„Es fehlt eine Normalisierung“

Der britische Autor Johny Pitts über sein Buch „Afropäisch“ , den übersehenen schwarzen Einfluss auf die europäische Kultur und das Gefühl, auf einer Berliner Antifa-Demo mitzulaufen

Johny Pitts wuchs in Sheffield als Sohn eines afroamerikanischen Soulsängers und einer weißen englischen Mutter auf. Er arbeitet für MTV, den Discovery Channel und die BBC als Autor, Fotograf, Journalist und Moderator. Mit seinen Büchern und Aufsätzen zum Thema Multikulturalität hat Pitts mehrere Literaturpreise gewonnen, seine Fotografien wurden unter anderem im Lens Blog der New York Timesgezeigt. 2010 war er einer der Gründer des Online-Magazins Afropean – Adventures in Black Europe, das er als Teil des Afrika-Netzwerkes des britischen Guardiankuratiert. In seinem neuen Buch „Afropäisch“ schreibt er über seine Reisen durch die europäischen Metropolen auf der Suche nach ihrer schwarzen Vergangenheit und ihrer gelebten afropäischen Kultur.

SZ: Mr. Pitts, Sie haben mit Ihrem Blog und Reisebuch das Wort afropäisch popularisiert. Gilt es denn immer noch als Gegensatz, schwarz und Europäerin oder Europäer zu sein?

Johny Pitts: Ich und viele andere bezeichnen uns als „Afropäer“, um aus unserer Vereinzelung herauszukommen, uns als Teil einer größeren europäischen Geschichte zu begreifen, anstatt auf der Suche nach Antworten immer nach Afroamerika zu schielen.

So wie in Ihrer Jugend, als Sie sich als Rapper an amerikanischen Hip-Hop-Vorbildern orientierten?

Ich hatte damals noch keine Ahnung, wie sehr europäische Kultur historisch durch Schwarze beeinflusst wurde. Das fängt bei so namhaften Schriftstellern an wie Alexandre Dumas, der eine schwarze Mutter hatte, oder Alexander Puschkin, der einen schwarzen Urgroßvater hatte, und reicht von der Malerei über den Tanz bis zum Jazz. Umgekehrt hat Europa durch seine Kolonialgeschichte schwarze Identitäten geformt. Afropäisch bedeutet auch eine neue Art, Europa zu sehen.

Überall begegnen uns inzwischen schwarze Gesichter: im Fernsehen, in der Mode und der Werbung. Trotzdem behaupten Sie, dass das Bild von schwarzen Menschen in Europa negativ geprägt sei. Wie meinen Sie das?

Es fehlt eine Normalisierung. Wie Mos Def es mal in einem Hip-Hop-Text ausdrückte: „Either bitches or queens“. Potenzieller Krimineller oder Hipster-Ikone. Auf der einen Seite gibt es also die Sportstars, die reichen und berühmten Musikerinnen und Musiker wie Kanye West, und auf der anderen die Geschichten von Ghettos und illegaler Migration. Mir haben da immer die Grautöne gefehlt. Deshalb habe ich in mein Buch auch keine Party- oder Ghetto-Bilder aufgenommen. Ich zeige den Alltag schwarzer Menschen, die zur Arbeit pendeln oder ihre Kinder zur Schule bringen.

Stimmt es, dass Ihre Ursprungsidee eigentlich war, einen prächtigen Fotoband mit Bildern erfolgreicher junger Schwarzer in Europa zu machen?

Ja, ich war eine Art Mode-Opfer: So wie in der Werbung und in Hipster-Magazinen wollte ich ein superstilisiertes und irgendwie einheitliches Bild davon schaffen, was es bedeutet, schwarz und europäisch zu sein. Der Begriff „afropäisch“ stammt ja ursprünglich aus der Musik- und Modeszene. Marie Daulne von Zap Mamahat ihn zusammen mit ihrem Produzenten David Byrne geprägt. Ich habe ihn auf den schwarzen Alltag ausgeweitet.

Was hat Sie zum Umdenken gebracht?

Ich komme selbst aus einem Arbeiterviertel in Sheffield. Auf meinen Reisen durch Europa traf ich Wachleute mit nigerianischem Hintergrund, Putzmänner mit senegalesischem Hintergrund, Türsteher mit ghanaischem Erbe – auch diese Leute sind Afropäer.

