«Die Schwarzen haben Amerika gross gemacht»

Er zählt zu den bedeutendsten Stimmen des amerikanischen Hip-Hop: Nasir Jones alias Nas. Im Interview spricht der 47-jährige Rapper über sein neues Album, die soziale und historische Bedeutung des Hip-Hop und die USA im Zeichen Donald Trumps.  

Nasir Jones alias Nas gilt seit seinem 1994 erschienenen Debütalbum «Illmatic» als der Hip-Hop-Lyriker schlechthin. Als einer, der in seinem Rap die Realität der Strasse mit Sozialkritik und mit dem Surrealismus des Blues zusammenbringt. Nun, zwei Jahre nach einer künstlerisch durchzogenen Zusammenarbeit mit Kanye West zeigt das neue, 13. Album «King’s Disease» den Rapper und Geschichtenerzähler in Höchstform. Zu Soul- und Jazz-lastigen Beats schaut Nas hier auf seine Anfänge zurück. Angesichts von Polizeigewalt und der Black-Live-Matters-Proteste appelliert er auch an den Stolz seiner Landsleute.

Sie haben ihr neues Album «King’s Disease» während der Corona-Pandemie aufgenommen. Kann man den Titel als Anspielung auf die Seuche verstehen?

Nein, er bezieht sich eher auf einen psychologischen Erreger. Den Hass, der uns alle krank macht. Wir sehen das gerade jeden Tag in Trumps Wahlkampf. Was ich sagen will: Lasst euch nicht gegeneinander ausspielen und vertraut euch selbst.

Mit ihrem neuen Titel «Ultrablack» feiern Sie die afroamerikanische Musik und Community: «Rhythm’n’Blues, Pop, Rock to Soul to Jazz … how I look being told I’m not supposed to brag». Genügt es angesichts täglicher Schlagzeilen über Polizeigewalt und Rassismus mit schwarzer Musikgeschichte zu prahlen? 

Es gibt schon genug Songs über Polizeibrutalität, die unter die Haut gehen. Ich wollte mit «Ultrablack» die andere Seite Afroamerikasfeiern. Die Freude und den Stolz, den unsere Kultur ausstrahlt. Unsere Überlebenskunst, die darauf beruht, dass man sich wohl fühlt in der eigenen Haut – gerade auch in dunklen Zeiten. Das ist das Erbe des Blues in aller schwarzen Musik.

Das klingt ja wie ein Hip-Hop-Update von James Browns «I‘m Black And I’m Proud».

Das fasse ich als grosses Kompliment auf! Hip-Hop als gesellschaftliche Kraft steht in James Browns Tradition. Als er «I‘m Black And I’m Proud» Ende der 60er Jahre veröffentlichte, schenkte er den Menschen inmitten brennender Ghettos und den düsteren Nachwehen der Bürgerrechtsbewegung eine Botschaft der Selbstliebe. Genau dasselbe will ich mit «Ultrablack». Uns wurde jahrhundertelang suggeriert, dass wir unserer Hautfarbe wegen Tiere und Monster seien – viele Probleme in der Black Community resultieren aus diesem Erbe.

Im US-amerikanischen Wahlkampf geht es auch um den neu grassierenden Rassismus. Wieweit spüren Sie diesen als Hip-Hop-Superstar?

Egal wie prominent du bist: Du kannst dem Rassismus und dem racial profiling nie entkommen. Ob ich Tennis spiele oder shoppen gehe – ich bin immer wieder mit hässlichen kleinen Bemerkungen konfrontiert. Manchmal schnappe ich diese Herablassung auch zwischen den Zeilen auf.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Was mich persönlich am meisten beleidigt hat: Donald Trumps Ausspruch, er sei für uns Afroamerikaner der beste Präsident aller Zeiten – wahrscheinlich meinte er seit Abraham Lincoln. Wenn er zeigen will, dass er uns Afroamerikaner respektiert, dann sollte er seine Worte überdenken. Oder glaubt er, er kann uns für so dumm verkaufen? Es sind solch ignorante Sprüche, die das Feuer des Rassismus anfachen.

