Faust und Fingerpistole – Killer Mike macht Politik: als Rapper von Run The Jewels und als Wortführer von «Black Lives Matter»

run the jewelsEin Album von Run The Jewels (RTJ) wirkt wie eine Hip-Hop-Zeitreise: Das schwarze Kraftpaket Killer Mike und sein weisser Kiffer-Kollege El-P kombinieren all die Qualitäten, die Old-School-Herzen schneller schlagen lassen. Da sind die lauten, rumpelnden Beats, mit denen einst Legenden wie Public Enemy oder die Beastie Boys Adrenalin freisetzten.

Dazu eine kalkulierte Melange aus Wut und Witz: Wenn Killer Mike und El-P im Flow sind, dann fallen sie sich kongenial ins Wort, wechseln sie vom Nonsens ins Nerdige und wieder zurück. Sie toben durch ein Universum, in dem Teenager-Spässe und Agit-Pop nur eine Punchline voneinander entfernt sind.

Das bliebe alles bloss ein Spektakel, würde das Duo dabei nicht regelmässig Gewalt und Ungerechtigkeit in der amerikanischen Gesellschaft thematisieren. Und das mit präzisem Timing. Das zweite Album von RTJ klang 2014 wie das Echo auf die ersten Black-Lives-Matter-Demonstrationen: eine Reaktion auf die Erschiessung des 18-jährigen Schülers Michael Brown durch einen Polizisten in Ferguson. Das dritte Album wiederum hatte 2016 den Blues der Trump-Präsidentschaft vorweggenommen.

Nun ist «RTJ4» erschienen – früher als geplant. Obwohl es schon länger fertiggestellt war, tönt es laut und kämpferisch. Als hätten die beiden Rapper die Ermordung von George Floyd und die Aufstände vorausgeahnt. Dabei waren sie zuvor bereits durch zahllose weniger bekannte Opfer von Polizeigewalt aufgeschreckt worden.

«I can’t breathe», rappt Killer Mike etwa in «Walking In The Snow». Und sofort denkt man an die finalen Worte George Floyds. Es handelt sich jedoch um ein Zitat Eric Garners, der 2014 unter ähnlichen Umständen in New York ums Leben gekommen war.

Die rassistische Polizei ist allerdings nicht Killer Mikes einzige Zielscheibe. Auch selbstgerechte weisse Liberale, die tatenlos bleiben angesichts des Unrechts, knöpft er sich vor: «You so numb you watch the cops choke out a man like me (. . .) The most you give is a Twitter rant and call it tragedy.» («Du bist so abgestumpft, dass Du zusiehst, wie Polizisten einen Mann wie mich würgen (…) Das entlockt dir höchstens eine Twitter-Tirade, und du nennst es eine Tragödie.») Was können ein paar Twitter-Botschaften und das Klagen über eine weitere Tragödie schon gegen ein ungerechtes System ausrichten? Killer Mike jedenfalls prangert auch die systemische Armut Amerikas an (in «Just» unter Mitwirkung von Pharrell Williams und Zack de La Rocha von Rage Against The Machines), er geisselt grosse Medienkonzerne ebenso wie die Industrie-Lobbys.

Bei aller antikapitalistischen Verve aber kommt Killer Mike nie als Moralapostel daher. Im Hip-Hop gehörte es einst zum guten Ton, harsche Sozialkritik mit unbeschwertem Entertainment zu kombinieren. Ähnlich wie ein Chuck D oder ein Ice Cube die Frustration und Wut junger Afroamerikaner zum Tanzen brachten spicken Killer Mike und El-P ihre Polit-Predigten mit schrillen, dystopischen Phantasien.

Rap ist die akustische Rüstung der Ohnmächtigen. Run The Jewels aber klingen alles andere als verbissen. Im Gegenteil, das Rap-Duo schafft es schwindelsicher zwischen todernsten Polit-Botschaften und frivolen Witzen zu balancieren. Dabei prallen Vergangenheit und Zukunft aufeinander. Die Grundstimmung ist bluesig. Federnde Beats und Scratch-Einlagen erinnern an die goldene Zeit des East Coast Hip-Hop.

Weshalb aber liefern ausgerechnet zwei über 40-jährige Musiker das bisher wichtigste Hip-Hop-Album des Jahres? In einer Hip-Hop-Welt, deren Charts von Teenies und Twens bevölkert werden, die sich «Young irgendetwas» nennen und im Windschatten von Drake ihren Selbstbespiegelungs-Singsang verbreiten, wirkt Killer Mike tatsächlich wie der Superheld von Gestern. Am Ende aber erweist sich gerade seine Erfahrung und sein Geschichtswissen als Stärke. Sein Partner El-P prägte bereits in den neunziger Jahren den New Yorker Untergrund; er selber machte sich als Teil von Atlantas Dungeon Family und Gastspielen bei Outkast einen Namen.

Killer Mike profiliert sich aber nicht nur als Rapper, er nimmt oft auch direkt Stellung zu politischen Ereignissen. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ferguson etwa rief er seine Fans in den sozialen Medien dazu auf, endlich gesellschaftlich aktiv zu werden sozialen Medien. Später unterstützte er Bernie Sanders auf dessen Wahlkampfauftritten – und Sanders ließ sich im Gegenzug ablichten, wie er mit seinen Händen das Bandsymbol von Run The Jewels formte: Eine Fingerpistole, die auf eine Faust zielt.

Unvergesslich dürfte auch Killer Mikes jüngster Auftritt bei einer Pressekonferenz der Bürgermeisterin von Atlanta bleiben. In seiner leidenschaftlichen Ansprache wies er sich als Sohn eines schwarzen Polizisten und als Abkömmling einer Familie von Bürgerrechtskämpfern aus. Sichtbar mit den Tränen kämpfend, hielt er nicht hinter dem Berg mit seinem Zorn. «Ich wollte gestern die Welt brennen sehen, weil ich es satthabe, schwarze Männer sterben zu sehen.»

Jugendliche legten Feuer, weil sie sich sonst nicht zu helfen wüssten. Er aber habe die Pflicht, sie aufzuklären: «Brennt nicht aus Wut auf den Feind euer eigenes Haus nieder.» Hingegen müssten sie jetzt planen, organisieren, mobilisieren. «Es ist an der Zeit, Staatsanwälte, Stadtbeamte und Polizeichefs zur Rechenschaft zu ziehen – und die Verantwortlichen an der Urne zu bekämpfen.»

Fans wie Comedy-Star Sarah Silverman forderten den Rapper daraufhin auf, doch selber für ein politisches Amt zu kandidieren. Das wäre tatsächlich ein wichtiges Signal für die Generation Hip-Hop. Andererseits: Als Killer Mike hat der Rapper grössere Freiheiten. So lässt er das Album mit beissendem Zynismus enden – in der Rolle eines Polizeiopfers. Seine letzten Worte an ein Exekutionskommando: «Fuck you, too!»

JONATHAN FISCHER

erschienen in der NZZ vom 14.6.2020

 

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