AGENTEN DES WANDELS Deradikalisierung durch Kultur: Das Auswärtige Amt setzt mit dem Förderprojekt „Donko Ni Maaya“ auf die Jugendlichen in Mali

Diallakorodji am Stadtrand von Bamako ist alles andere als chic: Löchrige Lehmpisten, geflickte Hütten, Ziegen und Eselskarren neben improvisierten Marktständen. Junge Malier aber kennen dieses Armenviertel abseits des mondänen Zentrums der malischen Hauptstadt vor allem wegen seines berühmten Hip-Hop-Festivals: „Rapou Dogokun“. In den letzten beiden Jahren strömten Zehntausende Jugendliche aus dem ganzen Land der Musik wegen hierher. Und sobald das malische Kulturministerium die Corona-Beschränkungen aufhebt, soll auch die diesjährige Ausgabe nachgeholt werden – als Förderprojekt des Auswärtigen Amtes. Und Teil einer kulturellen Initiative, die mit deutschem Geld und malischer Kreativität Alternativen zu dem teuflischen Kreislauf sucht, in dem malische Jugendliche so oft feststecken: Aufgerieben zwischen Armut, schlechten Schulen und staatlicher Vernachlässigung auf der einen und dem Ruf radikaler Prediger auf der anderen.

  Master Soumy, ein schlaksiger Typ mit Rasta-Häkelmütze, einer der bekanntesten Rapper Malis, kauert unter einem schattenspendenden Schilfdach mit Blick auf den Niger. „Hip-Hop ist die Zeitung der malischen Jugendlichen. Von den Politikern fühlen sich die meisten nicht ernst genommen, aber wir sprechen ihre Sprache.“ Man sieht Master Soumy nicht an, dass er vor seiner Hip-Hop-Karriere Jura studiert hat. Aber man spürt die intellektuelle Klarheit. Warum er als Initiator von „Rapou Dogokun“ einen so unglamourösen Ort gewählt hat? „Wir müssen“, sagt er, „die Jugendlichen bei sich in ihrer Realität abholen.“ Dann zählt er Fakten auf: Zwei Drittel der malischen Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre, ihre Zukunftsaussichten angesichts von Schulausfällen, Arbeitslosigkeit und der prekären Sicherheitslage in großen Teilen des Landes alles andere als rosig. Diese Jugendlichen müsse man für die Demokratie gewinnen. Schließlich sind in Mali Hip-Hop-Stars – abgesehen von religiösen Predigern – die einzigen, die Menschenmassen mobilisieren können. Master Soumy hat da einen Ruf: Seine Songs gegen Polizeiwillkür, Vetternwirtschaft und die Ignoranz „der da oben“ kennen die Jugendlichen hier auswendig. Den „Anwalt der Straßen“ nennen sie ihn. Als Präsident Ibrahim Boubacar Keïta 2017 eine Verfassungsänderung anstrebte, die seine Machtbefugnisse erweitern sollte, organisierte Master Soumy mit seiner Plattform „An Té A Bana“ (Rührt unsere Verfassung nicht an) Demonstrationen Tausender Jugendlicher und brachte das Kabinett dazu, das umstrittene Vorhaben aufzuschieben. Auch bei den aktuellen Protesten gegen den als unfähig beschuldigten Präsidenten IBK mobilisiert er seine Fans.

  Bei der letzten Auflage von „Rapou Dogokun“ waren 150 Rapper aus ganz Mali angereist. Selbst aus Orten wie Mopti und Gao kamen sie – Gegenden, in denen Dschihadisten und Drogenschmuggler arbeitslosen und desillusionierten Jugendlichen oft die einzigen greifbaren Perspektiven bieten. „Deradikalisierung“ und „demokratische Teilhabe“ waren deshalb die Themen, die vier Tage lang in Workshops und auf der Bühne behandelt wurden – mit Beteiligung der Freiburger Rapper Zweierpasch und dem senegalesischen Hip-Hop-Star Xuman. „Der Optimismus der Jugendlichen war mit Händen zu greifen“, erklärt Magali Moussa, die die Finanzierung und Durchführung des Projektes mit Mitteln des Auswärtigen Amts vor Ort betreut. „Am Ende erklärte ein junger Peulh-Rapper aus Gao gar, er werde fortan das Maschinengewehr gegen ein Mikro eintauschen.“ Hoffnung schien da auf. Und bekräftigte Moussas Arbeitsthese, dass kritische Kulturarbeit die Jugend für demokratische Prozesse gewinnen könne. Die Deutsche leitet seit Anfang 2019 das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit initiierte Pilotprojekt „Donko Ni Maaya“. Aus dem Bamana übersetzt bedeutet das soviel wie: „Kultur im Dienste der Gemeinschaft“. „Wir suchen gezielt nach change agents“, erklärt Moussa. Nach Erneuerern, die der Jugend zeigen, wie sie ihren Anliegen Gehör verschaffen können.

