Der HipHop-Mönch

RZA hat als Gründer des Wu-Tang Clan Popgeschichte geschrieben. Inzwischen pflegt er neben harten Rhymes auch fernöstliche Meditation.

Kann unter der harten Fighter-Schale ein weicher Kern stecken? Oder gar so etwas wie Spiritualität? Das sind Fragen, die sich bei einem Gespräch mit Robert Fitzgerald Diggs alias RZA aufdrängen.

Der weltbekannte Rapper, Schauspieler und Kopf der New Yorker Rap-Crew Wu-Tang Clan hatte mit seiner furchteinflössenden Truppe gerade einen Auftritt in Ostdeutschland absolviert und Tausende von Fans zum Mitbrüllen animiert: „Wu-Tang Clan Ain’t Nothin‘ To Fuck With“. Nun aber wirkte RZA – den langen drahtigen Körper auf dem Rücksitz eines VW-Busses ausgestreckt – entspannt wie ein Wanderer nach einem Wellnessbad.

Er zeigte auf den Vollmond am Abendhimmel über Thüringen: „Schau nicht auf meinen Finger, du verpasst das himmlische Schauspiel da draussen“. Eine Art Koan, das auf den qualitativen Unterschied zwischen dem Vermittler einer Botschaft – in diesem Fall dem Rapper RZA – und deren größerem Hintergrund anspielt. Er sagt das im Brustton eines routinierten Anführers. Und nach einer kurzen Pause: „Das habe ich von Bruce Lee“. Vom Kampfsportler? Ja! Neben der Bibel und buddhistischen Schriften sei Bruce Lee sein grösster Lehrmeister.

Über acht Jahre ist das her. RZA hatte damals gerade angefangen, sich auch als Autor philosophischer Hip-Hop-Fibeln zu profilieren: „The Tao of The Wu“ etwa enthielt eine Menge fernöstlicher Weisheiten, garniert mit ein wenig Wu-Tang-Folklore, abgepackt in Rap-kompatibler Sprache. Auch auf das Wu-Tang-Album „A Better Tomorrow“ (2014) liess er ein paar Songs mit untypischen (und von Kollegen mit Unmut quittierten) Weltfriedens- und Hoffnungsbotschaften einfliessen.

Unterdessen hat RZA keine Camouflage mehr nötig. Der stilbildende Musiker postet in den Social Media seit Neuestem regelmässig Achtsamkeits-Aufrufe: „Let’s Meditate“ – lasst uns Meditieren. In den entsprechenden Videos (etwa auf wutangclan.net) rät er seinen Millionen Follower, in sich zu gehen, zumindest für ein paar Minuten: „Wenn wir von der Aktivität zur Ruhe übergehen“, lässt er verlauten, „führt das zu bewussterem Verhalten“. Oder: „Meditation kann dir helfen, deine positiven Eigenschaften zu entdecken“. Oder auch: „Meditation kann die Rezeptoren im Hirn verändern, die für Alkohol – und Drogensucht veranwortlich sind“.

RZA meint das ernst. „Ich bin in einem Alter“, sagte er unlängst in einem Telefongespräch, „in dem man versucht, Wissen weiterzugeben, anderen Menschen zu helfen, die Blockaden ihrer Kreativität zu lösen“. Wie aber kann man sich den Clan-Paten als Meditations-Coach vorstellen? Hat der 52-jährige Wu-Tang-Star einen Weg gefunden, um in Würde zu altern? Ähnlich wie Mitstreiter Ghostface Killah als praktizierender Muslim oder wie Kanye West, der sich mittlerweile als christlicher Prediger in Szene setzt?

RZA hatte schon immer einen Hang zur Esoterik. Das zeigt schon der Künstlername RZA – beim Akronym von „Ruler Zig Zag Allah“ handelt sich um ein Zahlen- und Buchstaben-Mysterium der islamisch geprägten Five-Percenter-Sekte. Später nannte er sich in Anspielung auf die buddhistischen Shaolin-Mönche auch „The Abbott“ und liess sich dazu in entsprechendem Kapuzengewand ablichten.

Rückblickend darf man vermuten, dass es sich bei der ganzen Wu-Tang-Geschichte um das geniale Selbstfindungs-Unterfangen eines 21-jährigen, musikverrückten Kleindealers aus den Projects von Staten Island handelte. Nach einer Anklage wegen versuchten Mordes – RZA wurde freigesprochen – mag er sich geschworen haben, sein Leben wie einen Kung-Fu-Film zu gestalten. Einen Film, der Bruce Lee die Ehre erweisen sollte.

