GESTRANDET IN EUROPA

Von der Berliner Boheme ins sizilianische Auffanglager: Der nigerianische Autor Helon Habila schildert in seinem Roman „Reisen“ Schicksale afrikanischer Migranten in einer Zwischenwelt

Es sind schon viele Fluchtgeschichten nach Europa erzählt worden. Vielleicht zu viele. Was kann man ihnen noch hinzufügen, wenn seit einigen Jahren Nachrichten von überfüllten und gekenterten Booten im Mittelmeer bereits zu einem emotionalen Distanzierungseffekt geführt haben? Hier findet Helon Habilas neuer Roman den vielleicht einzigen Weg, sich durch die Hornhaut der Gewöhnung zu bohren. Zwar beruft sich „Reisen“ auf wahre Geschichten. Aber dann greift Habilas Mosaik von Migranten-Tragödien weit über das Dokumentarische hinaus, zieht er den Leser mit klarer, lakonischer Sprache in einen Strudel aus Verwicklungen und Absurditäten hinein. Halluzinatorische Puzzlefragmente. Reste von Erinnerung, die stärker wirken als bloße Fakten: „Im Wasser brodelt es“, träumt der Erzähler, „Fische. Ein ganzer Schwarm stürzt sich wie wild auf Futter, aber als ich mich weiter vorbeuge, beinahe berührt mein Gesicht das Wasser, sehe ich, es sind keine Fische, sondern Menschen. Menschen, die um sich schlagen, das Gesicht nach oben gewandt, winzige Hände, die sich mir entgegen strecken“.

Anfangs scheint da noch dieser sichere Abstand: Der Ich-Erzähler, ein nigerianischer Doktorand, begleitet seine amerikanische Künstlergattin Gina für ein Auslandsjahr nach Berlin. Vielleicht kann er hier ja Material für seine Doktorarbeit finden. Ihr Thema: Die Berliner Konferenz von 1884, diese willkürliche Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten, die mit zur Flüchtlingskrise von heute beigetragen hat. Auf seinen Streifzügen durch die Straßen Berlins fühlt er sich unwillkürlich von den Schicksalen anderer Migranten angezogen. Menschen, die sich an die Wracks ihrer Geschichten klammern.

Da ist Manu, ein libyscher Arzt, der nun als Türsteher arbeitet. Er hat seine Frau und sein Kind aus den Augen verloren, seit ihr Boot im Mittelmeer gesunken ist. Jeden Sonntag sucht er sie am Checkpoint Charlie – einer alten Verabredung mit seiner Frau folgend.

Oder Mark: Ein transsexueller Pfarrerssohn, der aus seiner intoleranten Heimat geflohen ist und nun im Berliner Künstler-Milieu Verbündete findet. Mark zitiert Marechera, Dostojewski, Caravaggio, Knut Hamsun – und ergeht sich in Deklamationen : „Was ist der Sinn von Kunst, wenn nicht Widerstand?“ „Widerstand wogegen?“ „Einfach nur Widerstand, aus Prinzip“. Am Ende wird Mark vom Dach des Flüchtlingsheims in den Tod springen.

Der Ich-Erzähler weiß um die Privilegien seines Migrantenlebens im Gegensatz zu ihrem. Auf den ersten 74 Seiten scheint er jederzeit bequem in seine Boheme-Welt, zu seinen Büchern und den Dinners mit Ginas Künstlerkollegen zurückkehren zu können. Er ist ein neugieriger Flaneur, weit entfernt von jeder Flüchtlingstragödie. Dann aber trennt er sich von seiner Frau und die Geschichte verdüstert sich zunehmends. Der Erzähler schlüpft in die Geschichten seiner Gesprächspartner wie in abgetragene, geflickte, Mäntel. Am Ende wird er selbst einer von ihnen.

