Hilferuf aus Mali – „Wir bräuchten ein beherztes Eingreifen der internationalen Gemeinschaft“, sagt Oumar Yamadou Diallo. Der Archäologe fürchtet um das Kulturerbe seines von Dschihadisten bedrohten Landes.

Mali durchlebt seine größte Krise seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960. Im vorigen Jahr übernahm das Militär die Macht von einer korrupten Regierung, seitdem ist das Land ökonomisch am Boden und international weitgehend isoliert. Der Staat kontrolliert kaum mehr als die größeren Städte: Dschihadistische und andere bewaffnete Gruppen verüben regelmäßig Anschläge und terrorisieren die ländliche Bevölkerung. Nun bedrohen sie auch das kulturelle Welterbe Malis. Oumar Yamadou Diallo, Archäologe, Historiker und ehemaliger Ausstellungsleiter des malischen Nationalmuseums, über die Gefährdung jahrhundertealter religiöser Kultstätten und Traditionen.

SZ: Die malische Bevölkerung leidet gerade unter Armut, Hunger und zunehmender Unsicherheit. Ist da die Erhaltung des malischen Weltkulturerbes nicht ein sekundäres Problem?

Oumar Yamadou Diallo: Nein, unsere kulturellen Traditionen sind unser Reichtum und unser historisches Prestige. Sie haben unser Land immer zusammengehalten, den Geist der Toleranz begründet, für den Mali so berüchtigt ist. Wir können stolz sein auf die Leistungen unserer Vorfahren: Bereits im 6. und 7. Jahrhundert wurde in unserer Region das erste afrikanische Imperium gegründet. Später schrieben malische Könige wie Mansa Musa oder Soundiata Keita Geschichte. Die Zeugnisse dieser Vergangenheit verdienen es, geschützt zu werden. Aber nun sind sie in großer Gefahr.

Von wem geht die Gefahr aus?

Wir haben in Mali 19 Ethnien, die meist friedlich zusammengelebt haben. Aber der Zusammenhalt ist zerbrechlich. 2012 hat eine kleine, aber schwer bewaffnete Minderheit von Tuareg und Islamisten den Norden Malis besetzt und versucht, die Macht an sich zu reißen . Seit 1962 hatte es immer wieder Rebellionen der Tuareg gegen die Regierung gegeben, um sich und ihrer unterentwickelten Region mehr Rechte zu sichern. Aber nun ist etwas Neues dazugekommen: Dschihadisten oktroyieren dem Land ihre radikale Ideologie auf. Ihnen war der tolerante, mit animistischen Praktiken durchsetzte Islam der Mehrheit der malischen Bevölkerung schon immer ein Dorn im Auge.

Und nun wollen sie zerstören, was nicht ihrer Auffassung von Religion entspricht?

Wir haben das bereits erlebt, als die Dschihadisten im Jahre 2012 ein Jahr lang den Norden beherrschten. Ich war damals traurig und wütend, dass ein paar Fanatiker mit ein paar Spitzhacken in der Lage sind, unser malisches Kulturerbe zu zerstören.

Können Sie Beispiele nennen?

In Timbuktu etwa, der Stadt der 333 Heiligen, gibt es 333 Mausoleen. Die Menschen dort verehren sie glühend. Die Besatzer aber sagten, das entspreche nicht ihrer Version von Islam – und begannen damit, die Mausoleen mit Spitzhacken zu zerstören. Darüber hinaus haben sie alte Bücher aus den örtlichen Bibliotheken verbrannt. In einer der drei großen Moscheen Timbuktus , Sidi Ya, haben sie ein jahrhundertealtes Tor eingerissen: Von ihm hieß es, wenn es falle, dann bedeute das den Weltuntergang.

Die Vertreibung der Dschihadisten durch die Franzosen im Jahre 2013 hat sich als nicht dauerhaft erwiesen. Im Moment destabilisieren islamistische Gruppen wie Katiba Macina zunehmend das Zentrum und sogar den Süden Malis.

