzwischen auch Teil einer weltweiten Szene sind, die Budos Band in Brooklyn, die Heliocentrics in London oder die australischen Shaolin Afronauts ihr Konzept kopieren, kann es niemand mit ihrer Dynamik aufnehmen.

Ja, sagt Schleiermacher, „Tony Allens Geist schwebt über uns“. Als der Schlagzeuger des Woima Collective vor einem Auftritt bei einem holländischen Jazzfestival erkrankte, bestand der nigerianische Afrobeat-Pate darauf, bei den jungen Berlinern auszuhelfen. Genauer: Sie butterweich in Trance zu treiben. Danach, sagt Schleiermacher, wusste er wieder, was einem eine Jazz-Hochschule nicht beibringen kann. Und warum er immer wieder in den Fluss unerhörter Rhythmen und Skalen eintauchen muss. Demnächst bricht sein Woima-Collective wieder auf. Zur Fortbildung nach Äthiopien.

JONATHAN FISCHER

SZ 9.1.2015

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