Eine Reise zu den Helden der eigenen Plattensammlung

Im Jahr 2019 nahm das Berliner Omniversal Earkestra in Mali mit Legenden wie Salif Keïta deren alte Songs neu auf. Nun kann man sie hören.

Der Bahnhof von Bamako gleicht einem Geisterschloss. Hier fahren schon seit Jahren keine Züge mehr ab nach Dakar, die Uhr an dem imposanten Kolonialbau steht still, nur noch Tauben und Obdachlose nutzen den Wartesaal. Auch das angeschlossene „Buffet de la Gare“-Restaurant dämmert im ewigen Mittagsschlaf. Auf wen auch immer der alte Mann am Empfangstresen aus Mahagoni noch warten mag: Die Zeit dieses mythischen Ortes der malischen Popmusik ist lange vorbei.

Nur noch ein paar alte Schwarzweißbilder sind geblieben von den Partys im Garten des einst angesagtesten Hauptstadt-Clubs, damals in den späten Sechzigerjahren, als die Rail Band hier fünf Tage die Woche die Jugend der Stadt zum Tanzen brachte; als Musiker wie Salif Keïta in schicken Banduniformen uralte Folk-Chants, Afrobeat, Bigband-Bläser und kubanische Rhythmen zusammenkochten. Ihre Fusion atmete Soul. Sie spiegelte die Aufbruchstimmung eines ganzen Landes, das in den Jahren nach der Unabhängigkeit noch von einer großen Zukunft träumte. Malick Sidibés Fotografien haben die jungen Tänzerinnen mit den modischen Sonnenbrillen und ihre Begleiter in westlichen Mod-Anzügen verewigt.

Ein halbes Jahrhundert später kehrt die Musik ins „Buffet de la Gare“ zurück. Zumindest für einen Abend. Auf den Betonpfeilern um die Bühne im Garten blitzen bunte Lichterketten, Instrumente werden gestimmt, die Klänge von Trompeten, Posaunen und Saxophone steigen auf in den Nachthimmel.

Ungewohnte Töne sind das für das Bamako des Jahres 2019. Acht junge Blasmusiker sind aus Deutschland angereist: ein Teil des deutschen Omniversal Earkestra auf Mali-Trip. Normalerweise treffen sich die Jazz- und Klassikmusiker jeden Montag in wechselnden Berliner Underground-Clubs (zuletzt im Rauchhaus), um Sun Ra, Thelonious Monk, Fela Kuti oder Sorry Bamba zu interpretieren – alles auf Basis nicht-hierarchischer Improvisation.

Die Überlebenden der legendären Nachkolonial-Orchester

„Als Big Band mit zwölf Bläsern plus Bass und Schlagzeug“, sagt Oliver Fox, Saxophonist und musikalischer Direktor, „verdienen wir weder Geld, noch können wir groß auf Tournee gehen.“ Ein Treffen mit den afrikanischen Helden ihrer Plattensammlungen? Oder gar Aufnahmen in deren Heimat? Undenkbar. Bis im vergangenen Jahr eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes eine Tür öffnete.

Le Mali 70 prangt nun auf dem Album, das das Münchner Trikont-Label sowohl auf CD als auch Vinyl gerade veröffentlicht hat, knapp ein Jahr nach den Aufnahmen in Mali. Genre-Kurzbeschreibung: Afrolatin-Brassband-Funk mit betörenden Mandinke-, Dogon-, oder Sonray-Melodien. Die Berliner haben dafür mit Salif Keïta, Sorry Bamba, Abdoulaye Diabaté und weiteren Legenden des malischen Pop deren Hits aus den Siebzigerjahren in neuen Arrangements eingespielt. Im kommenden Frühjahr soll dann auch ein Film über den Roadtrip quer durch das Sahel-Land in die Kinos kommen: Berlin-Bamako Allstars .

Markus Schmidt, Filmemacher und künstlerischer Leiter des Projekts, hat den Le-Mali-70 -Aufnahmen starke Bilder zur Seite gestellt: Da ziehen die Berliner auf den Fersen ihrer Helden radebrechend durch Märkte und Busbahnhöfe, landen unverhofft in staubigen Hinterhöfen und Clubs, sichten alte Filmrollen in den Archiven des malischen Rundfunks, spielen in Salif Keïtas Moffou Studios Badiala Male ein, der dessen erster Hit als 19-Jähriger mit der Rail Band war. Oder müssen sich wegen eines vermeintlich falschen Rhythmus streiten. Ja, die Malier können auch bemerkenswert stur auftreten. Klar ist nur: Diese Musik vibriert in einem kollektiven Körper. Etwa, wenn auf einer mit Gepäck und Vieh überladenen Niger-Piroge nördlich von Mopti, Musiker und Passagiere spontan in eine Jamsession einfallen.