Diese Gruppe von Islamisten hat ihre Basis vor allem bei jungen Peulh-Hirten. Sie tun so als hätten sie den Islam noch mal neu erfunden. Dabei gab es in Timbuktu bereits im 14. Jahrhundert Universitäten und islamische Gelehrte, pilgern Koranschüler aus ganz Afrika seit jeher zu den berühmten alten Koranschulen in Mopti und Djenné. Das Herz des westafrikanischen Islam schlägt hier. Seit ein paar Jahren aber hat ein radikaler örtlicher Prediger namens Amadou Kouffa viel Einfluss gewonnen. Seiner Lehre nach sind alles Westliche, die französische Sprache und weltliche Schulen haram.

Warum fallen solche Ideen bei den Jugendlichen vom Land auf derart fruchtbaren Boden?

Die dschihadistischen Ideologen aus dem Ausland haben in Mali ideale Bedingungen vorgefunden: einen schwachen Staat, und jede Menge Jugendliche ohne Perspektive. Diese arbeitslosen ehemaligen Koranschüler sind ihre Rekruten . Sie bekommen von ihnen Essen, Motorräder, Waffen und Schießunterricht, um Gendarmerieposten und Militärs anzugreifen, oder um Drogentransporte durch malisches Gebiet zu sichern. Dabei treffen sie auf wenig Gegenwehr. In den vergangenen Jahren haben die Dschihadisten in großen Teilen Malis französischsprachige Bücher verbrannt, Lehrer bedroht, über 800 Schulen gewaltsam geschlossen, die Bürgermeister und Präfekten vertrieben. Selbst die einst dort stationierten Militärs haben ihre Posten aufgegeben.

Oft werden die Zustände in Zentralmali als Konflikt zwischen verschiedenen Ethnien, also den Peulh und den Dogon geschildert. Trifft das den Kern der Krise?

Die Peulh und Dogon haben jahrhundertelang friedlich koexistiert. Sie gelten als Cousins, sprechen die Sprache des jeweils anderen, ihre Verwandtschaft ist heilig. Hier geht es aber auch um einen Konflikt zwischen knapper werdenden Weidengründen der Peulh-Hirten auf der einen und dem Ackerland der Dogon-Bauern auf der anderen Seite. Dazu kommt eine verschiedene Auslegung des Islam. Während sich viele Peulh islamistischen Predigern angeschlossen haben, praktizieren die Dogon einen Islam, der auch Praktiken afrikanischer Religionen mit einschließt. Besonders bei Geburt oder beim Tod behalten sie traditionelle Zeremonien bei. Für die Islamisten gelten sie deshalb als Ungläubige.

Und deshalb wollen sie deren heilige historischen Traditionen und Kultstätten zerstören?

In Zentralmali stehen einerseits einige der berühmtesten Gebetsstätten des traditionellen Islam in Westafrika. Etwa die Moschee von Djenné, der größte Lehmbau der Welt. Auf der anderen Seite sind in der Gegend von Bandiagara viele Zeugnisse einer uralten, längst untergegangenen afrikanischen Kultur erhalten. Etwa die in die Felsenklippen und Überhänge der Felsklippen gebauten Lehmsiedlungen der Telem, eines Volkes, das die Region vor der Ankunft der Dogon im 15. Jahrhundert besiedelt hatte. Heute stellen deren Miniaturhäuser, Kornspeicher und Totengrotten so etwas wie ein lebendiges Freilichtmuseum dar. Einige der Mauerwerke konnte man zurück auf das zweite und dritte Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung datieren.

Im Westen sind die Dogon vor allem durch ihre legendären Tier-Masken bekannt.

Ja, die Dogon haben eine hohe Kultur der Maskentänze entwickelt. Dazu gehören über hundert verschiedene Typen von Tiermasken, die alle speziellen Energien und Zeremonien zugeordnet sind. Den Höhepunkt der Dogon-Kultur aber gibt das Sigui-Fest. Es wird nur alle 60 Jahre gefeiert. Aber all diese alten Traditionen, die Masken, Tänze und Feste wollen die Islamisten mit Gewalt unterdrücken.

Hatten die Muslime in Mali in der Vergangenheit Probleme mit diesen archaischen religiösen Praktiken?

