ES IST DIE SELBE MASCHINERIE Der frühere Aktivist der „Black Panther“ Jamal Joseph wundert sich nicht über den Rassismus der amerikanischen Polizei – und empfiehlt Lehren aus der Geschichte der Protestbewegungen

 

Nach einem Video, das den brutalen Tod von George Floyd bei einer Festnahme in Minneapolis zeigte, erregt die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner weltweit Aufmerksamkeit und Massenproteste. Vor der aktuellen „Black Lives Matter“-Bewegung organisierte in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Black Panther Party den Widerstand. Die SZ sprach mit dem Filmemacher, Professor und Black-Panther-Veteranen Jamal Joseph über die lange Tradition von Polizeigewalt und strukturellem Rassismus.

Als Sie das Video sahen, auf dem ein weißer Polizist so lange auf dem Hals des bereits mit Handschellen gefesselten George Floyd kniet, bis dieser stirbt – waren Sie schockiert?

Jamal Joseph: Es brach mir das Herz, aber überrascht hat es mich keineswegs. Die Polizei versteht sich historisch gesehen als Institution der Besatzung, deren Ziel es ist, die afroamerikanische Bevölkerung einzuschüchtern. Ihre Aufgabe ist es, die herrschende Klasse und ihr Eigentum zu schützen. Ihr Rassismus ist das Erbe der Sklaverei. Damals wurde gelehrt, dass wir Afroamerikaner keine vollwertigen Menschen seien, und die Polizei übernahm es, die Sklaven zu kontrollieren und Entlaufene wieder einzufangen.

Und von dieser Mentalität hat sich die Polizei bis heute nicht befreien können?

Der auf George Floyd knieende Polizist hätte dieses mörderische Verhalten nicht mal einem Hund gegenüber an den Tag gelegt – etwa wenn das Tier jemanden gebissen hätte. Was sagt es über die Wertschätzung schwarzen Lebens aus, dass man selbst Tiere auf sanftere Weise behandelt?

Hunderttausende Afroamerikaner und Weiße gehen auf die Straße. Haben sich die Proteste ausschließlich an der Polizeigewalt aufgehängt?

Nein, die Vorgeschichte ist lang: Polizisten hatten zuletzt eine schlafende Frau (Briona Taylor) in ihrem Bett ermordet, nachdem sie das falsche Apartment gestürmt hatten. Ein anderer Afroamerikaner (Ahmaud Arbery) hatte das Pech, in der falschen Nachbarschaft zu joggen. Die Fälle haben eines gemeinsam: Einem Mitmenschen wird wegen seiner Hautfarbe jede Menschlichkeit abgesprochen. Dieser Rassismus reicht bis in die Strukturen: So hat die Covid-19-Krise nicht zufällig überproportional viele Afroamerikaner getroffen.

Was könnte helfen, diesen jahrhundertealten Rassismus zu besiegen?

Präsident Trump hat viele seiner Anhänger vor allem aus der ärmeren weißen Unterschicht zu dem Glauben angestiftet, dass ihre braunen, schwarzen, asiatischen oder spanischsprechenden Mitmenschen Schuld an ihren Problemen haben. Nichts fürchten die Herrschenden mehr als eine Zusammenarbeit über Rassengrenzen hinweg. Das bewerkstelligte etwa der (von der Polizei im Schlaf ermordete) Black-Panther-Anführer Fred Hampton Ende der Sechziger in Chicago: Er brachte in seiner Rainbow Coalition arme Schwarze, Latinos und Weiße dazu, zu erkennen, dass sie alle unter denselben Mechanismen des Kapitalismus leiden und sie nur gemeinsam überwinden könnten. Wir werden die Trump-Fanatiker nicht bekehren können. Aber ich setze auf ihre Kinder, die Colleges und High Schools besuchen, um mit ihnen irgendwann eine neue Rainbow Coalition zu gründen.

Als Sie ein junger Anführer der Black Panther Party in New York waren, erklärte das FBI sie zu Terroristen und Weißen-Hassern. Bemüht die Rechte heute dieselben Vorurteile gegen die Black- Lives-Matter-Bewegung?

Ich muss da an meinen ersten Tag als Black-Panther-Rekrut denken: Ich kam zu ihrem Büro und erwartete, dass sie mir ein Gewehr aushändigen würden, um notfalls einen Weißen zu erschießen. Sie aber drückten mir einen Stapel Bücher in die Hand: Von Malcolm X bis Frantz Fanon. Und dann erklärten sie mir, dass es nicht um Hautfarben ginge, sondern um den gemeinsamen Klassenkampf. Also um die Ungleichverteilung von Besitz und Macht. Und dass die kapitalistische Maschinerie von der Uneinigkeit der Ausgebeuteten profitiert. Deshalb wurden die Black Panther auch gewaltsam zerschlagen, während auf Rassentrennung beharrende Organisationen wie der Ku-Klux-Klan unangetastet blieben.

Führt Donald Trump diese Agenda heute weiter?

Ja, er will die Protestierenden als Linksradikale, Kriminelle und Terroristen abstempeln. Deswegen müssen alle, die demonstrieren gehen, vorsichtig sein. Manchmal wollen Agents Provocateurs die Leute zu gewalttätigen Ausschreitungen verleiten, manche kommen aus dem anarchistischen Lager und haben keine politische Agenda.

Was ist der Unterschied der Proteste heute zu dem einstigen organisierten Widerstand der Black Panther?

