DIE DIEBE SIND IMMER NOCH FREI – John Burl Smith kämpfte schon in den Sechzigern für die Rechte der Schwarzen in den USA und tut es heute noch immer. Jetzt hat er ein Buch über 400 Jahre afroamerikanischen Widerstand geschrieben

John Burl Smith gründete 1967, nach seiner Rückkehr aus Vietnam, zusammen mit Charles Cabbage in Memphis die Invaders, eine Black-Power-Organisation. Er rief zu politischem Ungehorsam auf und organisierte Demonstrationen. Nunhat der 77-Jährige eine Geschichte des afroamerikanischen Widerstands von der Sklaverei bis zur Gegenwart geschrieben, die im August erscheint: „The 400th: From Slavery to Hip Hop“.

SZ: Mr. Smith, was hat Sie zu Ihrem Buch motiviert?

John Burl Smith: Ich habe vier Jahre lang meine Familiengeschichte zusammengetragen und all die historischen Ereignisse, die das Leben der Afroamerikaner seit Anfang der Sklaverei vor 400 Jahren geprägt haben. Die jungen Menschen heute sollen wissen, dass sie auf eine lange Geschichte des Widerstands zurückblicken können. Ich bin jedenfalls stolz auf die „Black Lives Matter“-Bewegung und sehe sie als Fortführung meiner eigenen Geschichte als Black-Power-Aktivist in den Sechzigern.

Wie begann Ihr Interesse für die Politik?

Das hatte in meiner Familie Tradition: Mein Ururgroßvater war als Sklave von seiner Plantage weggelaufen. Seinen Sohn trieb er an, Pfarrer zu werden. Denn das bedeutete, lesen und schreiben zu lernen, die Bibel und die Verfassung aus erster Hand zu verstehen. Als „rider“ tauschte er zwischen den schwarzen Siedlungen Nachrichten über neue Gesetze oder aber drohende Angriffe des Ku-Klux-Klan aus. Diese „rider“ waren die Keimzelle aller späteren Widerstandsbewegungen.

Dennoch waren Sie Mitte der Sechziger, nach Ihrer Rückkehr aus Vietnam, überzeugt, als Afroamerikaner endlich den amerikanischen Traum leben zu dürfen.

Ich glaubte an Amerika, an die Freiheit, an unsere Demokratie. Zum Militär war ich vor allem gegangen, weil das den schnellsten Weg zu Wohlstand und Karriere versprach. Ich hatte also einen gut bezahlten Job beim Staat, ein schönes Auto und ein Apartment – und ich war entschlossen, das Leben eines Playboys zu leben. Bis ich merkte, dass ich einer Illusion aufsaß.

Wann wurde Ihnen das bewusst?

Das war 1967. Der weiße Besitzer einer Tankstelle in Memphis wollte mir einen Tankdeckel verkaufen, nachdem er diesen zuvor von meinem Auto gestohlen hatte. Er versuchte nicht mal, das zu verheimlichen. Okay, wir sind im Süden, und er ist weiß. Ich aber hatte von meiner Zeit im Militär gelernt, gleichberechtigt mit Weißen umzugehen. Also rief ich die Polizei. Die Polizisten hörten mir nicht zu. Als dann noch mein Kumpel Charles Cabbage, ein Black-Power-Aktivist mit Riesen-Afro, aus meinem Volkswagen stieg, richteten alle ihre Waffen auf uns und drückten uns gegen die Wand. Am Ende brachten sie uns beide ins Gefängnis.

Und der weiße Tankstellenbesitzer kam ungestraft davon?

