Eine Rapperin kämpft für die Frauen Malis

Rebellin gegen Familie, Tradition, Patriarchat: Ami Yerewolo war lange Zeit die einzige Rapperin, die sich im Männer-dominierten HipHop Malis durchsetzen konnte. Das ändert sie nun: Mit einem von ihr organisierten HipHop-Festival nur für Frauen.

Ami Yerewolo könnte einer dieser Raubtier-gepimpten Parfum-Werbungen entsprungen sein. Distanzierte Pose, androgynes Styling, die scharf geschnittenen Gesichtszüge so undurchsichtig wie eine afrikanische Maske. Möglicherweise aber ist ihre Coolness nur Notwehr. Eine Art Schutzpanzer. „Ich bin die meist beleidigte und am wenigsten gebuchte Rapperin Malis“, sagt sie ohne eine Mine zu verziehen. Das ist nicht mal arg übertrieben: Einerseits weil Yerowolo lange als einzige Frau überhaupt durchhielt. Andererseits weil in Mali selbst im HipHop-Business traditionelle Rollen- und Kleiderordnungen herrschen.

Selbst hier im Innenhof des polyglotten Institut Francais fällt die zierliche Rapperin mit dem Büschel Dreadlocks auf. Sie trägt weder Rock noch das frauentypische Damast-Kostüm. Stattdessen Slipper, elegante Anzughose, enges T-Shirt. Als sie die überdimensionierte Sonnenbrille abnimmt, blitzt ein Hauch von Spott aus ihren Mandelaugen. „In Mali will dir jeder sagen, was du als Frau zu tun und zu lassen hast. Vor allem solltest du erst mal heiraten und Kinder kriegen“. Yerewolo dagegen hat ganz selbstverständlich ihre Lebenspartnerin zum Interview mitgebracht. Dass die Rapperin einen anderen Weg gewählt habe, sei nicht nur bei ihrer Familie auf Unverständnis gestoßen. „Viele aus der HipHop-Szene glaubten, dass ich spätestens nach ein zwei Jahren wieder in der Versenkung verschwinden würde . So wie vor mir alle anderen malischen Rapperinnen auch“

Nun ist sie schon 10 Jahre dabei. Und kontert alle Spötter mit dem Album „AY“. AY wie Ami Yerewolo, wie ein trotziges: „Ihr kriegt mich nicht unter “. Das Meisterwerk der Malierin wurde vom Kameruner Blick Bassy in Paris produziert und unterlegt Yerewolos Selbstbehauptungs-Raps mit einer Mischung aus Elektronik, afrokaribischen Beats, Bläsern, Flöten und traditionellen Melodien. Nie klang die Malierin lässiger. Nie so sehr auf der Höhe einer Zeit, in der afrikanische Elektro-Spielformen sich ihren Weg auch in westliche Avantgarde-Clubs bahnen. „AY“ stellt sie in eine Reihe von weiblichen afrikanischen Pop-Superstars wie Muthoni Drummer Queen, Yemi Alade oder Tiwa Savage. Ami Yerewolo klingt dabei auf eine sehr malische Weise uralt und urban zugleich. Weibliche Selbstermächtigung buchstabiert sich hier noch mal anders als in Europa oder Nordamerika. .

„Ich danke Gott, jeden Tag dass er mich mit meinem Körper und meiner Seele so wie ich bin geschaffen hat. Mash’allah!“ Ähnliches sagt sie auch gerne von der Bühne herab, erinnert die Männer daran, sie seien alle mal „aus dem Bauch einer Frau gekommen“, und fragt, ob es denn irgendetwas gäbe, was die vermeintlichen Herren der Schöpfung einer Frau voraus hätten? Yerewolo nutzt den Angriff als Verteidigung – und hat einen trockenen, desillusionierten Witz auf ihrer Seite. Dafür redet sie in ihren Songs so gut wie nie von all den amourösen Turbulenzen, die afrikanische Pop-Chanteusen so gerne beschwören. Liebe, Eifersucht, spendable Verehrer? Der Rapperin geht es um Grundsätzlicheres. Um Respekt. „Ich bin gekommen um eine Kette zu sprengen.“

Tatsächlich war die 29-jährige mehrmals kurz davor gestanden, aufzugeben. Wie ihre Kolleginnen das Mikro endgültig fallen zu lassen: „Zuerst riet man mir ganz freundlich: Such dir etwas anderes, du machst deine Familie nur unglücklich. Außerdem kannst du es in einem Land wie Mali sowieso nie schaffen.“ Selbst wenn ich das allergrößte Talent besäße: Ich bliebe eben doch eine Frau. Als das nicht wirkte, hätten Konzertveranstalter, Radio-DJs, die Männer im Musikbusiness sie schlichtweg boykottiert. Nichts, sagt Yerewolo, töte effektiver als Indifferenz. Und das gerade in einem Land, in dem wie überall in Westafrika, männliche Rapper Fußballstadien füllen, von jedem zweiten Kleinbus prangen und oft mehr Vertrauen genießen als die Politiker. Yerewolo aber reagierte trotzig: „Was wäre denn wenn alle Frauen so schnell aufgeben würden? Ich war des Familienfriedens wegen bereits von zu Hause ausgezogen, hatte mir mit Jobs als Nachhilfelehrerin, Sekretärin oder Putzfrau das Geld für die Studiomiete verdient. Jetzt musste ich anderen nachwachsenden Talenten ein Beispiel geben“.