Dennoch gibt es gerade unter den HipHop-Millionären Figuren wie Ice Cube oder Kanye West, die öffentlich ihre Sympathien für Donald Trump geäußert haben. West hatte sogar – zum Ärger vieler Demokraten, die den Verlust schwarzer Wählerstimmen fürchteten – angekündigt. selbst als Präsident kandidieren zu wollen….

Ich habe bereits öfter gesagt, dass ich das für keine gute Idee halte. Wir sind HipHop-Stars aber keine Politiker. Als Rapper kannst du lustige, wütende, mitfühlende oder gewalttätige Lyrics bringen. Wenn ich die übergreifende Botschaft des HipHop auf einen Punkt bringen müsste, dann würde sie lauten: Du kannst etwas erreichen – mach was aus deinem Leben!

Gerade weil er als erfolgreicher Geschäftsmann gilt, wurde Donald Trump in der Zeit vor seiner Präsidentschaft in vielen Rap-Texten zitiert….

Es ist okay, nach Reichtum zu streben. Dafür schäme ich mich nicht. Aber deswegen einen aus einer reichen Familie stammenden weißen Unternehmer bewundern? Das zeigt doch nur, dass wir nicht wissen, dass die Latte für uns viel höher hängt. Dass wir nicht mal wissen, warum so viele Schwarze im Elend stecken. Wir vergessen die Sklaverei und ihre Auswirkungen bis heute – und richten stattdessen unsere Wut und Verzweiflung gegen uns selbst.

Sind Sie wütend über die aktuelle politische Situation?

Nein, ich bin nicht wütend, eher frustriert und verwirrt, was 2020 aus Amerika geworden ist.

Sie haben zum aktuellen Remix von Public Enemys Polit-Hymne «Fight The Power» ein paar Verse über «Feiglinge, die schwarze Männer jagen» beigetragen: «They say suicide when dead bodies are swinging / cowards are hunting black men». Das klingt sehr wütend.

Ich sehe, wie sich immer wieder der selbe Egoismus, die selbe Feigheit durchsetzt. Diese ständige Treibjagd der Polizei auf Schwarze. Das ist das Böse schlechthin. Ich weiss nicht mehr, was ich von einem Land halten soll, in dem ein Teil der Bevölkerung auch noch die schwarzen Opfer von Polizeigewalt als die vermeintlich Schuldigen beschimpft.

Können sie sich noch mit Amerika identifizieren?

Ich bin immer noch stolz, Amerikaner zu sein, weil ich weiss, wie grossartig Amerika sein könnte. Abgesehen davon: Die Schwarzen haben Amerika gross gemacht. Es war kein weisser Präsident, sondern unsere unbezahlte Arbeit, unsere Musik und Kultur, die die Nation aufgebaut und Amerika gross gemacht haben.

Sie erwähnen in «Fight The Power» auch die Sklavenaufstände Ende des späten 18. Jahrhunderts in Haiti, als die Schwarzen unter General Toussaint Louverture die französischen Herren verjagten. Was hat das mit der Situation heute zu tun?

Die Gewalt ist ständig präsent. Der Bürgerkrieg in Amerika hat nie geendet. Der Süden bleibt immer noch der Süden – nur, dass der Krieg lange im Verborgenen ausgetragen wurde. Erst unter Donald Trump sind die Schleier gefallen. Jetzt ist es für alle erkennbar: Die Rassentrennung lebt weiter.

Auf Ihrem Album ist nie wirklich die Rede von «Black Lives Matter». War das Absicht?

Diese Bewegung bedeutet mir sehr viel, und ich glaube, man kann das aus meinen Lyrics und meiner Musik heraushören. Mein Album hat allerdings nicht den Anspruch, aktuelle politische Nachrichten zu kommentieren. Eher zeichne ich noch einmal die Entwicklung von Hip-Hop als einer gesellschaftlichen Kraft nach, von 1990 bis heute.

So zeichnen Sie auch die eigene Karriere nach – von Ihren ersten Versen als 18-jähriger Rapper auf «Live At The Barbecue» von Main Source bis zu ihrem heutigen Status als gefeierte Legende, als Unternehmer und Plattenfirmenboss.