Ja. Dieser Zwischenfall mit dem Tankdeckel erschütterte meinen Glauben an Amerika. Er war der Dieb, aber ich kam hinter Gitter. Zuvor hatte ich oft mit Charles gestritten: Ich verteidigte Amerikas Demokratie, unsere Verfassung und den Vietnamkrieg. Jetzt aber musste ich einigen seiner Thesen recht geben: „Dieses Land liebt dich nicht. Dieses Land schert sich einen Dreck um dich, wenn du schwarz bist.“

Anschließend gründeten Sie zusammen mit Charles Cabbage und Coby Smith die Black Invaders, eine Organisation mit ähnlichen Zielen und Vorstellungen wie die Black Panthers, aber ohne deren martialisches Auftreten.

Die Black Panthers konnten in Kalifornien mit ihren Waffen in das State House marschieren und lebendig wieder rauskommen. Im Süden war das undenkbar. Stattdessen kümmerten wir uns um die Nöte der schwarzen Community und unterstützten etwa 1968 den Streik der Müllarbeiter in Memphis. Anders als ihre weißen Kollegen hatten sie keine Gewerkschaft, keinen Urlaub, kein Krankengeld, keine soziale Fürsorge.

Wie sah Ihre Kooperation mit den schwarzen Arbeitern aus?

Wir mussten sie erst mal politisch organisieren. Bisher hatten immer die schwarzen Kirchen die Vermittlungsrolle zwischen Bürgermeister und schwarzer Community gespielt. Aber deren Mittelklasse-Anführer arrangierten sich mit dem weißen Establishment, sofern sie selbst von Zugeständnissen profitierten. Die Arbeiter gingen dabei leer aus. Deshalb setzten wir auf die Politik der Straße und griffen zu Guerilla-Taktiken, die ich bei der Armee gelernt hatte: Wir zündeten Müllhaufen an, blockierten abwechselnd Hauptverkehrsstraßen und hielten die Polizeikräfte rund um die Uhr im Einsatz, um Druck auf die Stadtverwaltung aufzubauen.

Als Martin Luther King sich an die Spitze des Protestmarschs der Müllarbeiter setzte, gingen die Bilder um die Welt: von Demonstranten mit Schildern, auf denen „I Am a Man“ stand, und Polizisten, die auf Unbewaffnete, Frauen und Kinder einprügelten. Für Sie waren die Proteste dennoch ein Erfolg. Warum?

Martin Luther King suchte mit seiner „Poor People’s Campaign“ lange vergeblich nach Verbündeten. Als er sah, dass die Invaders für seinen Protestmarsch 50 000 junge Menschen aus dem ganzen Süden mobilisiert hatten, so viele wie nie zuvor, beraumte er ein Strategiegespräch mit den Invaders an.

Es war Martin Luther Kings letztes Treffen überhaupt, wenige Stunden vor seiner Ermordung im Lorraine Hotel. 

Er wollte seinen Kurs ändern, für die Armen kämpfen, statt nur für Mittelklasse-Anliegen wie gute Jobs, die Öffnung weißer Schulen für schwarze Kinder und das Recht, sich Häuser in weißen Gegenden zu kaufen. Er erzählte uns von seinem Plan, mit unserer Hilfe Black-Power-Organisationen im ganzen Land zusammenzubringen, um einen Marsch der Millionen in Washington zu organisieren. Es sollte der Höhepunkt seiner „Poor People’s Campaign“ werden, mit der er die Ausbeutung armer Schwarzer als Grundlage des amerikanischen Kapitalismus anprangern wollte. FBI-Chef Edgar Hoover nannte Martin Luther King daraufhin den „gefährlichsten Mann Amerikas“. Ich bin überzeugt, dass es Kings Radikalisierung zugunsten der Armen war, die zu seiner Ermordung führte.

Die Rolle der Invaders wurde erst Jahrzehnte später bekannt, als der Kongress bei einem Hearing zu Martin Luther Kings Ermordung geheime FBI-Akten freigab.

Die etablierten Bürgerrechtsanwälte wollten den Strategie-Schwenk Martin Luther Kings am liebsten verleugnen. Zusammen mit den weißen Medien zeichneten sie das Bild eines christlichen Pazifisten – aber am Ende war King zu denselben Ansichten wie Malcolm X gekommen.