Sie sprechen mit James Baldwin vom „Gewicht der Repräsentation“. Belastet Sie das Gefühl, eine bestimmte schwarze Erfahrung repräsentieren zu müssen?

Ich habe immer mehrere Identitäten ausgefüllt, eine davon war etwa, durch mein Verhalten all die Vorurteile der Rechten zu entkräften. Aber jetzt bin ich von meiner persönlichen Geschichte zu Universalerem gelangt, ich möchte etwas zum Wissensstand meiner Gemeinschaft und zum Wissen Europas beitragen. Ich konnte bisher kein Buch zur schwarzen europäischen Geschichte finden – deshalb musste ich selbst diese Lücke füllen.

Sie sind als schwarzer Jugendlicher in einer englischen Arbeiterstadt aufgewachsen, die der Niedergang der Schwerindustrie Ende des 20. Jahrhunderts schwer traf. Wann wurde Ihre Hautfarbe zum Thema für Sie?

In meinem Viertel, Firth Park, mischten sich jemenitische, somalische und jamaikanische Kids mit den Jugendlichen aus der weißen englischen Arbeiterklasse. Das war kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander. Ich habe ähnliche Energien wie in Firth Park im Berliner Wedding, in Rinkeby in Stockholm, oder Bijlmer in Amsterdam gespürt – und mir vorgestellt, dass diese Viertel miteinander sprechen und ihr multikulturelles Wissen austauschen könnten, dass sie eine Art Solidarität miteinander pflegen könnten. Dass der multikulturelle Zusammenhalt, den ich erlebte, nach der Schulzeit auseinanderfiel, hat auch mit dem Kapitalismus zu tun, der uns bestimmte Identitäten zuschrieb, und etwa Blackness zu einer Art Ware machte.

In Sheffield waren Sie zusammen mit ihrem weißen Rap-Partner Teil der lokalen Hip-Hop-Community, kamen mit jamaikanischen Reggae-Soundsystems und Northern-Soul-Partys in Berührung. Das klingt nach einer vielseitigen schwarzen Kulturszene. Trotzdem sagen Sie, hätten Sie sich lange nicht einordnen können. Warum nicht?

Mein afroamerikanischer Vater und meine weiße englische Mutter wuchsen beide inmitten der örtlichen jamaikanischen Community auf. Ich könnte mich also mit berühmten afrobritischen Akademikern wie etwa den Soziologen und Anthropologen Paul Gilroy, Stuart Hall oder Bernardine Evaristo, die 2019 den Booker-Preis gewonnen hat, identifizieren. Aber anders als sie komme ich nicht aus der Karibik, ich spreche auch kein Patois. Bei der letzten Volkszählung haben sich erstmals mehr schwarze Briten als afrikanisch denn als karibisch identifiziert. Es ist also an der Zeit, den Begriff schwarz und britisch zu erweitern, sodass auch Menschen wie ich sich dazugehörig fühlen.

Schwarze Kultur hat über Mode und Musik längst Eingang in den europäischen Alltag gefunden, ist sogar oft Ausweis einer gewissen Modernität. Haben Sie das Gefühl, dass sich das auch auf das politische Bewusstsein Ihrer weißen Mitmenschen auswirkt?

Mein Vater kam während der Blütezeit der Northern-Soul-Szene in den Sechzigern und Siebzigern als Sänger einer New Yorker Soul-Band namens The Fantasticsund blieb. Vor fünf Jahren hat er mich zu einem dieser immer noch florierenden Soul-Festivals mitgenommen. In der Halle waren mehr als 2000 Menschen. Aber ich sah gerade mal eine Handvoll schwarze Gesichter, und die meisten davon waren auf der Bühne. Absurder noch: So wie ich die Besucher dort einschätze, waren das zum Großteil dieselben Arbeiterklasse-Typen, die früher zuverlässig Labour wählten, aber spätestens seit Tony Blair desillusioniert nach rechts geschwenkt sind und den Brexit unterstützen. Einerseits ist es ja wunderbar, dass sie, wie meine weiße Mom, Soul so lieben. Aber dass sie zu schwarzer Musik tanzen, heißt eben leider noch nicht, dass sie keine Rassisten sein können. Schwarze Kultur auf Platte zu lieben ist leicht. Mir wäre es lieber, sie wären im Alltag mit schwarzen Menschen solidarisch.