  „Deradikalisierung“ durch Kultur: hatten das die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auch dem einstigen Nazi-Deutschland verschrieben, etwa durch die Propagierung westlich-libertärer Kultur und die Förderung entsprechend ausgerichteter Zeitschriften? Und war nicht damals der CIA-finanzierte Pariser „Kongress für kulturelle Freiheit“ gegründet worden, um in westlichen Künstlerkreisen autoritär-kommunistischen Ideen entgegenzuwirken? Die Parallelen enden hier aber auch wieder. Denn „Donko Ni Maaya“ agiert nicht im Geheimen, sondern auf Einladung des malischen Staates. Auf der einen Seite steht die Beratung des heimischen Kultusministeriums sowie die Förderung bestehender Kulturzentren und -initiativen. Auf der anderen die Förderung junger Künstler mit ihren Projekten – um Toleranz und Vielfalt zu propagieren. Ein „zunehmender radikalislamistischer Einfluss“, konstatiert die Homepage des Projekts, „bedroht den traditionellen Zusammenhalt der malischen Gesellschaft und die kulturelle Ausdrucksfreiheit.“

  Tatsache ist, dass radikalislamistische Prediger in Mali – auch nach der militärischen Vertreibung der Dschihadisten aus den Städten im Norden Malis durch eine französische Intervention Anfang 2013 – in eine Lücke stoßen, die die Abwesenheit staatlicher Strukturen gerissen hat. Sie nutzen die Unzufriedenheit der Jugend über die Korruption von Polizei, Justiz und Politik. Sie instrumentalisieren die Kultur für eigene Zwecke. Und präsentieren sich für diejenigen, die ihr Heil nicht in der illegalen Migration suchen, als einzige Alternative. Ein „failed state“ wie Mali jedenfalls scheint den perfekten Nährboden für gewaltbereiten Extremismus zu bieten.

  Wer nach Gegenkräften sucht, der findet sie besonders in den jugendlichen Subkulturen der Städte: Hip-Hop, Poetry Slams, moderner Tanz und Theater blühen trotz Krise. Sie bieten Ausdrucksmittel und Orientierung. Und stehen für die Perspektive, dass der einst für sein friedliches Miteinander gepriesene Vielvölkerstaat Mali Lösungen in der eigenen Kultur findet. „Kultur und Kunst gelten in Mali seit jeher als einende gesellschaftliche Kräfte“, erklärt Randa Kourieh, die Leiterin der GIZ in Mali. „Wir müssen alles tun, damit dieses Gewebe nicht zerreißt.“

  „Donko Ni Mayaa“ ist in Mali mit seinem Zwei-Jahres-Etat von 2,5 Millionen Euro der größte Kulturfonds einer einzelnen Nation. Warum sich gerade Deutschland so engagiert? Das hat auch mit der Einsicht zu tun, dass rein militärische Lösungen nicht funktionieren. In den Medien wird meist im Zusammenhang mit Mali nur über den Bundeswehr-Einsatz berichtet: Bisher hat die Bundesregierung bis zu 1100 Soldaten im Rahmen der Uno-Mission zur Stabilisierung Malis und als Ausbilder in das westafrikanische Land entsandt. Die gerade debattierte Ausweitung dieses Einsatzes aber hält etwa Gerd Müller, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, für den falschen Ansatz: „Nur wenn die Menschen eine Lebensperspektive haben, können wir Radikalisierung, Terror, Flucht und Schleppertum wirksam begegnen.“ Die dahinter stehenden Konflikte schwelen schon lange: Bauern und Hirten rivalisieren um immer weniger Wasser und Weideland, die Jugend hat kaum Aussicht auf geregelte Arbeit, einstige Einnahmequellen wie der Tourismus sind längst versiegt. In den ländlichen Regionen hält die GIZ mit einer Modernisierung der Landwirtschaft und der Wasserversorgung dagegen. Schwerpunkt von „Donko Ni Maaya“ aber ist explizit die Kreativität der vernachlässigten urbanen Jugend.