Sehen Sie heute ein Wiedererstarken eines offiziell längst zur Vergangenheit erklärten Rassismus?

Donald Trump ist für mich ein Klon von Präsident Woodrow Wilson. Als Wilson 1913 an die Macht kam, hat er zusammen mit FBI-Direktor Hoover alle Fortschritte, die die Afroamerikaner seit Beendigung der Sklaverei 1866 gemacht hatten, mit einem Streich annulliert. Lincoln hatte den ehemaligen Sklaven Land und Bildung verschafft. Woodrow Wilson führte die Rassentrennung selbst in Regierungsbehörden wieder ein. Nach der Verfassung hatten wir Afroamerikaner seit 1866 die Rechte von Bürgern erster Klasse – aber bis heute ersinnen die Regierung, die Bundesstaaten und die Stadtverwaltungen immer neue Tricks, um uns unser Recht vorzuenthalten. Etwa durch die Neuziehung von Wahlkreisen oder gezielte Versuche, Leute am Wählen zu hindern.

Wie viele andere Aktivisten brachte Hoovers FBI auch Sie Anfang der Siebziger für mehrere Jahre ins Gefängnis. Was machte dem Establishment derart Angst an der Black-Power-Bewegung?

Wir wollten Amerika vor den Pranger der ganzen Welt stellen. Hoovers FBI hatte in den Zwanzigerjahren Marcus Garvey aus dem Land gejagt, der mit seiner Organisation UNIA die schwarzen Arbeiter vereinigen wollte. Und bestimmt ist es kein Zufall, dass Malcolm X gerade zu einem Zeitpunkt ermordet wurde, als er sich darauf vorbereitete, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen: Amerika sollte dort wegen Verbrechen gegen seine afroamerikanischen Bürger angeklagt werden. Und diesmal hätte Amerika das nicht verhindern können, wie zuvor bei „We Charge Genocide“.

Worauf spielen Sie an?

Das Anliegen war nicht neu. Paul Robeson und William Patterson wollten bereits 1951 eine Petition bei den Vereinten Nationen einreichen. Sie hieß „We Charge Genocide“ und war eine Abrechnung mit der systematischen Misshandlung und Ermordung von Afroamerikanern. Aber Amerika hat nie darüber diskutiert. Warum? Das State Department hatte jede Berichterstattung darüber verboten. Damals drohte James Strom Thurmond, ein Senator aus South Carolina, gar mit dem Austritt der Vereinigten Staaten aus den UN – ein Schachzug, um ein Hearing mit Paul Robeson und William Patterson um jeden Preis zu verhindern. „Black Lives Matter“ hat es heute geschafft, die Weltöffentlichkeit zu sensibilisieren, es gibt Solidaritäts-Demonstrationen überall auf der Welt. Und ich warte immer noch darauf, dass Amerika endlich wegen Völkermordes angeklagt wird – auch deswegen habe ich „The 400th“ geschrieben.

Erkennen Sie denn nicht an, dass sich die Situation der Afroamerikaner seit den Fünfziger- und Sechzigerjahren entscheidend gebessert hat?

Im Grunde hätten wir die sogenannte Civil Rights Bill von 1954 oder den Voting Rights Act gar nicht gebraucht – denn die selben Rechte waren den schwarzen Amerikanern schon 1866 zugesprochen worden. Die Einzelstaaten hatten sie nur nicht umgesetzt. So kämpfen wir bis heute um die Anwendung von Gesetzen, die bereits seit 150 Jahren gültig sind.

Nach Ihrer Zeit im Gefängnis studierten Sie Psychologie. Sie wollten verstehen, welche psychologischen Mechanismen dazu führen, dass schwarze Menschen gesellschaftlich nicht aufsteigen, dass ihr Widerstand so oft ins Leere läuft. Was haben Sie herausgefunden?

