Komm wieder, Black Power! In Zeiten von Ferguson beschwört das neue Album von D’Angelo die heroische Politik des Soul

Wo sind nur die Soul-Rebellen geblieben? War es nicht einst das leidenschaftliche Aufbäumen gegen die Regeln einer affirmativen Popkultur, dem wir solche düster funkelnde Meisterwerke wie Sly Stones „There’s A Riot Going On“, Marvin Gayes „What’s Going On“ oder auch Gil Scott-Herons „Reflections“ verdanken? Nein, die Krise des zeitgenösssischen Rhythm’n Blues hat nichts mit mangelnder musikalischer Innovation zu tun. Das Genre spielt mit der modernsten Studiotechnik, hat die besten Musiker und raffiniertesten Produzenten. Generiert Welthits wie „Happy“. Bringt südkoreanische Studenten bis zu senegalesischen Straßenverkäufern auf die Beine, hat gelernt seinen Hedonismus wie Sneaker und Soft-Drinks zu verkaufen. Und das ist auch in Ordnung so. Perfekte Party-Dienstleistung ist nun mal der Job der Musikindustrie. Einerseits. Andererseits: Rhythm’n Blues Sänger mit Sendungsbewusstsein haben es schwer. Weil sich im schwarzen Pop das Sexuelle längst vom Spirituellen gelöst hat. Die allumarmende Ekstase des Gospel einem autoerotischen Strebertum gewichen ist. Beyoncé tanzt sich super. Aber ihre Musik hilft niemandem, angesichts von Rassismus, gekürzten Sozialleistungen und Polizeigewalt in Ferguson und anderswo den Kopf hochzuhalten. Oder gar dem Wut-und-Zärtlichkeits-Gemisch im eigenen Bauch politischen Ausdruck zu verleihen.

Genau das schafft nun einer, der eigentlich schon längst abgeschrieben war: Michael Eugene Archer alias D’Angelo. „Black Messiah“ heißt das neue Album des 40-jährigen Sängers . Und wenn sein Werk bereits jetzt Soulgeschichte schreibt, dann nicht wegen irgendwelcher Sound-Gimmicks – alles ist altmodisch analog aufgenommen – oder der Virtuosität der Musiker. Sondern wegen seiner, genau: Mission. Der Suche nach dem verlorenen Kern schwarzer Musik. Man darf sich D’Angelo und seine Mit-Produzenten, unter anderem der Jazz-Trompeter Roy Hargrove und Ahmir Questlove Thompson – Kopf der weltbesten HipHop-Band The Roots – wie Minenarbeiter vorstellen, die in lange verlassene Stollen eindringen, hier und da Probe bohren und dabei wertvolle Rohstoffe einsammeln: Al Greens Liebesflehen, die psychedelische Rockgitarren von Funkadelic, ein Jazz-Funk-Piano oder das dunkle, rhythmische Fußstampfen eines Sklaven-Gottesdienstes. Was sie daraus machen aber ist etwas sehr eigenes: Die ultratiefen Basslinien ziehen den Hörer sofort und unwiderstehlich in ihr Gravitationsfeld. Leicht verschleppte Beats und harte Schläge auf den Beckenrand bringen ein Schlingern ins Spiel, das seit J Dilla zu den Qualitäten besserer HipHop-Produktionen gehört, und als Unschärfe und zeitliche Zerdehnung bereits den frühen Brassbands aus New Orleans ihren typischen Swing bescherte. Die butterweichen Riffs, Groove-besoffenen Keyboards und Gitarren wanken und stolzieren dem Hörer wie lang vergessene Liebhaber entgegen. Musik also, die jede Menge Geschichte im Rücken hat und doch ganz frisch klingt? Eben. Soulmusik. Das überflüssige Neo lassen wir mal weg.