Tatsächlich hat der nigerianische Autor Habila, der als Professor in den Vereinigten Staaten lehrt, 2013 bis 2014 ein Jahr im Rahmen eines akademischen Austausches des DAAD in Berlin verbracht. Das Buch schuldet sich Notizen aus dieser Zeit. Zeugnisse von Überlebenden, deren Veröffentlichung er versprochen hatte. Kurz nach Habilas Ankunft in Deutschland waren 366 Menschen beim Kentern eines Bootes mit Flüchtlingen vor Lampedusa gestorben – der Schriftsteller sollte später einige der Geretteten in Berlin treffen. Die Wucht ihrer Geschichten lässt ihn nicht mehr los. Der 53-jährige Autor hatte bereits zuvor politisch brisante Themen aufgegriffen: „Öl auf Wasser“ sein einziges anderes auf Deutsch übersetztes Buch handelt von einer Geiselnahme im Niger-Delta. Und „The Chibok Girls“, das 2017 erschien, widmet sich den von Boko Haram in Nordnigeria entführten Schulmädchen. Die Flüchtlingskrise aber führt seine Erzählung erstmals aus Afrika heraus nach Europa. In die Spannung zwischen den Kontinenten, zwischen Lebensrealitäten und Überlebens-Fiktion. „Erfundene Geschichten sind die Währung unter den Heimatlosen, den Entwurzelten“, schreibt Habila. „Das Wasser das sie alle überschritten haben, um hierher zu kommen, hat die Vergangenheit weggespült.“

Der Roman teilt sich in sechs Bücher auf. Sie beginnen als erratische Einzelgeschichten, folgen Zufallsbegegnungen und Augenblicks-Wendungen, deren lose Enden sich erst später zum Teil berühren und verfransen werden.

Etwa in der Figur von Portia: Die junge sambische Studentin hat wie der Erzähler einen Pass. Ihre Familiengeschichte ist von ihrem in London lebenden Vater, einem politischen Dichter und „Berufsexilanten“ geprägt. In Europa wurde er jahrzehntelang als „Gewissen Afrikas“ gefeiert. Bei seiner Rückkehr nach Sambia, wo er längst vergessen ist und ihn zu seiner Enttäuschung nicht einmal die Geheimpolizei am Flughafen erwartet, gerät er in eine tiefe Depression. Zusammen mit dem Erzähler will Portia das Rästel um den Tod ihres Bruders lösen. Zusammen reisen sie nach Basel, wo sie die Frau befragen will, die ihren Bruder erst heiratete und dann auf die Bahngleise schubste. Es wird nicht viel dabei herauskommen. Aber wie so oft in „Reisen“ geht es nur zweitrangig um Fakten. Eher sind es die Reflexionen über migrantische Zwischenwelten, die die Reise des Paares markieren – ihr gemeinsames Tasten nach Zugehörigkeit in der Fremde. Habila versteht es, die richtigen Fragen zu stellen. Er betrachtet Europa durch die Augen seiner Migranten: Als Wechselbad zwischen Wiederbelebung und existentieller Verlorenheit.

Im letzten Drittel des Buches rutscht der einstige Erzähler selbst in die Rolle des Gestrandeten. Nachdem er seine Dokumente verloren hat und auch noch in den falschen Zug gestiegen ist – holt ihn der Alptraum ein, gegen den er, der nigerianische Austausch-Akademiker gefeit zu sein schien.

Er landet in einem Auffanglager an der sizilianischen Küste. Starrt in stummer Resignation aufs Meer: „Er ist jetzt seit einem Monat hier. Man hat ihn von Lager zu Lager weitergereicht. Er ist sehr krank und ich fürchte, er macht es nicht mehr lange“. Hier nimmt das Buch eine Wendung zu einer unvorhersehbaren, fast märchenhaften Dramaturgie. Etwa wenn die Frau des libyschen Artes auftaucht – als Geschichte einer Afrikanerin mit Gedächtnisverlust, die in der Nähe an den Strand gespült wurde und einen italienischen Helfer geheiratet hat.

Habila schreibt eine dystopische Innenansicht migrantischer Erfahrungen in Europa. Wärme und Hoffnung liefern da bestenfalls Solidaritätsgesten untereinander. Vor allem aber bringt uns „Reisen“ die Leben von Geflüchteten in ihrer ganzen Komplexität nahe. So nahe, dass es weh tut.

Helon Habila „Reisen“ (aus dem Englischen übersetzt von Susann Urban), Afrika Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2021, 314 Seiten

JONATHAN FISCHER

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