Malis Schatz – Das Land am Niger ist arm, aber reich an Musik. Ein Festival soll nun Touristen zurückbringen, trotz Sicherheitsbedenken

Wir haben nicht viel Geld, keine Industrie, kein Erdöl“, hat der malische Sänger und Geschichtenerzähler Bassekou Kouyate einmal gesagt, „aber wir haben unsere Musik. Das ist unser wahrer Schatz. Früher haben die wenigsten unser Land auf der Karte gefunden. Heute wollen Menschen aus der ganzen Welt wissen, wer wir Malier sind“, so Kouyate.

  Die musikalische Ausstrahlung Malis: Man könnte sie allein an der Zahl der Reisen messen, die westliche Popstars in eines der ärmsten Länder Afrikas buchen. Auf der Suche nach uralten Klängen – und Inspiration für den Sound von morgen. Led Zeppelin -Veteran Robert Plant sowie Brit-Rocker Damon Albarn kommen bereits seit über einem Jahrzehnt zum Jammen an den Niger. Kollegen und Touristen folgten ihnen. Mali, so schien es, würde eine große Zukunft in seinen Musikfestivals haben. Noch im Januar 2012 improvisierte U2 -Frontmann Bono in den Sandbühnen nördlich von Timbuktu zusammen mit Tuareg-Nomaden einen Song über den Frieden. Es sollte die bisher letzte Ausgabe des legendären „Festival au Désert“ bleiben. Nur wenige Wochen später fegte ein Bürgerkrieg durchs Land. Tuareg, die für einen eigenen Staat kämpften, besetzten den Norden Malis, um danach von ihren einstigen islamistischen Verbündeten verdrängt zu werden. Am Ende stand halb Mali unter der Scharia, der islamischen Rechtsprechung. Und auch eine über Jahrtausende lebendig gebliebene Musiktradition drohte unterzugehen.

  Die Islamisten ließen Radio, Fernsehen, Tanz und Unterhaltungsmusik verbieten. Sie belegten Musiker mit Todesdrohungen, verbrannten deren Instrumente. Die Folge war eine Fluchtwelle aus dem besetzten Norden in den Süden. Der Tourismus kam im ganzen Land zum Erliegen. Hotelangestellte, Handwerker, Fremdenführer standen plötzlich ohne Arbeit da. Musikern, die nicht nur von traditionellen Hochzeiten lebten, brachen wichtige Auftrittsmöglichkeiten weg. Zwar dauerte der Spuk gerade mal ein knappes Jahr – dem französischen Militär gelang es bereits Anfang 2012, die Islamisten aus Städten wie Timbuktu und Gao wieder zu vertreiben. Doch die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Die Islamisten haben nicht nur die technische Ausrüstung des „Festival au Désert“ zerstört. Ihr Eroberungszug nährte auch das alte Misstrauen zwischen Norden und Süden, vertiefte die politischen Gräben zwischen Tuareg und Zentralregierung. Ausländer können den Norden des Landes bis heute nicht gefahrlos bereisen; auch 2015 wird keine Live-Musik über die Sanddünen um Timbuktu schallen.

  Viele der Bands, die dort einst eine Heimat fanden, können nun allerdings ein paar Hundert Kilometer weiter südlich auftreten: beim „Festival sur le Niger“. Das zweite große Musikfestival Malis wagt in diesem Februar eine Neuauflage, in Ségou, einer verschlafenen Stadt, in der alte Lehmbauten stehen, Eselsgespanne durch Magnolienalleen ziehen und bemalte Holzpirogen am Ufer des Niger liegen. Traditionelle Tänzer werden kommen, bildende Künstler und Theatermacher ebenso wie die besten heimischen Musiker. Spektakulär ist der Auftrittsort am Niger: Eine der Bühnen ist auf Pontons im Strom verankert. Es gibt keinen romantischeren Ort, um der Musik von Amadou & Mariam, Cheick Tidiane Seck oder Bassekou Kouyaté zu lauschen, den Blick auf die Fluten, während es nach gegrilltem Fisch duftet, fliegende Händler geröstete Erdnüsse anbieten und Touristen wie Einheimische im Ufersand tanzen. „Wir wollen zeigen, welche große kulturelle Vielfalt Mali besitzt“, sagt Festival-Direktor Mamou Daffé, „und wie diese zum Frieden und zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beitragen kann.“ Der Niger sei mehr als Wasser. Die Völker der Tuareg, Bambara, Peul, Mandinka, Wassoulou oder Bo hätten zwar alle eigene Sprachen, Kulturen und religiöse Traditionen, doch über den Fluss habe man sich seit jeher ausgetauscht. Musik sei dabei stets der Kitt gewesen. „Mit ihr steht und fällt das Selbstbewusstsein Malis.“