Sie haben auf Ihren Reisen beobachtet, dass schwarze Immigranten, die gerade aus Afrika nach Europa gekommen sind, sich oft neue Identitäten suchen. Warum sollte man als Schwarzer seine Herkunft verschleiern?

Die Erkenntnis kam mir bei den Armbandverkäufern am Eiffelturm und den Reggae-Partys von Ghanaern in Berlin: Afrikanische Einwanderer ahmen um des Überlebens willen erst mal in Europa sozial für akzeptabel erklärte Vorbilder nach. Bob Marley etwa oder Tupac. Popkultur-Idole, die für die Überwindung von Kolonialismus und Sklaverei stehen. Das hat auch mit zwei Klassen schwarzer Emigranten zu tun: Afroamerikanische Intellektuelle wie James Baldwin und Musiker wie Nina Simone, die in den Sechzigern nach Frankreich emigrierten, wurden als exotisch und glamourös begrüßt. Genauso erging es meinem Vater in der Northern-Soul-Szene. Heute helfen Reggae und die Rastafari-Philosophie geflüchteten Afrikanern oft, eine globalere schwarze Identität zu finden.

Sind Sie mit dem Begriff Afropäer bei Schwarzen in Europa auch auf Widerstände gestoßen?

Mir fiel auf, dass viele der Einwanderer selbst in der zweiten Generation noch kaum ein Bewusstsein für das Gemeinsame entwickelt haben: In Stockholm traf ich Tunesier, die Somalier verachten. Und in Lissabon Angolaner, die ihre Nachbarn von den Kapverden gering schätzten. Dabei haben all diese Gruppen ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Letztlich hat der Begriff etwas afrofuturistisches: Es geht darum, dass alle, auch weiße Menschen begreifen, wie viel ihr Kontinent afrikanischen Einflüssen und Importen verdankt.

Sie haben auch einige Tage in Clichy-sous-Bous, einer der verarmten Banlieue-Siedlungen von Paris, verbracht. Können Sie die Desillusionierung und Wut der schwarzen Jugendlichen dort verstehen?

Natürlich kann niemand die Gewalt, die dazu führt, dass etwa ein Lehrer enthauptet wird, entschuldigen. Aber diese Jugendlichen haben oft nichts mehr zu verlieren: Sarkozy hat sie mal pauschal Verbrecher genannt. Tatsache ist, dass es nicht die vermeintlich fremde, sondern die französische Kultur ist, die diese Terroristen produziert.

Konservative halten diesen Vorwurf für völlig übertrieben. Was antworten sie denen?

Dass die Ressentiments ganz offensichtlich aus der Vernachlässigung entstehen. Clichy-sous-Bois ist zwar nominell eine Vorstadt von Paris, aber sie kam mir wie eine Kriegszone vor – infrastrukturell vollkommen abgehängt und trister als jede Sozialsiedlung, die ich aus England kenne. Es ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn die Reichen im Zentrum einer Stadt ihre Augen verschließen, weil diese Peripherien, die Ankunftshäfen für Zuwanderer, in ihrer Wahrnehmung nicht zu Europa gehören.

Sie erinnern in diesem Zusammenhang an Revolutionäre wie Frantz Fanon. Der aus Martinique stammende Theoretiker des Postkolonialismus und Anti-Rassismus hatte sich anfangs für Frankreich und seine Kultur begeistert.

Er radikalisierte sich erst, nachdem er im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger der französischen Armee gedient hatte. Zwar machten die Schwarzen aus den Überseegebieten zwei Drittel der Truppen aus, von der Siegesparade in Paris aber wurden sie ausgeschlossen und stattdessen in ihre Heimatgegenden deportiert.

Gehen die Probleme, die Europa heute mit schwarzen Menschen hat, tatsächlich auf die koloniale Vergangenheit zurück?

