KLIMA-KAMPF DER UNSICHTBAREN Kein Kontinent leidet unter der Erderwärmung so wie Afrika. Die Umweltaktivisten dort fühlen sich allerdings von ihren Regierungen und vom Westen im Stich gelassen

Vergangener Herbst am Rande einer Staubpiste in Bamako: Fousseny Traoré reckt ein selbstgemaltes Schild in die Höhe. Man muss nahe herangehen, um die dünne Handschrift zu entziffern: „Handelt endlich, sonst nehmen wir Jungen das auf unsere Weise in die Hand!“

  Ein paar Dutzend Schüler und Studenten in Warnwesten begleiten ihn, drängen sich zwischen überladenen Kleinbussen, Mofa-Trauben und Lastenträgern. „Unsere Generation. Unser Planet. Unsere Zukunft!“, ruft Traoré in sein Megafon. Und: „Stoppt den Klimawandel jetzt.“ Parolen also, die an diesem Tag auch viele Millionen Menschen so oder so ähnlich in München, Paris oder Sydney skandieren, wo Rundfunk, Fernsehen und Zeitungsreporter breit über den globalen Klimastreit der Aktivisten von „Fridays for Future“ berichten. Während in westlichen Großstädten allerdings Soundanlage, Bühne und Ordner selbstverständlicher Teil eines solchen Medienereignisses sind, müssen sich Traoré und seine Mitstreiter mühsam gegen das tägliche Hupkonzert, die Konkurrenz der Marktschreier und Wasserverkäufer durchsetzen. Keine Popband greift ihnen unter die Arme. Ja nicht einmal Flyer oder Aufkleber haben sie zu verteilen. Nur der Wille, endlich etwas zu verändern, treibt die jungen Malier an.

  Wer allerdings westliche Medien verfolgt, erfährt kaum etwas von den Fousseny Traorés dieser Welt. Die Berichterstattung über die globalen Klimastreiks zeigt fast ausschließlich weiße Gesichter. Fast könnte man glauben, der Klimaschutz sei ein Anliegen des privilegierten Bürgertums im Westen. Wo aber bleibt Afrika? Wo die Sahelzone, deren Länder zwar für nur 0,25 Prozent der weltweiten Treibhausemissionen verantwortlich sind, deren Bewohner aber jetzt schon am meisten unter dem Klimawandel leiden?

  Schnell entsteht der Eindruck, der Westen müsse mehr oder weniger im Alleingang die Welt retten – während Afrikanern die „Fridays for Future“-Parolen egal seien. „Viele Leute haben schon Probleme genug, sie sind einfach entnervt“, sagt Traoré in einem Café in Bamakos Stadtteil Hippodrome. Er spricht leise. Fast wirkt es, als ob der schmale Mann im gebügelten Hemd sich hinter seinem Anliegen zurückstellen würde. Die Einladung zur Cola jedenfalls lehnt er ab. Niemand soll denken, er sei als Bittsteller gekommen. Immerhin kennt er den Verdacht mancher Landsleute, er und seine Umweltschützer-Kollegen würden das Geschäft der Westler betreiben: „Sie sagen: Wir haben eine schlechte Gesundheitsversorgung, die Schulen funktionieren nicht, im Norden herrscht Krieg – und dann kommt ihr noch mit der Klimakrise! Überlassen wir das doch den Europäern!“

  Traoré ist 26 Jahre alt, hat mal Apotheker gelernt und muss sich wie die meisten Malier seiner Generation mit kleinen Jobs über Wasser halten. Die Umwelt- und Klimaschutzinitiative „Ensemble pour le Climat Bamako“ hat er vor drei Jahren gegründet. Weil er die Menschen leiden sah, aber kaum jemand über die Zusammenhänge Bescheid wusste. „Ich bin bei meinem Onkel, einem Bauern und Lehrer, in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt aufgewachsen. Und ich habe dort gesehen, wie sich die Umwelt verändert, wie es auf den Feldern jedes Jahr trockener wird.“ 2010 hätten sie noch 100 Säcke mit Hirse geerntet. 2012 seien es nicht mal 70 gewesen. „Gleichzeitig sehe ich, wie unsere Landwirtschaft die Böden zerstört. Es fehlt an Informationen über nachhaltige Anbaumethoden.“

