Die Seuche der Armen: Der Musiker Seun Kuti über Corona in Afrika, die Gleichgültigkeit des Westens und seine Hoffnungen

Seun Anikulapo Kuti ist der jüngste Sohn des nigerianischen Musikers und Bürgerrechtlers Fela Kuti. Dieser hatte Anfang der Siebzigerjahre Highlife, Funk und politische Texte zum neuen musikalischen Genre Afrobeat zusammengemischt und wurde für seine Kritik an Nigerias Militärdiktatoren eingesperrt. Seit dem Tod des Vaters 1997 setzen Felas Söhne Femi und Seun dessen musikalische Mission fort. Seun Anikulapo Kuti hat als Bandleader von Felas einstiger Band Egypt 80 zum weltweiten Revival des Afrobeat beigetragen. Zuletzt hat der 37-Jährige das Grammy-nominierte Album „Black Times“ veröffentlicht.

  Während der Ausgangssperren seit Ende März saß er wie alle anderen Bewohner seiner Heimatstadt Lagos zu Hause fest. Der Lockdown wurde vor sechs Wochen gelockert, jetzt gibt es ähnlich wie in anderen Ländern Maskenpflicht und Abstandsregeln. Moscheen, Kirchen und viele Geschäfte bleiben geschlossen. Die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie in Afrika beschleunigt sich nach anfänglicher Stagnation.   Diese Woche waren nach Angaben der Johns Hopkins University 255 000 Fälle Infizierter offiziell bestätigt, die tatsächliche Anzahl dürfte weit höher liegen. Nigeria ist nach Südafrika und Ägypten ein Brennpunkt der Pandemie. Knapp 9 000 Infizierte zählt allein der Bundesstaat Lagos.

SZ: Wie verbringen Sie die Zeit während der Corona-Maßnahmen?

Seun Kuti: Ich kann leider meine zehnköpfige Band nicht mehr zum Üben versammeln. Aber dafür lese ich viel und lade Freunde ein, um darüber zu diskutieren. Wissen ist für mich das Wichtigste. Gerade begeistert mich ein Buch von Marimba Ani: „Yurugu – An African-centered critique of European cultural thought and behaviour“. Schauen Sie mal hier (hält Buch in Laptop-Kamera): alle wichtigen Zitate mit Leuchtstift markiert, als ob ich mich auf eine Schulprüfung vorbereiten würde.

Sie kritisieren Ausgangssperren. Warum soll das Social Distancing nicht auch Afrikaner schützen?

Die westlichen Rezepte funktionieren nicht in Afrika. Über die Hälfte der Nigerianer lebt von weniger als zwei Dollar am Tag. Wie viele von denen können zwei Wochen daheimbleiben, ohne sich durch Straßengeschäfte ihr tägliches Essen zu sichern? Erst recht, wenn sie in einem Slum wohnen, kein fließendes Wasser haben, sich ihre Großfamilie auf 50 Quadratmeter zusammenpferchen muss? Bei vielen richtet sich der Hunger und die Aggression gegen die eigene Familie, der häusliche Missbrauch von Frauen und Kindern steigt …

Sie sagen, die Corona-Krise würde die tiefe Kluft zwischen den sozialen Klassen in Nigeria und Afrika sichtbar machen. Wie meinen Sie das?

Diese Krise ist nicht nur ein Gesundheitskrieg, sondern auch ein Klassenkrieg. Wir bräuchten Massentests, um das Virus in den Griff zu bekommen. Und diese Tests müssten kostenlos sein, sodass sich auch die Armen auf eine mögliche Infizierung untersuchen lassen können. Tatsächlich aber werden lediglich die Reichen getestet. Die WHO hat in den ersten Wochen gerade mal 15 000 Tests für alle Länder Afrikas zusammen zur Verfügung gestellt

Für einen ganzen Kontinent?

Wir Afrikaner haben das Gefühl, dass wir nicht dieselbe Sorge verdienen wie die Menschen im Westen. Letztendlich läuft alles auf eine Klassendistanzierung hinaus. Man rät den Reichen mit Villen und westlichem Lebensstil, sich von den Armen fernzuhalten. Weil alle, die täglich hinaus auf die Märkte und in überfüllte Busse müssen, ein höheres Risiko haben, sich anzustecken. Auf lange Sicht werden also mehr Arme als Reiche am Virus erkranken. Und das ist eine Schande.

Welche Maßnahmen könnten den Armen helfen?

Die afrikanischen Regierungen müssen die Pandemie zum Anlass nehmen, endlich in ihr Gesundheitssystem und sanitäre Technik für alle zu investieren. Statt nur ein paar improvisierte Quarantäne-Zentren zu errichten, sollten sie all die privaten Krankenhäuser für die Allgemeinheit zugänglich machen. Und das gesetzlich festschreiben. Zu viele Kranke werden von Hospitälern abgewiesen, weil sie nicht zahlen können. Es kommt jetzt alles darauf an, was wir aus der Krise machen. Im Moment gibt es in meinem Land nur einen Arzt auf 3 500 Einwohner. Wenn Nigeria nach der Covid-19-Pandemie auf demselben Level bleibt, war alles eine vergeudete Chance. Aber wenn wir mit einem verbesserten Gesundheitssystem, medizinischen Zentren für die Landbevölkerung und mehr und besseren Ärzten daraus hervorgehen, dann haben wir dazugelernt.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass der Westen sich diesmal verstärkt um Afrika sorgt? Es ist doch längst klar, dass Pandemien weltweite Auswirkungen haben.