Zum Rap war Yerewolo durch einen Musikwettbewerb in ihrer Schule gekommen. Aufgewachsen in Mahina, einem Dorf in der Nähe von Kayes, hatte sie kaum eine Ahnung von internationalem HipHop. Stattdessen orientierte sie sich an Mandingue-Musikern wie Salif Keita oder Oumou Sangare. Nur dass sie glaubte, in gesprochenen Reimen mehr von sich selbst erzählen zu können. Mit ein paar Cousins und Cousinen bildete sie eine HipHop-Crew. Den Schulpreis gewann sie zwar nicht. Aber Aminata Danioko – so ihr bürgerlicher Name – war angefixt. Sie nannte sich fortan Yerewolo: Auf Bambara bringt dieses Wort die Bewunderung für eine authentische Person zum Ausdruck. Oder auch für ein enfant terrible.

Ihr Vater ließ die Schülerin unter einer Bedingung gewähren: Dass sie ihr Abitur und eine Ausbildung absolvierte. Yerewolo machte – nach abgebrochenem Medizinstudium – eine Lehre als Bankkauffrau, merkte aber nach ihrem ersten Berufsjahr in einer Bank in Kayes, dass sie ihre Medizin brauchte. Medizin in Form von Raps. „Jedesmal wenn es mir schlecht ging, andere mir reinredeten, schrieb ich einen Song, in dem ich mir selber Mut zusprach“. Ami kündigte, hielt sich mit Jobs und Auftritten bei Balani Shows – traditionellen dörflichen Feiern und Familienfesten – über Wasser. Lauryn Hill und Queen Latifah schienen weit weg. Der Glamour ihrer HipHop-Ahnfrauen noch nicht in den „Brousse“, also den malischen Busch, durchgesickert.

2014 veröffentlicht Yerewolo ihr Debut-Album „Naissance“, vier Jahre später folgt „Mon Combat“. Zwischen Kora,Synthesizer und spärlichen Beats glimmt und glüht da der Widerstandsgeist einer fast Abgeschriebenen.

Dann kam 2020 ihr Auftritt beim Schweizer Festival „Show Me“. Ein Showcase für unabhängige Talente, wo einer der Mitbegründer, der kamerunische Bassist und Produzent Blick Bassy sofort Yerewolos Qualitäten erkannte: Ihre auf Bambara und Französisch gehaltenen Raps hatten diesen furios-femininen Flow. Diese Frau verwandelte ihre Wut in einen strahlenden Meteoriten-Schweif. Bassy nahm Yerowolo unter Vertrag. Und produzierte sie als erste Künstlerin auf seinem eigens gegründeten Label Othantiq AA. Bassy ermutigte die Rapperin, auf die Konventionen von Afrobeats und HipHop zu pfeifen. Und stattdessen nur sich selbst auszudrücken. „Es war das erste mal“, sagt sie, „dass mich jemand ohne Wenn oder Aber akzeptierte“.

Dazu passt Yerowolos neuestes Video: „Je Gère“ – auf Deutsch in etwa „Ich schmeiß den Laden“. Man sieht die Rapperin, angemalt wie eine Kriegerin, auf einem weißen Pferd durch die Wüste reiten. Sie hält die Zügel in der Hand. In einer konservativen Gesellschaft wie Mali, wo viele Frauen ihre Männer noch um Ausgang bitten müssen, hat das durchaus Brisanz. „Zehn Jahre lang hat mir niemand unter die Arme gegriffen“, sagt Yerewolo, „ also hat auch niemand das Recht, sich einzumischen“. Von ihrem Hürdenlauf über Konventionen handelt auch „Ibamba“. Übersetzt heißt das in etwa „Durchhaltewillen“. Eine Abrechnung mit Musikmanagern und männlichen HipHop-Kollegen, die sie links liegen ließen. „Man nennt mich gerne abwertend eine Feministin.“ Yerewolo kräuselt den Mund, das F-Wort mag sie nicht. Zu viel westliche Schublade. „Ich bin Humanistin, ich arbeite für gleiche Chancen für alle.“

So betreibt Ami Yerewolo nicht nur ihre eigene Künstleragentur „Denfari Event“. Sie hat auch ein jährliches Gipfeltreffen malischer Rapperinnen ins Leben gerufen: „Le Mali a des Rapeuses“. ‚Ein HipHop-Festival nur für Frauen, das nachwachsenden Rapperinnen Türen öffnen, ihnen die Beratung und Unterstützung geben soll, die Yerewolo selbst gefehlt hatte. „So viele junge Frauen in Mali interessieren sich heute für Rap. Aber sie haben Angst: Vor ihrer Familie, vor der Häme der Männer, davor, in der HipHop-Szene nur ausgenutzt zu werden“. Ihre Stimme schneidet wie ein Messer, das erst im ständigen Abrieb gegen Patriarchat, Macho-Gehabe und konservativen Islam seine Schärfe bekommt.

Dann lächelt die HipHop-Queen aus Bamako – zum ersten mal. „Dank unserem Festival haben wir auch einige der Veteraninnen zurück ans Mikro gelockt“. Diejenigen, die einst vor der Macht der Männer resigniert hatten. Für die jungen Mädchen seien sie die „grand soeurs“. Große Schwestern, die Workshops anleiten, und ihnen Erfahrungen austauschen. Was sie den Jüngeren am Dringendsten mitgeben wolle? „Ich hätte ich es mir leichter machen können, indem ich mich als sexy Weibchen präsentiere. Aber das kam für mich nie in Frage“, Yerowolo rückt ihre Sonnenbrille zurecht. Nachdem die ersten vier Ausgaben von „Le Mali a des Rapeuses“ – in diversen Jugendzentren und hier im Institut Francais – hoffnungslos überlaufen waren, möchte sie für den nächsten Februar expandieren: „Wir rappen dort, wo sonst nur Männer spielen. Ich denke daran, ein Fußballstadion anzumieten“.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Version in der NZZ, 25.8.2021

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