  Ein staubiger Schulhof in Bamakos heruntergekommenen Banconi-Viertel. Fatoumata Bagoyo gibt ihrer Tanztruppe letzte Anweisungen. Hunderte von Schulkindern haben sich um die Tänzerinnen und die begleitende Trommeltruppe versammelt, folgen gebannt den pantomimischen Bewegungen der Mädchen mit den ernsten Gesichtern. Nein, um Tanzästhetik geht es hier nur in zweiter Linie. Fatoumata Bagoyo, eine energische kleine Frau, hat für ihr Tanztheater ausgerissene und in Heimen lebende Mädchen rekrutiert. Sie tanzen ihre eigene Lebensgeschichte. Wenn sich eine von ihnen im Sackgewand im Staub wälzt, gegen Dämonen spiegelfechtet und schließlich von der Gruppe weggetragen wird – dann verstehen selbst die Minderjährigen, um was es geht: um Gewalt gegen Frauen. Angefangen von der Beschneidung, einer Praktik, der hier noch immer das Gros der Mädchen unterzogen wird, bis zur späteren Zwangsheirat. Fatoumata Bagoyos Tanztheater hat bereits mehrere Tourneen in den Westen unternommen. Dank der Unterstützung durch „Donko Ni Maaya“ aber kann sie ihrer eigentlichen Mission vor Ort nachkommen: „Wir müssen Traditionen infrage stellen. Unser Theater sensibilisiert die Menschen für die mit der Beschneidung verbundenen Traumata.“ So tourt sie mit den Mädchen von Dorf zu Dorf, von Schule zu Schule, lässt Experten den Kindern erklären, an wen sie sich im Fall sexueller Gewalt wenden können. Und erklärt, was Frauenrechte mit Demokratie zu tun haben: „Wenn die Mädchen respektiert werden, dann bedeutet das einen Gewinn für die ganze Gemeinschaft.“

  Diesmal ist auch ein Filmteam bei Bagoyos Aufführung dabei. Amkoullel, ein bekannter Polit-Rapper leitet die Aufnahmen. Er selbst veranstaltet einen von „Donko Ni Maaya“ finanzierten Wettbewerb für Kurzfilme: 25 Teams nehmen aktuelle gesellschaftliche Themen auf und konkurrieren um die Likes des Publikums. Viele beschäftigen sich mit den Auseinandersetzungen zwischen Peulh-Hirten und Dogon-Bauern: Sie hatten in den letzten Monaten zu blutigen Massakern im Zentrum Malis geführt. Auch andere Förderprojekte fokussieren direkt oder indirekt ethnische Konflikte: etwa ein Theaterstück über Versöhnung mit offenem, vom Publikum mitgestalteten Ende. Oder eine Modeschau im Palais de la Culture, in dem traditionelle malische Flechtfrisuren präsentiert werden – und bei der eine Peulh-Frau auch mal eine Dogon-Frisur tragen kann. „Donko Ni Maaya“ gilt nach nur eineinhalb Jahren als eine der wichtigsten Anlaufstellen für die heimische Kulturszene, ob Graffitikünstler eine Schulmauer bemalen oder Slam-Poetry-Künstlerinnen einen Auftritt organisieren wollen. Die deutsche Organisation biete in diesen Fällen auch eine Beratung durch Experten an.

  „Malische Künstler“, erklärt Moussa, „stehen bei allen politischen Diskussionen stets in der ersten Reihe. Das hat sich gerade jetzt während der Corona-Krise wieder gezeigt.“ Sie waren die ersten, die Corona-Sensibilisierungs-Kampagnen starteten, mit Musik und Kunst die Bevölkerung informierten. Andererseits hat es sie selbst schwer getroffen. Auftrittsverbote und abgesagte Tourneen und Festivals brachten viele Künstler in existenzielle Nöte. „Donko Ni Maaya“ reagierte darauf mit der Schaffung digitaler Strukturen. Dazu gehört das Streaming-Format „Café de la Paix“, das regelmäßig live auf Facebook stattfindet. Aber auch der Aufbau von Online-Boutiquen, die Produktion von Videos und die digitale Aufrüstung von Kulturzentren.

  Für die Zeit nach Corona sollen sich auch wieder deutsche und malische Künstler begegnen: Zuletzt hatte das Berliner Omniversal Earkestra in Bamako ein Album zusammen mit Veteranen von Ali Farka Tourés Band und einem Dutzend jungen malischen Bläsern aufgenommen. Viele westliche Popstars pilgern seit Jahren nach Mali. Und dann ist da noch eine Hoffnungsbotschaft: „Donko Ni Maaya“ soll noch in diesem Jahr ausgeweitet werden. Von Bamako nach Gao und den Norden Malis. Die jungen agents of change dort warten schon lange auf ihre Chance.

JONATHAN FISCHER

SZ 29.7.2020

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