Weitere Lieblingsthemen Traorés sind die Wertschätzung der Bäume und der Kampf gegen den Plastikmüll. In Bamako ist er allgegenwärtig: Knäuel von Plastiktüten säumen jeden Straßenrand, jede Brachfläche, hängen als Fetzen in jedem Strauch. An den Marktstraßen häufen sie sich zu meterhohen Müllbergen, der beißende Geruch brennenden Plastiks weht überall durch die Stadt. Und zur Regenzeit gibt es wegen der mit Plastik verstopften Abwasserkanäle sogar tödliche Überschwemmungen. Wenn Traoré regelmäßig mit einem Dutzend Mitstreiter ausrückt, um den Straßenmüll zusammenzukehren oder Abwasserkanäle zu reinigen, dann habe das vor allem erzieherischen Wert: „Irgendjemand muss damit anfangen. Sonst schiebt nur einer die Verantwortung auf den anderen.“

  Eine Facebook-Seite für „Ensemble pour le Climat“ hat Traoré inzwischen eingerichtet. Aber gedruckte Poster? Broschüren? Geld gar für ein eigenes Büro? Fehlanzeige. Traoré arbeitet von seinem Schlafzimmer aus, sein Laptop ist die einzige Verbindung zur großen Welt da draußen und all den Klimaaktivisten aus Frankreich, Amerika, Deutschland, mit denen er – notfalls per Google Translator – Kontakt aufnimmt. Eine französische Umweltgruppe hat ein Interview mit ihm online gestellt. Eine australische Umweltwissenschaftlerin sich auf Facebook für seine Arbeit begeistert. Dauerhaftere Partnerschaften aber haben sich bisher nicht ergeben. Traoré und seine Mitstreiter sind denn auch hin- und hergerissen: Zwischen dem Wunsch, Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, und dem Gefühl, am Rande zu stehen. So wie die ugandische Klimaschutzaktivistin Vanessa Nakate beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Ein Fotograf der Agentur Associated Press hatte aus einem Gruppenbild von Greta Thunberg und ihren jugendlichen Mitstreitern aus aller Welt ausgerechnet das einzige schwarze Gesicht herausgeschnitten.

  Klimaaktivisten aus Afrika haben es doppelt schwer: Sowohl im Ausland als auch daheim kämpfen sie oft vergeblich um Sichtbarkeit. Umso bewegender ist es zu sehen, mit welcher Unermüdlichkeit und trotziger Hoffnung das Grüppchen Klima-Aktivisten um Traoré agiert. An jedem der weltweiten Klimastreik-Freitage stehen sie an einer Straßenkreuzung in Bamako: „Stoppt die Umweltzerstörung durch die Minenkonzerne“, haben sie mit Filzmarker auf eine der Wellpappen geschrieben. „Fridays for Future Mali“ auf eine andere. Oder auch einfach: „Merci Greta!“

  In der afrikanischen Metropole voll von Gerüchen, Farben und Lärm kann man die Demonstranten leicht übersehen. Und dennoch: Traoré und seine Mitstreiter – es sind zur Hälfte Frauen – haben am Ende einige der Umstehenden überzeugt. Im persönlichen Gespräch. Der einzigen Methode, die den mittellosen Aktivisten zur Verfügung steht. „Bei jeder Demonstration“, sagt der „Ensemble pour le Climat“-Präsident, „gewinnen wir in der Regel ein paar Dutzend neue Mitglieder“.

  Das ist an sich schon ein Erfolg. Denn nicht einmal die örtlichen Radio- und Fernsehsender berichten über „Ensemble pour le Climat“. Was wohl nicht nur daran liegt, dass die zwei Hundertschaften an „Fridays for Future“-Aktivisten in Bamako rein zahlenmäßig nicht mit ihren westlichen Pendants konkurrieren können. Sondern auch an der Ignoranz der Politik: „Wir können von unserem Umweltministerium keine Unterstützung erwarten. Es bleibt privaten Initiativen überlassen, etwas zu bewegen.“

  Etwa der Stiftung Santé Environnement, die zusammen mit dem Bürgermeister der Gemeinde VI des Distrikts Bamako im Juni 2019 das Pilotprojekt „Bamako ohne Plastikmüll“ ins Leben gerufen hat, und seitdem in zehn Kiosken aus Haushalten, Straßen und Rinnen gesammeltes Plastik gegen eine Zahlung von umgerechnet 30 Cent pro Kilo annimmt. Anschließend werden die gesammelten Kunststoffe Recyclingunternehmen zugeführt und wieder für den lokalen Markt aufbereitet. Traoré aber geht das noch nicht weit genug: In Ruanda, Kenia und Tansania etwa seien Plastikverpackungen von den Märkten verbannt. Auch in Mali gebe es bereits seit 2012 ein Gesetz gegen den Import, Verkauf und die Verwendung von Plastiktüten. Nur interessiere das niemanden. Die Verordnung werde nicht durchgesetzt, es fehlten jegliche Sanktionen. Genauso verhalte es sich mit einem Gesetz gegen das illegale Abholzen. Viele junge Menschen sähen keinen anderen Weg zum Überleben, als wahllos Bäume zu fällen und als Feuerholz zu verkaufen. Der Staat müsse ihnen Alternativen bieten.

