Afrooptimisten mit Kamera

„Die Passanten, die Alten, die Kranken, ja selbst die Verrückten sollen unsere Bilder sehen“: Die Initiative Yamarou gewinnt in Mali Jugendliche dafür, ihr Leben mit der Kamera zu erzählen. Über Fotografen, die sich als Agenten des Wandels verstehen, als Zukunftsbeschwörer.

Eine staubige Gasse im Herzen von Bamako: Zwei übermannshohe Puppen, eine ein Mann mit riesigen Pappmaschee-Händen, das andere eine hübsch frisierte Frau, wagen einen Paartanz, ihre Kleider wehen, während die Puppenspieler unter dem Gejohle einer Kinderschar die Figuren nach links und rechts wirbeln lassen. Aus einem Soundsystem an der Kreuzung nebenan schallt malischer Hiphop.

Ein Kreis von Zuschauern feuert die Breakdancer in ihrer Mitte an. Der Anlass dieser Straßenparty aber sind die umliegenden Mauern und Hauswände: Fotografen haben dort den ganzen Morgen lang mit Kleister ihre Bilder angebracht. Auf Papier hochgezogene Porträts geklebt. Familiengeschichten. Momentaufnahmen des Lebens in der Hauptstadt. Aber auch Serien zu Themen wie „Wasser“, „Heimat“ oder alten afrikanischen Religionspraktiken.

Immer wieder halten Passanten an, zeigen mit den Fingern auf Merkwürdiges und Bekanntes. „Wir wollen die Fotografie dahin bringen, wo es weder Galerien noch Museen gibt“, sagt Seydou Camara, der Gründer der Fotografen-Initiative Yamarou. „Eine Fotoausstellung muss ein Fest sein. Ein Fest der Gemeinschaft. Auch die Passanten, die Alten, die Kranken, ja selbst die Verrückten sollen unsere Bilder sehen.“

Die Foto-Biennale hat den Grundstein für aktuelle Experimente gelegt

Bamako gilt als afrikanische Hauptstadt der Fotografie. Das liegt zum einen an Namen wie Malick Sidibé oder Seydou Keïta, Fotografen, die hier seit den 60er-Jahren mit ihren Schwarz-Weiß-Porträts zu internationalem Ruhm gelangt sind, zum anderen an der seit 1994 stattfindenden Biennale „Rencontres de Bamako“. Sie ist das größte afrikanische Fotografentreffen, Ausweis der Weltläufigkeit der malischen Kapitale.

Seydou Camara, selbst ein ausgezeichneter Fotograf, hat über die Biennale Kontakte zu Kollegen in Europa und Amerika geknüpft, seine Werke auch im Ausland gezeigt. „Malier können sich für Musik und Theater begeistern“, sagt der schmale Mann mit dem Schnauzbart, „aber der Besuch von Kunstausstellungen gehört nicht zu unserer traditionellen Kultur.“ Die Professionellen blieben unter sich.

Fotografie in Mali: Seydou Camara (links), der Gründer von Yamarou, hat über die Biennale Kontakte zu Kollegen in Europa und Amerika geknüpft und zeigt seine Werke auch im Ausland.

Seydou Camara (links), der Gründer von Yamarou, hat über die Biennale Kontakte zu Kollegen in Europa und Amerika geknüpft und zeigt seine Werke auch im Ausland.(Foto: Jonathan Fischer)

„Unser Ziel ist es, diese Mauern einzureißen.“ Deshalb gingen die Yamarou-Aktivisten in die Armenviertel Bamakos, wo sie Jugendlichen Fotoapparate leihen, sie unterrichten und anschließend deren Werke auf der Straße ausstellen. Die Kunst müsse raus aus den Hotelfoyers, Chichi-Bars oder Galerien. „Die Menschen in den Vierteln sollen sich ihre eigenen Geschichten erzählen können.“