 

Vierzehn Jahre lang hatte die Welt auf dieses, D’Angelos drittes Album gewartet, vierzehn Jahre lang hatte die Schaffenspause des Sängers auch die Sinn-Krise seines Genres verkörpert. 1995 machte der Mann erstmals Schlagzeilen: Sein Debut „Brown Sugar“ fiel wie Manna in eine Wüste musikalischer Banalitäten. Der Nachfolger „Voodoo“ arbeitete die hypnotische Kraft von D’Angelos Gesang noch intensiver heraus, ließ seinen Produzenten Questlove von dessen „Sensibilität“ schwärmen, und der „offensichtlichen Fähigkeit zu erkennen, was die beste Soulmusik ausmacht“. Zu dumm nur, dass sein Publikum D’Angelo auf seinen Körper reduzierte: Er hatte mit dem Video seines Nummer-Eins-Hit „Untitled“ selbst dazu beigetragen – es zeigte den Sänger halbnackt, als muskelbepackten, schweißnassen Pin-Up-Boy, eine falsche Fährte, die dem Sänger schließlich zum Verhängnis wurde. Auf seinen Konzerten fielen schlüpfrige Zurufe. Er aber wollte als Musiker geliebt werden, nicht als Sex-Symbol. Der Absturz war programmiert: Drogen, Alkohol, Schreibblockaden, viele angekündigte und wieder verworfene Alben. Letztlich waren es wohl auch die Erwartungen an den „Retter des Soul“, die D’Angelo überforderten. Und nun ein Titel wie „Black Messiah“. Wie größenwahnsinnig und egomanisch – denkt man. D’Angelo aber schreibt in den Liner Notes, „Black Messiah“ beziehe sich nicht auf ihn selbst sondern auf „eine Idee, der wir alle nachfolgen können. Wir sollten alle anstreben, ein Messias zu sein. Es geht um die Menschen, die in Ferguson, in Ägypten oder bei Occupy Wall Street aufstehen, und an jedem anderen Ort, an dem eine Gemeinschaft genug hat und für einen Wechsel kämpft.“

Das klingt wie eine uralte Gospel-Botschaft – auf HipHop-Temperatur heruntergekühlt. Gereckte schwarze Fäuste zieren das Album-Cover. Black Panther-Reminiszenz oder nicht: Als der Traum der Bürgerrechtsbewegung im Rauch brennender Ghettos aufging, fing auch der Soul Feuer. Man wollte nicht mehr gefallen. Sondern spiegelte zunehmend – wie Sly Stone mit seinem 1971er „There’s A Riot Going On“ oder Curtis Mayfields „We People Who Are Darker Than Blue“ (das D’Angelo samplet) – die gesellschaftliche Paranoia und Desillusionierung. Kein Zufall also, wenn D’Angelo heute an genau diesen Klassikern gemessen wird. Denn er ist einer der wenigen, die den gesellschaftlichen Klimawandel seit Nine-Eleven, die zerborstenen Ideale der noch im Jahre 2000 vom „Aquarian Age“ schwärmenden Brooklyn-Bohemiens, in atmosphärisch dichte Songs zu gießen vermag. Songs wie „Charade“, wo ein Prince-eskes Riff auf den neuen Realismus trifft: „All we wanted was a chance to talk/ Instead we only got outlined in chalk“. Wir wollten gehört werden und endeten als Kreideumrisse. „1000 Deaths“ eröffnet mit einer Rede über Jesus als schwarzen Mann, die in unheilvoll drängende Bässe und Würge-Gitarren mündet. Und auch wenn D’Angelo sich zwischendurch als der alte Verführer inszeniert: Liebe, Sex und gesellschaftlicher Kommentar erscheinen hier als Kontinuum. Nach den Ereignissen von Ferguson entschied sich der Soulsänger, das Album ein halbes Jahr früher als geplant auf den Markt zu werfen. Um ein Zeichen zu setzen. „Black Messiah“ allerdings steht über jeder Tagespolitik. Weil das Album ein Versprechen einlöst, das der Soul in seinen besten Momenten schon immer gegeben hat. JONATHAN FISCHER

(ungekürzte Fassung)

FAZ, 31.1.2014

 

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