Das Atelier der Idealisten

Am Rand der malischen Hauptstadt Bamako arbeitet das Künstler-Kollektiv Sanou’Arts. Es spürt der Seele seines Landes nach

Ein Künstleratelier ist vielleicht das Letzte, was man hier erwartet hätte: In einem Vorort der malischen Hauptstadt Bamako umfährt das Taxi mühsam Schlaglöcher und Maultiergespanne, um vor einem staubigen Fußballfeld anzuhalten. Dort wartet Ibrahim Bemba Kébé, ein schlaksiger Typ, Trainingshose, T-Shirt, Wollmütze. „Ganz schön ab vom Schuss hier“, sagt er und lacht. „So haben wir wenigstens unsere Ruhe zum Arbeiten.“

  Kébé ist Bildhauer, und das mit der Ruhe ist nicht wörtlich zu verstehen. Auf dem Fußballplatz wird gekickt, die Sportler schreien viel und das auf- und abbrandende Jubeln hallt als nachmittägliche Geräuschkulisse in den ersten Stock des schlichten Kastenbaus. Dort teilen sich 15 junge malische Künstler und Künstlerinnen dreieinhalb Räume. Man arbeite in Schichten, sagt Kébé, anders wäre die Miete von 100 000 Francs – umgerechnet ungefähr 180 Euro – nicht zu stemmen. Alle sind sie Abgänger oder Studenten des örtlichen Konservatoriums.

  Ein Drittel davon sind Frauen. Das ist in einem Land, in dem sich bestimmte Berufe, Stände und selbst die Künste immer noch als männliche Domäne verstehen, nicht selbstverständlich.

  Kébé hatte Sanou’Arts nach seinem Abschluss im Jahr 2017 gegründet. Am Konservatorium habe man in einer akademischen Blase gelebt. Doch jetzt bräuchten sie als Künstler materielle und ideelle Unterstützung, und die geben sie sich gegenseitig. „Nur als Gemeinschaft können wir abheben“, sagt er. Ein sehr malischer Gedanke: „La cohésion sociale“, der gesellschaftliche Zusammenhalt – trotz oder gerade wegen der Dauerkrise, in die Mali durch Korruption, fehlende staatliche Strukturen und dschihadistische Bedrohung geschlittert ist. Cohésion, das ist auch für Bamakos Kunstszene Überlebensgebot.

  In keiner anderen afrikanischen Hauptstadt organisieren sich Künstler verschiedener Metiers wie hier in unabhängigen Kollektiven. Neben Pionieren wie der Gruppe Atelier Badialan gehört Sanou’Arts zu den jüngsten und experimentierfreudigsten: „Jeder zieht hier den anderen mit“, sagt die Fotografin Mariam Niaré. „Egal ob wir Fotografen, Maler oder Bildhauer sind. Wir bemühen uns über das Internet gemeinsam um Kontakte zu Galeristen, Ausstellungen, Stipendien.“ Es gebe in Mali kaum Galerien und Kunstsammler, die nächsten Messen spielten in Dakar, Senegal, oder im ivorischen Abidjan. Unterstützung bei den laufenden Kosten erhalte man vor allem von „Donko Ni Maaya“, dem Kulturförderungsfonds der deutschen Entwicklungshilfe.

  Und der malische Staat? Die Frage nötigt Kébé ein schiefes Grinsen ab. „Es gibt ein Gesetz, wonach bei öffentlichen Bauprojekten ein Prozent der Bausumme für Kunst investiert werden muss. Aber das ist noch niemals zur Anwendung gekommen.“

  Für den auswärtigen Besucher haben die jungen Künstler ihre Werke im ausgeräumten Atelier aufgehängt. Einige sitzen auf Plastikstühlen um ein Tee-Stövchen im offenen Treppenhaus. Andere ordnen Stoffreste, mischen Farbe aus Erden an, denn das teure Acryl ist rar. Wie kamen sie dazu, in einem der ärmsten Länder der Welt ausgerechnet Kunst zu studieren? „Als ich ein Kind war“, sagt Kébé, „hat ein älterer Herr uns Jungen Pferde und Reiter aus Plastik geschnitzt. Damit haben wir Pferderennen gespielt. Das hat mich auf den Geschmack gebracht.“

  Die Malerin Habitatou Yaye Keita dagegen fing damit an, für ihre Schulklasse Afrikakarten zu entwerfen. Heute gehört Keita zu den vielversprechendsten jungen Künstlerinnen Westafrikas. Ihre Ikonen-artigen Frauengesichter sind von voluminösen Frisuren gerahmt, die sie aus Wollfäden geflochten hat. „Mir geht es in meinen Bildern um weibliche Identität. Und kaum etwas drückt das stärker aus als unsere Haare“, sagt sie.