1993 debütierte der Wu-Tang Clan mit „Enter The Wu-Tang: 36 Chambers“. Die billige Produktion klang düster, die Texte wirkten surreal, die Songs kamen bisweilen ganz ohne Melodie oder Chorus aus. „Ich wollte keine Tanzmusik machen, sondern andere zu einem Gefängnisausbruch inspirieren“, sagt RZA. Das Debütalbum schlug ein, es machte den Wu-Tang-Clan zur erfolgreichsten Hip-Hop-Band. Als Bandleader schrieb RZA einerseits den Rapper-Kollegen je eine spezielle Rolle auf den Leib, andrerseits sorgte er für Lyrics mit üppigen Slang- und Kung-Fu-Einschüben sowie für dunkle, soulige Soundscapes.

Wenn sich Hip-Hop bisher zwischen Dance-Tracks und Gangster-Hedonismus bewegte, dann brachte der Wu-Tang-Clan nun jede Menge Rätsel ins Spiel. Die Geschichten von brennenden Mülltonnen, gescheiterten Überfällen, Armut und den Projects funktionierten auf mehr als nur einer Ebene. Sie verwandelten Staten Island in den Klosterbezirk Shaolin, sie überhöhten alles Profane mit Zahlenmystik, stets machten sie einen höheren Sinn geltend im weltlichen Chaos. Wann hatte Hip-Hop schon einmal so viel Mythisches transportiert?

Seitdem hat sich RZA konstant bewegt: Als Rapper aus dem Ghetto fand er einen Weg in ein Hip-Hop-Schamanentum, das sich bei Indianer-, Buddhisten- und Aborigines-Weisheiten bediente. RZA gründete überdies die Hip-Hop-Chess Federation, eine Initiative, die Schulkindern eine Kombination aus Schach, Kampfsport und Hip-Hop anbietet – „um Geist und Körper zu formen“. Er spricht nun an Schulen über die „kreative Umwandlung von Aggressionen“. Als Veganer propagiert er, „Tierleben nicht mehr für den schnellen Profit zu opfern“.

Über allem aber steht RZA‘s Engagement für einen Crossover-Buddhismus, in dem Hip-Hop ebenso Platz hat wie Kung Fu. Bereits 2012 hat RZA mit seinem Lehrmeister und Freund Jim Jarmusch einen Hollywood-Kung-Fu-Film gedreht. „Man With The Iron Fists“. Der Hip-Hop-Produzent lieferte dabei die Musik, gab selbst den Hauptdarsteller – einen Schmied, der die Armen und Unterdrückten verteidigt – und legte sich Sätze in den Mund, die an Bruce Lee erinnerten: „Ertrinke im Teich und werde wie Wasser“.

RZA liebt solche Sentenzen. Ihn hätte die philosophische Botschaft von Bruce Lee stets mehr berührt als die Kampfszenen. Das gilt auch für die Sequenz aus ‚36 Chambers‘, die den Jungen aus dem Ghetto einst zur Gründung des Wu-Tang Clan inspiriert habe: „Da trifft ein junger Mönch auf seine Meister: Er will kämpfen, für sie aber zählt allein die geistige Haltung.“

RZA hat aber auch jahrzehntelang Kung Fu trainiert. Wie hat ihn das verändert? Der zertifizierte Kung-Fu-Meister lächelt, lässt kurz die Goldzähne aufblitzen: „Ich habe gelernt, meine Gedanken zu zähmen.“ Wie das funktioniert, zeigt sein vor einem Jahr inmitten der ersten Corona-Panik veröffentlichtes Album „Guided Explorations“. Tazo, eine grosse Tee-Firma, übernahm die Promotion und organisierte ein zweitägiges „Tazo Camp“ auf Staten Island, wo ausgewählte Teilnehmer unter RZAs Anleitung meditieren, Schach spielen, philosophieren und zeremonielles Teetrinken lernten.

Unterdessen richten sich RZAs Predigten auch gegen viele Hip-Hop-typische Egomanien. So erklärt er auf „Guided Explorations“ Techniken, die helfen sollen, mit vergiftenden Gedanken und Gefühlen umzugehen: „Der Druck der Konkurrenz kann dich stagnieren lassen.“ Oder: „Versuche nicht dem Chaos zu entfliehen, sondern finde die Ordnung darin“. Man mag das so oder ähnlich schon in mancher Selbsthilfefibel gelesen haben. Aber im Bariton des Wu-Tang-Abbott klingt das dann doch irgendwie überzeugender und smarter. Eines macht RZA allen Fans klar: Spiritualität ist nicht nur für Sitzkissen-Softies.

JONATHAN FISCHER

NZZ 5.1.2022

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