Nein, es hatte bisher niemanden gestört. Ich bin selber Muslim. Aber ich halte mich an den Koran. Dort steht: Praktiziere deinen Glauben und lasse die anderen den ihren praktizieren. Nirgends steht geschrieben, dass man Andersgläubige mit Gewalt bekehren oder gar töten soll. Jede Ethnie in Mali hat ihre traditionellen Praktiken. Sie blieben mit und neben dem Islam bestehen. Jetzt behaupten Eiferer plötzlich, das Orakel aus Kauri-Muscheln oder die Geomantie seien schlecht.

Sie sprechen vom traditionellen Wahrsagen aus Sandspuren?

Ja, in Mali ist das eine hohe Kunst. Ich selbst habe bei den Dogon lange die Geomantie studiert: Man lässt einige Samen oder Bohnen über Nacht in einem Sandfeld liegen. Am nächsten Morgen sieht man die Spuren der Füchse, die darübergelaufen sind. Gelehrte können daraus schicksalhafte Ereignisse lesen. Man sollte solche jahrhundertealte Praktiken um keinen Preis der Welt aufgeben.

Sprechen Sie da nur als Museologe oder sehen Sie auch einen praktischen Nutzen?

Meine Eltern haben beide das Kauri-Orakel gelesen, Freunde von mir betreiben die Geomantie. Unsere Marabouts oder heiligen Männer mischen Koransprüche und islamisches Wissen mit traditionellen Praktiken. So sagen sie dir deine Zukunft voraus. Wenn ich ein Problem habe, besuche ich selbstverständlich einen Marabout. Damit etwas gelingt, musst du etwa ein Huhn, einen Hahn oder eine Ziege opfern. Für die Islamisten ist das aber haram.

Auch die Imame müssen sich vor den Dschihadisten fürchten?

Ja, insofern sie den überlieferten toleranten Islam vertreten. Ich behaupte, dass ein Großteil der malischen Imame selbst beim Besuch der Moschee ein paar Gris-Gris – also von Feticheurs oder traditionellen Heilern gefertigte Zauber- und Abwehrmittel – in der Tasche haben, um sich vor bösen Absichten zu schützen.

Haben die malischen Autoritäten genug getan, um das kulturelle Erbe des Landes zu dokumentieren und zu konservieren?

Das Nationalmuseum hat Artefakte in allen Regionen Malis gesammelt. Im Depot des Museums finden sich Musterstücke fast aller Dogon-Masken. Aber diese Sicherung hat ihre Grenzen. Es gibt viele Objekte, die wir an Ort und Stelle lassen müssen, weil sie eine Rolle für religiöse Rituale spielen, wie etwa die Totengrotten im Dogonland. Dort werden bis heute Opfer gebracht.

Was kann der Westen in dieser Situation tun, um die Menschen, aber auch ihr kulturelles Erbe besser zu schützen?

Wir bräuchten ein beherztes Eingreifen der internationalen Gemeinschaft – also den Auftrag, uns mit Waffen zu schützen. Bisher läuft es so: Wenn die Dschihadisten wie in Tumbuktu abgezogen sind, dann kommt die Unesco und versucht, die zerstörten Mausoleen, dieses Weltkulturerbe, wieder aufzubauen. Es wäre aber besser, man würde erst gar nicht dessen Zerstörung zulassen.

Reicht der Einsatz der UN-Friedenssicherungstruppe Minusma denn nicht aus?

Die Minusma wird in Mali wegen ihrer Untätigkeit kritisiert. Die UN-Soldaten sind vor allem damit beschäftigt, sich selbst zu schützen, vielleicht bauen sie hier und da mal einen Brunnen. Aber sie haben die Massaker an der Zivilbevölkerung nicht verhindert. Deshalb hat die Mission – genauso wie der Militäreinsatz der Franzosen – die Unterstützung bei einem Großteil der Bevölkerung eingebüßt. Wenn bewaffnete Banden hier ungehindert alles niederbrennen, dann betrifft das nicht nur Mali. Nein, die ganze Welt verliert einen Schatz.

JONATHAN FISCHER

SZ 29.12.2021

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