  Was für Prachtfrisuren! Keitas Frauenfiguren strahlen eine sehr afrikanische Sinnlichkeit aus, geerdet und im vollen Bewusstsein ihrer Kraft. Auch die Fotografin Mariam Niaré transportiert eine Botschaft der Selbstbejahung: Sie porträtiert Albino-Frauen. Gesellschaftlich stoßen sie oft immer noch auf Ablehnung, von Niaré aber werden sie abgelichtet wie Models. Ihre in Weißtönen gehaltenen Fotografien strahlen eine zerbrechliche Aura der Würde aus.

  Ein wiederkehrendes Thema ist die illegale Migration. Die Malereien von Dramane Diarra etwa spielen im Zwischenreich von Magritte und afrikanischer Magie, er lässt seinen Migrantenfiguren Blumen aus dem Kopf wachsen oder sie Fischgestalt annehmen.

  Den jungen Maliern ist die Selbstreferenzialität vieler Akademieabgänger in Europa fremd, alle arbeiten nebenbei als Hochzeitsfotografen, Visitenkartendesigner, Kostümschneider oder Schildermaler. Der Alltag ihrer Familien bleibt ständig präsent, und natürlich müssen sie sich der Frage stellen, was ihre Kunst der Gesellschaft zu geben hat. „Unsere Eltern“, sagt Kébé, „waren alle skeptisch, als wir Kunst studierten. Sie übersehen, dass wir in einer wichtigen Tradition stehen.“

  Ibrahim Bemba Kébé bezieht sich in seinem bildhauerischen Schaffen auf malische Bräuche, die älter sind als die Islamisierung des Landes. Vor allem inspirieren ihn die Geheimgesellschaften der Manding. Koredouga nennen sich diese an Hofnarren erinnernden Bünde, die etwa zu Erntezeiten um spirituellen Beistand angerufen werden und wo Männer und Frauen in den Kleidern des jeweils anderen Geschlechts tanzen. „Hier gab es immer eine Gleichstellung und Wertschätzung der Frau“, sagt Kébé, „um die wir heute wieder mühsam ringen müssen.“ Mindestens ebenso wichtig für ihn ist das traditionelle Gesetz, nach dem die Koredouga weggeworfene Materialien wiederverwerten müssen: Bis heute sind ihre Kleider aus Abfällen zusammengenäht.

  Kébé fertigt in diesem Geist seine Figuren aus Draht und den in Bamako allgegenwärtigen schwarzen Plastiktüten. Dazu kommen Fundstücke von der Straße: Plastikdosen etwa, Schraubdeckel, entsorgte Mobiltelefone. Daraus entstehen schwarze, ausschreitende, drahtig tanzende Figuren. „So wie die Koredouga richte ich mich gegen den Zeitgeist“, erklärt Kébé. „Wir müssen nicht noch mehr konsumieren.“ Die Unesco erklärte die Geheimbünde der Manding vor vier Jahren zum Weltkulturerbe. Kébé betrachtet sie als ethisches und spirituelles Erbe. „Mich faszinieren sie wegen ihrer starken gesellschaftlichen Botschaft: Die Seele zählt mehr als materieller Reichtum.“

  Afrikanische Spiritualität als Hilfestellung für die Krisen der Gegenwart? Kébé glaubt, dass gerade die Künstler mit ihrem holistischen, aus der Geschichte schöpfenden Ansatz neue Räume eröffnen können, wo Politiker immer wieder versagen und der viel gepriesene Zusammenhalt an Korruption und religiösen Dogmen scheitert.

  Sein Kollege Mohamed Bomboly Keita beschäftigt sich mit traditionellen Masken. Affen- und Tiermasken, die die Älteren einst bei rituellen Feiern trugen. „Sie sind einzigartig, und doch im Verschwinden begriffen, weil religiöse Kräfte uns drängen, solche säkularen überlieferten Praktiken aufzugeben.“ Niemand traue sich mehr, diese Rituale und die traditionelle Medizin auszuüben, was dazu führe, dass sie nur noch im Verborgenen weiterlebten – und in der Kunst.

  Ibrahim Bemba Kébé, der Gründer von Sanou’Arts, macht eine bedeutungsvolle Pause. Nein, niemand brauche eine Rettung von außen. Im Gegenteil: „Wir müssen endlich begreifen, wie reich wir sind – und schon immer waren.“ Zum Abschied drückt er dem Besucher ein violettes Stück Plastik in die Hand. Er hatte die ganze Zeit nebenbei an einer Tellerscherbe rumgeschnitzt. Jetzt ist etwas Neues aus ihr geworden. Gestreckte Beine. Fliegende Mähne. Ein Rennpferd.

JONATHAN FISCHER

SZ 21.10.2020

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