Aufklärung, Vernunft und Liebe: Afropop-Kolumne

Eigentlich kommt der Berliner Schlagzeuger und einstige Mitgründer der Münchner Retro-Funk-Combo Poets Of Rhythm ja vom Jazz. Jetzt aber trägt Max Weissenfeldt die jamaikanische Basskultur nach Afrika. Und revolutioniert aus seinem neugebauten Studio in Kumasi, Ghana, heraus den Afropop. Nachzuhören etwa auf dem Album „Nsie Nsie“ (Philophon“). Y-Bayani & Baby Naa and The Band Of Enlightenment, Reason & Love lautet der Projektname, der dann doch ganz gut zum afrofuturistischen Gestus des Ganzen passt. Hinter Y-Bayani steckt der Sänger Yusef Hussain, den Weissenfeldt bei Aufnahmen mit Jimmy Taylor, Sohn der Highlife-Legende Ebo Taylor, kennenlernte. Der Mann hielt sich mit Uhrenreparaturen über Wasser und hatte nur diesen einen Song „Asembi Ara Ambe“ im Repertoire. Aber wie würde dessen flehentlicher Gesang wohl in Kombination mit einem der schlingernden Reggae-Riddims klingen, die Weissenfeldt zusammen mit Josie Coppola, dem Schlagzeuger von Gentleman, eingespielt hatte? Das Stück mit seinem polyrhythmischen Shuffle, den mollig-mäandernden Melodien und infektiösen Chants gab die Blaupause für ein ganzes Album. Y-Bayanis Duettpartnerin fand sich in der Kirchensängerin Naomi Addy alias Baby Naa. Deren Soul befördert Weissenfeldt mit Hilfe quengelnder und gurgelnder Sci-Fi-Keyboards und jazzigem Vibraphon ins Kosmische. An einen Ort, wo Fela Kuti, Herbie Hancock und Rita Marley in einer ghanaischen Kirche tanzen. Vollanalog natürlich. Und im Dienst einer höheren Art von Aufklärung, Vernunft und Liebe.

Ähnlich unwahrscheinlich klingt die Konstellation eines der stärksten Ethio-Jazz-Alben seit langem: „To Know Without Knowing“ (Agogo Records), eingespielt von Mulatu Astatke & The Black Jesus Experience. Mulatu Astatke hatte in den 60er Jahren während seines Studiums in London und New York Jazz gespielt, und den afroamerikanischen Swing und Soul bei seiner Rückkehr nach Addis Abeba mit traditionellen Klängen fusioniert. Seine Musik müsste jedem Popkonsumenten im Westen längst ein Begriff sein: Sei es durch den melancholischen Soundtrack zu Jim Jarmuschs „Broken Flowers“, sei es durch Samples von Kanye West bis Damian Marley. „The Black Jesus Experience“ aus Melbourne, Australien, aber nutzt Astatkes Musik nicht nur als exotischen Geschmacksverstärker. Peter Harper, der Gründer und Saxophonist des achtköpfigen Kollektivs hat die Liebe zum Ethio-Jazz von seinem Vater, einem Musiklehrer des äthiopischen Marine-Orchesters in den 60er Jahren, übernommen. Zusammen mit der 1992 aus Äthiopien emigrierten Sängerin Enushu Taye versteht er „The Black Jesus Experience“ als globales Funk-Experiment: Karibisch angehauchte Bigband-Bläser, Afrobeat-Rhythmen, Reggae und Gnawa unterfüttern Astatkes lässige Vibraphon-Kaskaden. Lediglich „Kulun Mankwaleshi“ bleibt dabei dem traditionellen Ethiojazz-Format verhaftet. Ansonsten wechseln die melismatischen Vocals von Enushu Taye mit den politisch-kritischen Raps des zimbabwisch-australischen MC Mr. Monk, der etwa in dem zehnminütigen „Living On Stolen Land“ über die Rechte der Aborigines rapt. Für den 77-jährigen Astatke ist es bereits sein zweites Album mit den Freunden aus Melbourne. Und egal wieviel Zutaten hier zusammenkommen: Seine pentatonischen Skalen vermögen nach wie vor zu hypnotisieren.

Oumou Sangaré verzichtet diesmal auf Funk-Experimente. Hatte die große Dame des malischen Pop ihr letztes Album „Mogoya“ noch mit Schlagzeuger Tony Allen und allen möglichen Dub-Effekten Soundsystem-tauglich aufgerüstet, spielt sie nun die selben Songs nochmal in abgespeckten Versionen ein. Das muss kein Verlust sein. Im Gegenteil: Oumou Sangaré zeigt auf „Acoustic“ (No Format!), warum sie überall in Westafrika verehrt wird, eine Pop-Heilige, deren Konterfei auf den Kleinbussen in Bamako neben denen von Bob Marley, Che Guevara und Koran-Gelehrten prangt. Es ist die Kombination aus Haltung und Stimme! Um ihren schneidend-nasalen Sirenengesang zur Geltung zu bringen, genügen ihr ein Background-Chor, akustische Gitarre und eine dreckig-bluesige Ngoni-Laute. Atmosphärisch und intim klingt das. An zwei Tagen hat Sangaré alle elf Songs live in einem Pariser Studio eingespielt – ohne Verstärker oder Overdubs. Das Ergebnis strahlt mit der archaischen Wucht früher Bluesaufnahmen, wo die Magie allein auf der Präsenz der Musiker ruht. Oumou Sangarés Songs prangern Polygamie, Zwangsheirat und die Verstümmelung weiblicher Genitalien an. In „Yere Faga“ warnt sie vor den leeren Versprechungen der Männer – und wenn Sangaré, eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Hotel-Besitzerin, in „Mali Niale“ ihre emigrierten Landsleute dazu aufruft, am Wiederaufbau der Kriegs- und Krisen-geplagten Heimat mitzuwirken, hat das wohl mehr Gewicht als ein Wort des Präsidenten.

JONATHAN FISCHER

SZ 14.7.2020Y-Bayani

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