Viele der zwei Dutzend Yamarou-Aktivisten, die ihre Fotos an Hauswänden präsentieren, stießen auf diese Weise dazu. „Ich habe als Hochzeitsfotograf gearbeitet“, erklärt Al Fousseny Konaté. „Erst als ich Seydous Kurs besuchte, lernte ich, dass man mit dem Fotoapparat auch Kunst machen kann.“ Heute, sagt der 24-Jährige, mache er beides. Mit Hochzeitsbildern verdiene er seinen Unterhalt, während er bei Yamarou seiner Leidenschaft nachgehe. Inzwischen ist er selbst als Kursleiter tätig. „Es ist wichtig, das schlechte Image der Fotografie hierzulande zu korrigieren. Die meisten kennen nur Hochzeitsfotografen. Sie gelten als bloße Dienstleister, als Fototala.“ Seine Familie habe ihm geraten, lieber „etwas Anständiges“ zu machen. Über Kunst zu sprechen – das gelte mehr oder minder als „verrückt“. Aber: „Müssen wir Fotografen nicht zwangsläufig Perspektiven verrücken?“

In seinen Kursen ermutige er Kinder und Jugendliche, alles zu fotografieren, was ihnen wichtig ist. Das sei oft das erste Mal, dass sie sich bewusst mit ihrer familiären und gesellschaftlichen Umgebung beschäftigen. Zwar mangele es malischen Kindern nicht an Kreativität. Ständig bauten sie aus Fundstücken Autos, Motorräder oder Häuser. Aber ein Großteil von ihnen könne, wie 70 Prozent der Bevölkerung, weder richtig lesen noch schreiben. „Bilder spielen da eine große Rolle. Besonders wenn man lernt, ihre Sprache zu lesen.“

Yamarou, der Name der Initiative, bedeutet „Schöpfer“

Ein weiß gestrichener Neubau im Viertel Boukoba im Norden Bamakos: das Hauptquartier von Yamarou. Gegenüber spielen Kinder Fußball, aus den Moscheetürmen dahinter schallt das Nachmittagsgebet. Im Innenhof sitzen ein halbes Dutzend Fotografen auf Plastikstühlen um ein Teestövchen. Egal, ob es um die nächste Ausstellung oder defekte Kameras geht – die Teerunde, ein paar Gläser des schaumig-süßen Minztees, ist in Mali obligatorisch. Was es mit dem Namen Yamarou auf sich habe? Camara erzählt von Mandé Boukary, dem jüngeren Bruder des legendären malischen Königs Soundiata Keïta, Begründer des Mali-Imperiums im 13.Jahrhundert. Boukary habe ständig neue Musikinstrumente, Stücke und Tanzschritte erfunden. Sein Künstlername lautete „Yamarou“. Zu Deutsch: Schöpfer.

Als solche sehen sich auch dessen heutige Jünger, die Yamaristen. Sie nehmen jeden auf, der fotografieren will und sich für mehr als nur Blende und Belichtungszeit interessiert. „Wir diskutieren nicht nur über Fotos“, sagt Camara, „sondern über Ethik und gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Kani Sissoko weiß, was Fotos auslösen können. Bei einer Ausstellung in Wagadugu in Burkina Faso hätte ihre Serie über Beschneidung eine hitzige Diskussion ausgelöst. Männer gegen Frauen. Traditionalisten gegen Liberale. „Es motiviert mich, wenn ich als Künstlerin das Schweigen überwinde. Ein Trauma zur Sprache bringe, das mich und viele andere Frauen betrifft.“ Sissoko hat erst auf Umwegen zur Fotografie gefunden. Früher, sagt die Frau mit den Rasta-Zöpfchen, sei sie in Theatern und Comedy-Veranstaltungen aufgetreten.

Man kann sie sich – forscher Blick, schnelle Zunge – gut als Komödiantin vorstellen. Heute liegt es an Lehrerinnen wie ihr, dass sich immer mehr malische Mädchen für die Fotografie interessieren. In den Yamarou-Kursen stellen sie sogar die Mehrheit – und das, obwohl Fotograf traditionell als Männerberuf gilt. Sissoko kennt das Vorurteil zur Genüge. Bis sie ein Fotokurs bei Seydou Camara überzeugte: „Mit der Kamera kann ich endlich meine ureigene Geschichte erzählen.“ Sissoko, die inzwischen weltweit ausstellt, machte zuletzt eine Serie über die alte afrikanische Religion. „Im Verborgenen praktizieren auch die meisten von uns Muslimen ihre Opfer-Riten. Deshalb habe ich die Verdammung dieser Praktiken nie verstanden. Meine Bilder wollen das zurechtrücken.“

Fotografie in Mali: Die Yamarou-Aktivisten gehen in die Armenviertel Bamakos, wo sie Jugendlichen Fotoapparate leihen, sie unterrichten und anschließend deren Werke auf der Straße ausstellen.