  „Die Alten klauen uns unsere Zukunft“, sagt Traore, „aber wenn wir sie ansprechen, sagen sie uns: Du bist jung, du musst dich unterordnen.“ Gerade weil die Altershierarchien in Afrika so erdrückend seien, sei er froh „um die Ehrlichkeit und Respektlosigkeit unserer Schwester Greta“. Bei jeder Demonstration rede er über den Vorbildcharakter der 17-Jährigen aus Schweden. Dabei mutet der Kampf der malischen Klimaschützer ebenso heldenhaft an. Mindestens. Um gehört zu werden, müssen sie sich nicht nur gegen die Ablenkungen der Selfie-Kultur, die Klimaleugner, eine apathische Regierung und den täglichen Überlebensstress durchsetzen. Sondern auch gegen einen latenten Rassismus.

  „Wir jungen afrikanischen Umweltaktivisten“, sagt Traoré, „kämpfen denselben Kampf wie unsere Brüder und Schwestern im Westen, aber wer gibt uns eine Bühne? Wer lädt uns zu den großen internationalen Gipfeln ein?“ Er selbst habe schon zahlreiche Schreiben an internationale Organisationen wie etwa Greenpeace Afrika verfasst. Um Kooperation gebeten. Gemeinsame Aktionen angeregt, etwa eine Aufklärungskarawane, die durch die malischen Dörfer zieht, um die Menschen dort über Naturschutz, Klimawandel und eine daran angepasste Landwirtschaft zu informieren. Eine Antwort aber sei nie gekommen.

  „Der Planet braucht es, dass wir alle Hand in Hand zusammenarbeiten. Am Ende aber werden nur medial hochgehandelte Partner zu den Konferenzen eingeladen – und die afrikanische Jugend bleibt unsichtbar.“ Es ist das erste Mal, dass in Fousseny Traorés Augen so etwas wie Wut aufleuchtet. Auch später schickt er regelmäßig Mails über die Aktivitäten seiner Umweltgruppe. Während in Bamako gerade Barrikaden brennen und die Opposition fast täglich Demonstrationen gegen das als korrupt und unfähig geltende Regime organisiert, schreibt Traoré, das Problem sei durch einen neuen Präsidenten für ihn noch nicht gelöst. Weil kaum ein Politiker langfristige Umweltziele verfolge. Das Bewusstsein für Klimapolitik sei bisher kaum wahlentscheidend. Noch.

  Traorés Gruppe hatte die Covid-19-Krise genutzt, um die Bevölkerung über die Zusammenhänge von Seuchen und Umweltzerstörung aufzuklären. „Die Leute hören zu, wenn sie sehen, dass du auf ihrer Seite stehst.“ So verteilten die Umweltaktivisten von ihrem Spendengeld Seifen, Säcke mit Reis und halfen bei verschiedenen kommunalen Gemüseanbauprojekten. Die Notsituation hat zu panafrikanischer Solidarität geführt. Gerade hat Traoré mit Gesinnungsgenossen aus Togo, Niger, Burkina Faso, Senegal und der Elfenbeinküste die Koalition „Sauvons le Sahel“ (Lasst uns den Sahel retten) gegründet. Eine ihrer ersten medialen Aktionen: ein Kettenbrief, der gerade von Tausenden Afrikanern an die Afrikanische Union, deren Parlamentsmitglieder und den Vorsitzenden, den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa geschickt wird. Er zählt die wachsenden Umweltprobleme – Heuschreckenplage, Waldbrände, Trockenheit und Überschwemmungen – auf und mahnt: „Afrika ist den Klimawandel betreffend der verwundbarste Kontinent.“ Traoré weiß, dass es noch lange nicht sein letzter Brief sein wird.

JONATHAN FISCHER

SZ 12.8.2020fousseny

 

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