Wir Afrikaner sind, lange bevor es den Covid-19-Erreger gab, an vermeidbaren Krankheiten gestorben. 8 000 Menschen sterben täglich allein an Hunger. In Nigeria wüten gerade auch noch die Cholera und Polio. Schert sich der Westen darum? Die Wahrheit ist: Wenn nur arme Schwarze an Covid-19 stürben, würde das kaum jemanden interessieren. Aber Covid-19 bringt eben alle um.

Seit den Unruhen in den USA ist viel von der Polizeigewalt Weißer gegen Schwarze die Rede. In den sozialen Netzwerken Afrikas kursieren nun Videos, in denen afrikanische Polizisten in Kenia, Senegal, Nigeria und anderen Ländern diejenigen verprügeln, die es während der Ausgangssperre nicht rechtzeitig nach Hause schaffen. Beängstigt Sie das?

Glauben Sie mir, die Polizeibrutalität unterscheidet sich während der Ausgangssperren und Kontaktverbote nicht von derjenigen, der Afrikaner auch sonst jeden Tag ausgesetzt sind. Die Kolonialherren hatten die Polizei einst nach Afrika gebracht. Als Instrument, um die Armen in Schach zu halten. Das ist bis heute so geblieben. Und seid es nicht ihr Europäer, die unseren Diktatoren und ihren Ordnungskräften auch noch die Waffen liefern?

Hunderte afrikanische Musiker haben zu Beginn der Krise Händewasch-Songs aufgenommen. Von Ihnen hat man noch nichts Entsprechendes gehört.

Ich habe nichts gegen Hygiene-Songs. Aber das reicht nicht. Sobald ich meine Band wieder um mich versammeln kann, werde ich die Krise in meiner Musik thematisieren. Ich habe bereits eine Vision für die Nach-Corona-Zeit entwickelt: Einen großen Club und ein Gelände drum herum aufzubauen, eine Community, wo alle meine Musikerfreunde mit ihren Familien zusammen leben und musizieren können.

Sie träumen von einer Kommune nach dem Vorbild der Kalakuta Republic Ihres Vaters Fela Kuti ?

Mein Vater hat in ähnlichen Krisenzeiten eine ähnliche Idee gehabt. Der Rückhalt in dieser Gemeinschaft hat ihm erlaubt, schonungslos über die Realität der Nigerianer zu singen und dabei nicht an der Brutalität des Regimes zu zerbrechen.

Der nigerianische Pop von heute nennt sich etwas irreführend Afrobeats, also wie die Musik Ihres Vaters, aber mit einem angehängten s, während er im Gegensatz zu dessen politischen Botschaften eher die Freuden des Luxuslebens predigt. Fühlen Sie sich da mit Ihrer Musik nicht wie ein einsamer Widerstandskämpfer?

Es gibt eine Menge junger Musiker in ganz Afrika, die die Mächtigen kritisieren, wie etwa Ambasa Mandela in Kenia oder Master Soumy in Mali. Aber du bekommst von vielen im Mainstream kaum etwas mit, weil das System sie nicht unterstützt. Zeit also für die Konsumenten, endlich aufzuwachen: Wollt ihr positive Musik oder nur Mucke zum Einlullen?

Andererseits beschäftigen sich gerade mehr Menschen als je zuvor mit Politik. Ist die Krise da eine Chance?

Natürlich ist das politische Interesse der Bürger gerade gewachsen. Aber wenn sie das nur aus Angst tun, werden sie letztlich untätig bleiben. Das Engagement muss von einem Ort der Liebe kommen. Wir können nichts ändern, wenn uns nur die Angst antreibt. Wir müssen handeln – nicht weil wir die Corona-Pandemie fürchten, sondern weil wir die Menschheit lieben. Aus diesem Grund müssen wir auch aufpassen, dass wir nicht aus Angst vor Covid-19 langfristig unsere Bewegungs- und Versammlungsfreiheit aufgeben. Sonst macht die Regierung, was sie will, und wir können nicht einmal dagegen demonstrieren.

Viele staatliche und religiöse Anführer in Afrika haben Gebete und Gottesfürchtigkeit als Schutz gegen das Coronavirus propagiert. Welche Rolle spielen die Kirchen in Nigeria?

Viele Kirchen behaupten, sie könnten die Kranken mit Gebeten und geweihten Ölen heilen. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, endlich Beweise dafür zu erbringen? Aber ich habe noch keinen Pfarrer oder Imam gesehen, der zum Heilen in die Quarantäne-Zentren gekommen wäre. Nicht mal in Italien, wo der Papst residiert, haben sie ein Gegenmittel. Der Vatikan hat geschlossen. Aber manche Afrikaner sind christlicher als der Papst und wollen sich immer noch zu Gottesdiensten treffen.

Sie fordern in den sozialen Medien „afrikanische Lösungen“ für die Corona-Krise. Was verstehen Sie darunter?

Ich habe eine Botschaft an all die afrikanischen Doktoren, Mikrobiologen und medizinisch Berufstätigen auf der ganzen Welt. Ich verstehe, dass sie vor einem kaputten System nach Europa, Amerika oder in den Nahen Osten geflohen sind – und rein ökonomisch gesehen haben sie dazu auch jedes Recht. Aber jetzt brauchen wir ihre Fähigkeiten, um unseren Kontinent zu retten. Ich darf das sagen. Immerhin verdiene ich auch nicht, was ich verdienen könnte, weil ich mich entschieden habe, mit meiner Musik lieber für die Anliegen meiner Leute zu sprechen. Und jetzt fordere ich dasselbe Opfer von den medizinisch Berufstätigen: Kommt zurück, um für eine bessere Gesundheitsversorgung in Afrika zu kämpfen.

JONATHAN FISCHER

SZ 18.6.2020seun kuti

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