Die Yamarou-Aktivisten gehen in die Armenviertel Bamakos, wo sie Jugendlichen Fotoapparate leihen, sie unterrichten und anschließend deren Werke auf der Straße ausstellen.(Foto: Jonathan Fischer)

Wie aber könnten Malier den Anschluss an die internationale Fotografenszene halten? In Bamako, sagt Yamaristen-Chef Camara, gebe es nach der Schließung des „Centre de Formation de Photographie“, wo er und die meisten Kollegen gelernt hatten, keine Fotografenschule mehr. Das müsse sich ändern: „Bis 2025 wollen wir eine international besetzte Akademie auf die Beine stellen.“ Finanziert wird Yamarou durch eine schweizerische und eine niederländische Stiftung. Auch Donko Ni Maaya, eine Initiative der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, hilft und gibt Fortbildungen in Kulturmanagement. Mit diesen Partnern, so hofft Camara, könne eine Schule einen gesellschaftlichen Impuls setzen.

Im Moment suche er noch nach ausländischen Dozenten. „Wir malischen Fotografen leben in einem Zwiespalt“, sagt er. „Unsere Fotos werden in Europa oder Amerika ausgestellt – aber wie können wir der eigenen Bevölkerung etwas von ihrem Wert vermitteln? Ihnen beibringen, dass es sich lohnt, Ausstellungen anzuschauen, ja Geld für den Kauf von Bildern auszugeben?“ In Mali dekoriere man die Wohnung lieber mit chinesischer Serienware. Oder bestenfalls einem Foto der eigenen Hochzeit. „Wenn man aber ein Bild etwa von Kani kauft, dann hat man gleich noch eine Wertanlage dazu.“ Gelächter. Händeklatschen. Eine Runde Tee für alle.

Das westliche Klischee sieht Afrika als Ort der Katastrophen

Die Yamarou-Fotografen könnten vieles beklagen: ihre materielle Situation, die Fotografie-Unkenntnis ihrer Landsleute, die politische Instabilität in einem der ärmsten Länder der Welt. Stattdessen verstehen sie sich als Agenten des Wandels. Zukunftsbeschwörer. Afro-Optimisten. Denn wer genau hinschaut, kann auch in Mali jede Menge hoffnungsvolle Geschichte entdecken: „Wir Malier „, sagt Sissoko, „finden auch in den schlimmsten Situationen Freude, Glück, Harmonie. Das beflügelt mich auch in meiner Arbeit.“

Seydou Camara nickt. Immer wieder diskutiere er mit den Teilnehmern seiner Workshops, „welche Ideen wir transportieren“. Wolle man westliche Klischees bestätigen, Afrika als Ort voller Katastrophen, Krankheiten und Schmutz porträtieren? Ein negatives Image weiter verstärken? Überhaupt störe ihn dieser Trend zum Tabubruch. Auf jeder Biennale sehe er ausländische Fotografen, die etwa die LGBT-Community porträtieren. Junge Malier glaubten, dass sie das Gleiche tun müssten, um Erfolg zu haben. „Ich frage sie dann, worum es ihnen eigentlich geht: Urteilen sie ? Gerieren sie sich als Voyeure? Oder bilden sie tatsächlich ihre persönliche Lebenswirklichkeit ab? Wir malischen Fotografen müssen unsere Werte respektieren.“

Seydou Camara hat eigentlich Jura studiert, wollte Anwalt werden, bevor er sich entschied, mit der Kamera zu argumentieren, die sehr malische Idee von der cohésion sociale zu verteidigen. „Ich habe Bilder von berühmten westlichen Fotografen gesehen, die malische Kinder mit Schmutz im Gesicht und rotunterlaufenen Augen zeigen. So etwas stößt mich ab.“ Er selbst habe immer versucht, den Abgebildeten ihre Würde zu lassen. Etwa in einer von ihm realisierten Serie über Albinos. Sie seien zwar in der malischen Gesellschaft oft Diskriminierungen ausgesetzt, aber warum als Fotograf nicht ihre ureigene Schönheit feiern? „Mit Yamarou vermitteln wir auch ein Menschenbild. Ich bin in meinem Herzen immer Anwalt geblieben“, sagt er. „Der Anwalt der Menschen auf den Bildern.“

JONATHAN FISCHER

SZ 14.1.2021

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.