Im „Buffet de la Gare“ sind auch zwei der Rail-Band-Veteranen dabei. Darunter Cheikh Tidiane Seck, ein fülliger Typ im weißen Kaftan, der schon für Quincy Jones und Randy Weston gespielt hat. Ganz Elder Statesman, schüttelt er den deutschen Mitmusikern feierlich die Hand, bevor er sein Keyboard im Garten des „Buffet de la Gare“ einstöpselt. Und die ältere Frau in Batikkleid und Kopftuch am Schlagzeug? Mouneissa Tandina hat viele der großen Orchester Malis von der Rail Band bis zu den Super Biton de Ségou und Salif Keïta begleitet. Jetzt trommelt sie einen dieser schwer greifbaren, doch leichtfüßig nach vorne schiebenden Beats von irgendwo zwischen Havanna und Ségou.

Die Bläser schmettern dazu einen mehrstimmigen Chant, die Melodie eines uralten Folksongs, den Kinder beim Spielen und Soldaten beim Exerzieren singen: „Gebe niemals vor, jemanden zu kennen, wenn du nicht mit ihm gearbeitet hast.“ Eine Warnung vor Schürzenjägern. Eigentlich. Oder steckt da doch eine Anspielung auf die kleinen Missverständnisse mit den deutschen Gästen drin? Der Song jedenfalls schaukelt sich hypnotisch in Richtung Drogenküche.

Und dann ist da noch Boubacar Ousman Touré, ein alter Mann mit weißem Bart und Turban. Der Sänger verzieht keine Miene. Dafür brechen die Worte in nasalen Kraftschüben aus ihm heraus, als ob ein Boxer tief aus seinem motorischen Gedächtnis Kombinationen abrufen würde. Der Gitarrist El Hadj Mahamadalne, auch er ein Veteran des Le Mystère Jazz de Tombouctou, beugt sich weit zurück, mischt spielend eine Note Jimi Hendrix in seine pentatonischen Riffs. Heißt es nicht, der Blues sei einst mit den Sklavenschiffen aus Mali gekommen? Jetzt klingt es wie eine Ahnenanrufung über den schwarzen Atlantik hinweg.

Das Omniversal Earkestra hatte bereits jahrelang Afrobeat gespielt, als die Deutschen über den Trompeter Tidiane Koné die malische Connection in Felas Band entdeckte. „Wir folgten seiner Spur“, sagt Oliver Fox, „und landeten so zwangsläufig bei den experimentellen Orchestern aus Mali.“ Bei Sorry Bamba, den Super Biton de Ségou, Mystère Jazz de Tomboctou, dem Orchestre Kanaga de Mopti oder eben der Rail Band. Markus Schmidt hatte sich bei einem früheren Dreh in Bamako Hunderte von Vinyl-Originalplatten in einem Laden, der auf das Kopieren alter Musik spezialisiert ist, auf einen USB-Stick ziehen lassen – und die Mitglieder des Omniveral Earkestra damit im Handumdrehen infiziert. Schon die Herkunftsorte der Orchester weckten mythische Assoziationen: an blühende Märkte am Rande der Sahara, Hauptstädte alter Königsreiche, Heimat von Griot-Familien, deren Ahnenlinien Dutzende von Generationen zurückreichen. Würde man hier noch die Überlebenden der legendären Nachkolonial-Orchester finden?

Traditionspflege aber war nie das Ziel der Berliner: „Wir wären ja als Brassband gar nicht in der Lage, die Originale einfach nur nachzuspielen“, sagt Fox. „Die Malier liegen leicht neben dem Beat, ihre Musik kommt einfach von einem anderen Planeten. Was wir von ihnen lernen können, ist Phrasieren.“

Le Mali 70 – das steht für einen Remix mit neuen Zutaten. So haben die Berliner begleitende Gitarrenlinien für ein Saxophon übersetzt, die ursprünglichen Unisono-Bläsersätze zu mehrstimmigen Akkorden aufgerüstet, kubanisch-malische Traditionen dem anarchischen Geist des Omniversal Earkestra unterworfen. Dank dieser Rotzigkeit fällt die Musik von Le Mali 70 nie in das Wohlfühlkissen namens Weltmusik und schrubbt die Funkyness der Berliner jeder Patina hinweg. „Diese Deutschen“, schwärmt Sorry Bamba, „haben die Klassiker genauso weiterentwickelt, wie wir das früher selbst gemacht haben. Du spielst einen Song nie zweimal auf dieselbe Art.“

Fast nebenbei kondensiert die Musik auf Le Mali 70 eine ganze weltpolitische Ära. Hatte Mali nicht in den Jahren nach der Unabhängigkeit unter dem sozialistischen Präsidenten Modibo Keïta – ebenso wie Sékou Tourés Guinea oder Thomas Sankaras Burkina Faso – die Hoffnung genährt, jenseits der Rolle als Hilfeempfänger und Mündel der ehemaligen Kolonialmächte, einen eigenen afrikanischen Weg zu gehen?