  Im vergangenen Jahr gab es eine Generalprobe. Nachdem das „Festival sur le Niger“ zwei Jahre lang kriegsbedingt pausiert hatte, wollen die Veranstalter nun zeigen, dass man sicher zu ihnen reisen kann, dass die Malier wieder gemeinsam feiern und tanzen, egal welcher Ethnie sie angehören. Und dass Mali ein muslimisch geprägtes und zugleich tolerantes Land ist. Das Festival lässt neben überlieferten Griot-Gesängen auch die jungen Rapper zu Wort kommen, die die Moped-Jugend der Stadt vor ihrer Bühne zu rebellischen Refrains gegen Arbeitslosigkeit und Korruption animieren. Die frivolen, teils als Frauen verkleideten Bambara-Tänzer wecken Assoziationen an die Love Parade, während weiß gekleidete Fischerfrauen bei einer Prozession mit Booten auf dem Niger die Flussgötter ansingen. Alle mischen sich auf dem Markt um das Festivalgelände: Tuareg in indigofarbenen Turbanen verkaufen ihren traditionellen, handgeschmiedeten Silberschmuck, Peul mit Schilfhüten ihre Ngoni-Lauten und Bambara-Händler die typischen Lehmdruck-Stoffe.

  „Wir lassen uns nicht spalten“, sagt Direktor Mamou Daffé. „Hier können sich die Menschen aus dem Süden und dem Norden begegnen, über ihre Wunden und ihre Hoffnungen reden und singen.“ Zwar sagt niemand öffentlich, dass das Festival ein Zeichen gegen den religiösen Fundamentalismus setzen will, doch schon der Austragungsort hat symbolische Bedeutung. Bereits 1818 und 1861 war das animistische Bambara-Königreich mit der Hauptstadt Ségou von islamischen Fula-Kriegern überrannt worden, die vorübergehend Tanz, Tabak und Alkohol verboten. So ist die Solidarität mit den ins Exil getriebenen Tuareg aus dem Norden verständlich. Sie haben als „Caravane pour la Paix“ einen eigenen Abend beim Festival. Auch wenn die Takamba Super Onze aus Gao oder die Tuareg-Rockband Amanar aus Kidal in ihren Heimatstädten immer noch nicht auftreten können, gelten ihre Fusionen aus Funk, Latin und Traditionsrhythmen in Hipster-Kreisen als Geheimtipp. „Wir haben unsere Kultur immer hochgehalten“, sagt Amanar-Gitarrist Ahmed Ag Khaedi, der seine von den Islamisten verbrannten Instrumente Stück für Stück ersetzen musste. „Nachdem sie unsere Songs als Weisen des Teufels verbannten, schätzen wir ihren Wert noch mehr als zuvor. Musik ist unser Tor zur Welt.“

  Doch welche Schwierigkeiten bereitet es, in einem an den Kriegsfolgen leidenden Land ein Musikfestival dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen, in einer Kleinstadt, vier Stunden staubige Busfahrt von Malis Metropole Bamako entfernt? Am meisten Energie habe man darauf verwendet, das Festival für die Besucher so sicher wie möglich zu machen, erklärt Festival-Sprecher Attaher Maiga. „Die Malier sind doch am meisten daran interessiert, Touristen zurück ins Land zu holen.“  Den Gästen stehen einige bescheidene Hotels und Herbergen zur Verfügung. Außerdem gibt es Kabinen auf einem Flussschiff. Oder ein voll eingerichtetes Beduinenzelt auf einem Campingplatz. „Darüber hinaus“, sagt Maiga, „haben wir eine Liste heimischer Familien, die Gäste aufnehmen.“ Das wäre die Chance, mit den Maliern nicht nur die Musik, sondern auch ihren Alltag zu teilen. Was auf so gut wie dasselbe hinausläuft.

JONATHAN FISCHER

SZ 8.6.2015

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