Menschen verlernen, sich zu wehren, wenn sie durch brutale Strafen dazu konditioniert werden. Man nennt das in der Verhaltenspsychologie „erlernte Hilflosigkeit“. Das war der Zweck der regelmäßigen Lynchmorde im Süden. Zwischen 1912 und 1946 wurden über 5000 Afroamerikaner gelyncht. Das waren oft richtige Volksfeste, zu denen die weißen Zuschauer ihre Kinder mitbrachten und bei denen sie Erinnerungs-Postkarten oder gar Reliquien des Ermordeten erwerben konnten. Als Harry Truman 1946 als erster Politiker öffentlich Anti-Lynching-Gesetze forderte, weigerte sich der Kongress, diese zu ratifizieren. Die Polizei benutzt diese Strategie bis heute: Sie schüchtern die armen Schwarzen durch Einsatz übermäßiger Gewalt ein. Und wenn Trump wie kürzlich geschehen „Black Lives Matter“-Aktivisten mit „Gangstern“ und „Unruhestiftern“ gleichsetzt, liefert er der Polizei auch noch eine Rechtfertigung.

Trump schrieb in einem Tweet: „When the looting starts, the shooting starts“ – ein Rekurs auf eine rassistische Parole aus den Sechzigern. Er spielt die Plünderungen, die einige der BLM-Proteste begleiteten, zu einer nationalen Gefahr hoch.

Das ist verkehrte Welt: Bestenfalls haben sich Afroamerikaner das Plündern von den Weißen abgeschaut. Waren nicht sie es, die zuerst den amerikanischen Ureinwohnern und dann den Sklaven alles genommen haben? Bis in die Vierzigerjahre galt das Verjagen Schwarzer als legal. Am bekanntesten ist das „Black Wall Street“-Massaker in Tulsa von 1921: Weiße Nachbarn zündeten über tausend Häuser der wohlhabenden schwarzen Community an, vertrieben die afroamerikanischen Geschäftsleute und nahmen deren Eigentum in Besitz. Die Polizei und die Nationalgarde stellten sich auf die Seite der Angreifer. Heute laufen die Enteignungen subtiler.

Wie meinen Sie das?

Starke Kräfte in unserer Gesellschaft rechtfertigen die moderne Sklaverei – ich meine damit die miese Bezahlung schwarzer Arbeiter, die Gefängnisindustrie und das marode Wohlfahrtssystem. Bis heute beruht unser kapitalistisches System auf der Ausbeutung schwarzer Menschen. Trump und seine Freunde sehen den gedeckten Tisch von oben. Wir aber mussten uns immer mit dem Blick von unten zufriedengeben und – schlimmer noch – unseren Kindern beibringen, ihr Leben vor uniformierten Menschen zu schützen, die von unseren Steuern bezahlt werden.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Landes?

Ich glaube immer noch an Amerika. Wir schwarzen Amerikaner haben diese Nation buchstäblich mit unseren Händen aufgebaut. Wir haben zu viel Blut für dieses Land vergossen, haben zu lange Amerikas Werte verteidigt, dafür gekämpft, dieses Land zu einer Heimat für uns alle zu machen, um jetzt aufzugeben. Mein Buch ist die Geschichte einer lang geprüften Liebe.

Haben Sie als Veteran einen Ratschlag für die jungen Leute, die heute für „Black Lives Matter“ auf die Straße gehen?

Sie sollten ihren Protest in Politik ummünzen. Und endlich die Greise im Kongress und Senat ablösen, die immer noch in den Vierzigern und Fünfzigern leben. Wenn sie es schaffen, so viele Stimmen in die Urnen zu bekommen wie sie Menschen auf der Straße mobilisieren, dann werden die Politiker ihnen zwangsläufig zuhören.

„The 400th – From Slavery To HipHop“ (River City Publishing, Memphis)

Interview: JONATHAN FISCHER

SZ 15.7.2020john burl smith

 

 

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