Die Reise in die Vergangenheit, das Durchforsten der Archive, führte zu einer verschütteten Utopie: „Mali ging es damals, nach zehn Jahren Sozialismus, offensichtlich besser als heute“, sagt der deutsche Filmemacher Schmidt. „Diese Aufbruchstimmung spiegelte sich auch in der Musik.“ Die Orchester waren staatlich finanziert, die Gewinner jährlicher nationaler Bandwettbewerbe durften ihre Kompositionen auf Platte aufnehmen. Die Folge war nicht nur eine relative Absicherung der Musiker, sondern auch ein Wettbewerb um künstlerische Innovation. Kuba spielte dabei eine wichtige Rolle, die spezifische Verbindung zu Mali. „In Timbuktu kamen damals kubanische Ärtze, Basketballtrainer und Musiklehrer an“, erinnert sich El Hadj Mahalmadane. „Und wir lernten viele von ihren Rhythmen. In allen Songs, die wir in Mali spielen, wirst du ein Stück Kuba finden.“ Wobei die Malier sich sicher sind: Es war nur ein Re-Import eigener, ganz ähnlicher Ideen.

Die Hoffnung auf eine bessere Welt

Nach dem Militärputsch gegen Modibo Keïta im Jahre 1968 verließen viele Musiker und Musikerinnen das Land. Einige versuchten ihr Glück in Cotonou und Abidjan, andere gingen wie Sorry Bamba als Illegale nach Paris. Von den Kubanern aber blieb mehr als Musik. Der Besuch des damaligen kubanischen Industrieministers (aber nun wahrlich auf revolutionär andere Weise berühmt gewordenen Argentiniers) Che Guevara in Bamako hat 1964 einen tiefen Eindruck hinterlassen: Bis heute leuchtet Ches Konterfei – neben Koransuren und der Nationalflagge – auf scheinbar jedem zweiten malischen Bus, Taxi oder Moped. „Guevara“, sagt Cheikh Tidiane Seck, der auf alten Fotos stets das Revolutions-Beret seines Idols trägt, „steht in Mali für die Hoffnung auf eine bessere Welt.“ Und eine bessere Welt: Das heiße eben auch die Überwindung von Korruption, Arbeitslosigkeit, Misswirtschaft, die Mali zu einem der ärmsten Land der Erde gemacht haben.

Zur Corona-Krise kam dieses Jahr auch noch ein Militärputsch. Vom Gros der Bevölkerung durchaus begrüßt, war der Coup auch eine Reaktion auf die Unfähigkeit der Regierung, mit den Dschihadisten fertig zu werden, die bereits 2012 über die Hälfte Malis überrannt hatten und heute wieder weite Teile im Norden und der Landesmitte beherrschen.

Hoffnung gibt da allein die malische Kultur. Und eine Musik, die dem Vielvölkerstaat schon immer als Kitt diente. „Seit Jahrhunderten „, sagt Seck, „haben sich die verschiedenen Ethnien ausgetauscht, miteinander Handel getrieben, gegenseitig Melodien und Rhythmen abgeguckt.“ Nirgends in Afrika reichten die Wurzeln tiefer. Ihn jedenfalls wundert es nicht, dass trotz Reisewarnung und Terrorismusgefahr immer noch westliche Musiker wie Damon Albarn – oder eben das Ominversal Earkestra – an den Niger reisen. Politisch mag Mali ein failed state sein. Doch im Gegensatz zu den korrupten Staatsvertretern genießen Musiker hier den allergrößten Respekt. „Die Menschen sehen sie als Verkörperung von Weisheit“, hat Schmidt beobachtet. „Selbst Taxifahrer begannen ehrfürchtig die alten Hits der Veteranen zu singen, wenn sie nur deren Namen hörten.“

Im November folgten einige der Malier einer Gegeneinladung nach Berlin: Da standen die Sängerin Mariam Koné, Cheikh Tidiane Seck und Aly Keïta zur Release-Party von Le Mali 70 zusammen mit dem Omniversal Earkestra auf der Bühne eines Gartenlokals in Treptow und animierten eine – der Kälte und Corona-Beschränkungen zum Trotz – durch Zaunlücken hinein geströmte Zuhörerschaft zum Tanzen. Als ob das alte „Buffet de la Gare“ ein paar Tausend Kilometer nördlich wieder auferstanden wäre.

Es sollte nur ein Anfang sein. Der Saxophonist Georg Pfister arrangiert gerade neue Songs von El Hadj Mahalmadane aus Timbuktu, Oliver Fox nimmt mit Miriam Koné auf und Cheick Tidiane Seck schickt Keyboardriffs – alles per Computerfiles, versteht sich. Für den Sommer ist eine Europatournee geplant. Inschallah, so die Pandemie es zulässt. Wenn es sein muss, sogar ohne Gage. Als die Berliner 2019 ihren ersten Mali-Trip unternahmen, war das noch undenkbar: „Dass der deutsche Staat“, sagt Schmidt, „einen Kulturaustausch mit prekär lebenden Berliner Jazzern ermöglicht, das erschien manchen Veteranen so unwahrscheinlich, wie eine Rückkehr der kubanischen Musiker der Siebzigerjahre“. Doch war da nicht auch dieses Sprichwort, verpackt in einen unwiderstehlich kreiselnden Beat? „Gebe niemals vor, jemanden zu kennen, wenn du nicht mit ihm gearbeitet hast.“

JONATHAN FISCHER

Zeit Online 9.12.2020

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