Viele der Jugendlichen, die heute mitmarschieren, sind wütend und frustriert, haben aber so gut wie keine politische Vorbildung. Ihr Instinkt sagt ihnen, eine Ladenkette oder eine Polizeistation als Symbole der Unterdrückung zu sehen. Aber wenn sie Gebäude anzünden, Autos umstürzen, Geschäfte plündern, bleiben sie der Wut des Moments verhaftet. Ich verstehe diese rebellischen Instinkte nur zu gut. Eine langfristige Bewegung aber sollte über die bloße Reaktion hinausgehen. 

Wie könnte die aussehen?

Als Black Panther waren wir in den betroffenen Communities präsent, riefen Programme wie das Frühstück für Schulkinder oder Impfkampagnen ins Leben. Der Kampf gegen die Polizeigewalt war nur Punkt sieben unseres Zehn-Punkte-Programms. Es reicht eben nicht, ein paar Instagram-Botschaften zu senden, wenn die Polizei wieder jemanden umbringt. Wir waren damals auch da, wenn der Vermieter drohte, jemanden auf die Straße zu setzen, organisierten Mietstreiks, unterrichteten die Menschen über die Ursachen des Elends in den armen schwarzen Vierteln und wie sie sich dagegen organisieren könnten. Wir brauchen heute dringender denn je schwarze Führungspersönlichkeiten, die diese Aufgaben übernehmen.

Betreiben Sie deshalb in Harlem Ihre Jugendinitiative namens Impact Repertory Theatre?

Unsere Jugendlichen spielen nicht nur Theater, sondern lernen, die Probleme in der Community jenseits der bloßen Symptome – wie Polizeibrutalität, Rassismus und Armut – zu verstehen. Wie kann man angesichts der Strukturen den Wandel befördern? Wir brauchen Programme, die es den Menschen ermöglichen zu heilen, menschenwürdig zu wohnen und zu arbeiten, während wir die größeren gesellschaftlichen Probleme angehen.

Was die Polizeigewalt angeht: Es kursieren auch Bilder von Polizisten, die zusammen mit den Demonstranten niederknien, ihre Solidarität bekunden. Spricht das nicht für die Behauptung konservativer Medien, man müsse nur die schlechten Äpfel aussortieren?

Ich habe schon viele menschlich anständige Polizisten erlebt. Polizisten, die mit Menschen in der Nachbarschaft reden und sie an Sozialarbeiter vermitteln, anstatt ihnen Handschellen anzulegen. Das Problem mit der Polizeigewalt ist allerdings institutionell. Selbst Präsident Obama gelang es nicht, rassistische Institutionen wie die Polizei oder die Gefängnisindustrie zu reformieren.

Werden Sie selbst als Universitätsprofessor immer noch ihrer Hautfarbe wegen von der Polizei respektlos behandelt?

Du musst als Afroamerikaner immer auf der Hut sein. Vor Kurzem wurde ich Zeuge einer Szene, in der Polizisten einen jungen Afroamerikaner in Handschellen legten und ihn schlugen. Ich hielt an und fragte so sachlich wie möglich nach dem Grund: Es stellte sich heraus, dass sie ihn verdächtigten, das Fahrrad, mit dem er unterwegs war, gestohlen zu haben, obwohl er nachweisen konnte, dass es sein eigenes war. Am Ende entkam ich selbst nur knapp einer Verhaftung – und das, obwohl mich jeder in der Community kennt.

Sie sind Karate-Lehrer und haben einst sogar den Rap-Star Tupac Shakur trainiert, Ihr Patenkind. Was empfehlen sie Ihren Jugendlichen, um sich vor Übergriffen der Polizei zu schützen?

Ich rate ihnen immer, ihre Emotionen im Zaum zu halten: Wollt ihr, dass euer Name der nächste Hashtag wird? In einem Box- oder Karatekampf musst du auch kühlen Kopf bewahren, wenn dich dein Gegner auf die Nase schlägt. Du brauchst also Training und Disziplin, um im Notfall auf eine erlernte Technik zurückzugreifen. So absurd es klingen mag: Wir community leader sind dafür verantwortlich, unserer Jugend beizubringen, wie sie angesichts der Bedrohung durch die eigene Polizei am besten überlebt.

Kann man Donald Trumps Präsidentschaft denn wenigstens zugutehalten, dass sie die verschiedenen Protestgruppen durch seine aggressive Politik zusammenbringt?

Es ist die Unterdrückung, die uns zusammenführt. Am Ende aber wird die Lösung nicht von oben kommen. Kein Politiker kann dieses System reparieren. Vielmehr setze ich auf das Erstarken eines neuen Graswurzel-Aktivismus. Denn Black Lives Matter hat – bei aller Kritik – durchaus Erfolge gezeitigt: In vielen Polizeiabteilungen gibt es seitdem Trainings für den zivilen Umgang mit Verdächtigen. Es gibt Panels, wo sich Polizisten mit Community-Vertretern treffen. Und es gibt Staatsanwälte, die bereit sind, Anklage zu erheben. Früher wären Morde wie der an George Floyd überhaupt nicht gesühnt worden.

Jamal Joseph trat 1967 in Harlem als 15-jähriger in die Black Panther Party ein. 1968 kam er ins Gefängnis und stieg zu einem der jüngsten Anführer der Black Panther auf. Während einer weiteren fünfeinhalbjährigen Gefängnisstrafe wegen Fluchthilfe nach einem Raubüberfall, bei dem zwei Polizisten erschossen wurden, erwarb er zwei Hochschulabschlüsse und schrieb mehrere Theaterstücke. Das Foto entstand vor fünfzig Jahren, im Juni 1970.

JONATHAN FISCHER

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