Damals war es viel schwerer, ins Hip-Hop-Business einzusteigen, sich einen Namen zu machen. Meine Generation hatte weder Internet noch Social Media. Heute hast du es als junges Rap-Talent viel leichter: Es gibt unzählige Vermarktungs-Plattformen, die Musikindustrie bietet dir mehr Möglichkeiten als je zuvor. Keine Frage: Minderheiten haben heute mehr Möglichkeiten in den USA. Viele Angehörige von Minderheiten haben es geschafft, sich als Selfmade-Unternehmer zu profilieren. Trotzdem müssen wir als Nation noch einen weiten Weg zurücklegen, bis wir ein Land haben, in dem sich Schwarze, Weisse, Juden, Muslime, Christen, Männer, Frauen nicht nur gegenseitig tolerieren, sondern auch menschlich respektieren.

In verschiedenen Stücken erzählen Sie aus Ihrer Jugend und zeichnen das Leben im New York der 90er Jahre nach. Ist diese Form von Nostalgie eine Reaktion auf die immer komplexere, unübersichtliche Hip-Hop-Gegenwart?

Mir geht es einfach um ein Stück Geschichte. Wenn ich nicht über die Erfahrungen von damals spreche, werden jüngere Generationen niemals davon erfahren, welche Freiheit, welche mächtige Stimme Hip-Hop den Jugendlichen am Rande der Gesellschaft geschenkt hat.

Ist überhaupt heute nicht längst von einer Straßenmode zu einer gewaltigen profitgesteuerten Industrie verkommen?

Es stimmt natürlich: Die Zeiten, als sich Graffiti-Künstler, DJs und Breakdancer in den Parks in der Bronx trafen, sind vorbei. Stattdessen hat die Kommerzialisierung zum selben musikalischen Verschleiß geführt wie etwa im Country. Es gibt da Erfolgsformeln, und Plattenfirmen, die darüber wachen, dass sie bis zum Überdruss ausgewalzt werden. Andererseits: Welche andere Bewegung hat das Aussehen unserer Welt so radikal verändert wie HipHop? Du siehst es daran, wie Autos und Musikanlagen designt werden, du siehst es an den Kleidern und Turnschuhen, die Jugendliche überall auf der Welt tragen, du siehst es an einer Sprache, die Schwarze, Weiße und Latinos miteinander teilen…

Seit ihrem Debütalbum «Illmatic» haben Sie mit Ihrer sozialkritischen Poesie stilbildend gewirkt. Hat Hip-Hop im Vergleich zu damals nicht an gesellschaftlicher Relevanz verloren?

Heute gibt es eine viel grössere Bandbreite an Hip-Hop-Spielarten. Warum also sollten Rapper die Parolen ihrer Vorgänger wiederholen? Die Botschaften von «Illmatic» sind zwar immer noch gültig. Dennoch wollte ich mich nicht wiederholen sondern mit meinem Produzenten Hitboy einen Sound und einen Stil abbilden, der mich heute repräsentiert.

Haben Sie kein Problem mit all den jungen Trap-Rappern, deren Lyrics oft eher wie stammelnde Lautmalereien denn Geschichten wirken?

Nein, es gibt keine Regeln, wie man rappen darf oder nicht. Zudem entdecke ich auch heute Rapper, die mich mit ihrer Lyrik begeistern: Zuletzt Cordae. Ein Typ Anfang zwanzig, der alte und neue Schule mischt und anders klingt als alle anderen.

Trotz ihrem kritischen Blick auf das heutige Amerika klingt «King’s Disease» weniger düster als Ihre frühen Klassiker. Was verleiht Ihnen trotz allem Hoffnung?

Mit meinem 11-jährigen Sohn und meiner 26-jährigen Tochter rede ich viel über Politik. Darüber, dass es eine Balance zwischen dem Guten und dem Bösen gibt. Es ist wichtig, sich an das Schöne auf der Welt zu erinnern. Daran, dass wir Teil einer grösseren menschlichen Gemeinschaft sind. Ich habe gesehen, dass selbst in England oder Deutschland viele junge Menschen für Black Lives Matter auf die Strassen gehen. Das gibt mir Hoffnung. Hoffnung auf eine vielfältigere, liebevollere Welt.

Interview: JONATHAN FISCHER

erschienen in NZZ 2.11.2020

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