Europa holte sich immer wieder billige schwarze Arbeitskräfte, wollte sie aber weder integrieren noch fair entlohnen. Und das, nachdem die Kolonialmächte durch Ausbeutung der Afrikaner schon riesige Gewinne eingefahren hatten. Wer weiß schon, wie viel die Sixtinische Kapelle der Sklaverei verdankt, welche afrikanischen Bodenschätze die Prachtalleen in Paris finanziert haben? Wenn man etwa durch Amsterdam läuft, dann sieht man noch Abbildungen schwarzer Menschen, die Zuckerrohr ernten – ein Hinweis darauf, woher der Reichtum dieser Stadt stammt. Oder haben Sie schon mal über den Zusammenhang von kongolesischen Kakaoplantagen und der berühmten belgischen Schokolade nachgedacht?

In Moskau erlebten Sie unverhohlene Ablehnung und eine Atmosphäre latenter Gewalt gegenüber Schwarzen. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „postkolonialer Melancholie“. Was genau meinen Sie damit?

Ich glaube, dass die aktuelle Fremdenfeindlichkeit in Ländern wie Russland mit der unbewussten Kränkung durch den Zerfall des Sowjetreiches und das Schwinden seines internationalen Einflusses zu tun hat. Moskau war einst eine Stadt, in der afroamerikanische Denker wie Langston Hughes eine Gastfreundschaft erlebten, die sie von weißen Amerikanern nicht kannten. Heute lehnen die Russen schwarze Menschen auch deshalb ab, weil sie sich nicht an ihre Geschichte erinnern wollen. Aus ähnlicher Wehmut speist sich auch die Abwehr vieler Briten gegen die Bewohner ihrer ehemaligen Kolonien.

Sie sind in Berlin eher zufällig in eine Antifa-Demonstration geraten. Wie haben Sie sich da als schwarzer Mitläufer gefühlt?

Sie sahen bedrohlich aus, und ich hielt sie anfangs für Nazis. Dann sagte mir jemand, dass sie gegen Rassismus kämpfen. Also habe ich mich angeschlossen, mit ambivalenten Gefühlen: Viele waren betrunken, schlugen Sachen kaputt und tobten wie auf einem Karnevalsumzug. Andererseits protestierten sie aber doch gegen Rassismus. Sie konnten sich das in dieser Form nur erlauben, weil sie weiß sind. Für mich aber kann unser Kampf kein Karneval sein. Wir repräsentieren, ob wir wollen oder nicht, unsere Community. Mich wunderte dann auch nicht, dass ich unter 4000 Teilnehmern bestenfalls eine Handvoll Schwarze sah. Trotzdem sind mir diese Menschen natürlich lieber als die Rechten.

Ist der Afropäer als Erzähler hybrider Geschichten eigentlich der natürliche Gegenspieler aller Dogmatiker und Nationalisten?

Audre Lorde sagte einmal, wir könnten des Haus des Herrn nicht mit den Methoden des Herrn zu Fall bringen. Deshalb passt ethnischer Absolutismus nicht zum afropäischen Gedanken. Ich habe in meiner Jugend in Sheffield und später in Marseille erlebt, welche Schönheit komplizierte kulturelle Allianzen entwickeln können.

Marseille erscheint Ihnen als Musterbeispiel eines geglückten Miteinanders. Was hat diese südfranzösische Hafenstadt all den anderen von ihnen besuchten Metropolen voraus?

In Marseille habe ich weniger Hipster getroffen als irgendwo anders in Europa. Und gleichzeitig strahlte diese Stadt eine unwahrscheinliche multikulturelle Energie aus. Auch wenn die Reichen im Süden wohnen und die Ärmeren im Norden, ist die schwarze Arbeiterklasse nicht aus dem Leben der Stadtmitte ausgeschlossen wie in Paris. Marseille ist zwar französisch, aber es repräsentiert auch Nordafrika und alle anderen Hafenstädte entlang des schwarzen Atlantik. Ich spüre dort ein Wissen, eine verflüssigte Kultur jenseits aller Nationalismen.

Das Gegenteil der nationalistischen Atmosphäre, die Sie in Ihrer Heimat kritisieren.

Ja, und ich habe die Konsequenzen gezogen. Vor einem Jahr bin ich mit meiner Frau und unserer Tochter aus Brexit-Großbritannien nach Marseille gezogen, unsere Nachbarn dort sind Araber, Afrikaner und Franzosen. Hier fühle ich mich als Afropäer zu Hause.

JONATHAN FISCHER

SZ 17.12.2020

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