Fakten im Flow – Die senegalesischen Rapper Xuman und Keyti zeigen ihr „Journal Rappé“ auf der Münchner Biennale

Auf den ersten Blick wirkt alles wie gewohnt: Ein Nachrichtensprecher mit Anzug und Fliege, hinter seinem Pult eine symbolische Erdkugel und am unteren Rand des Bildschirms ein Lauftext mit aktuellen Meldungen. Aber dann hört man den Beat. Den Sprechrhythmus. Einen für Nachrichtensprecher doch eher unüblichen Flow. Willkommen beim Journal Rappé! „Das sind die Nachrichten für euch“, verkündet der senegalesische Rapper Xuman mit Lesebrille und ordentlich nach hinten gekämmter Rastafrisur. „Einige sind gut, einige sind auch schlecht.“ Ja, das wöchentlich auf dem Fernsehsender 2STV aus Dakar ausgestrahlte Journal Rappé hat durchaus etwas von Straßenpoesie. Reime zum Mitnicken. Wortspiele auf Französisch und Wolof. HipHop-Rhythmen. In einem Zeitalter des digitalen Informations-Überflusses und überhandnehmender Fake-News holt das Journal Rappé seine Hörer in deren Sprache ab: „Wir nutzen HipHop,“, sagt Xuman, „um nationale und internationale Nachrichten für junge Menschen relevant zu machen“.

  Wegen der Covid19-Pandemie kann man die beiden Rapper nun zwar bei der Münchner Biennale nicht live, sondern nur im Stream aus Dakar hören. Aber dann nutzen Xuman und Keyti ja schon immer den Bildschirm als Bühne. Zehn frisch produzierte Episoden des Journal Rappé gibt es bis zum 24. Mai  täglich auf den medialen Plattformen der Biennale zu sehen. Die erste Folge titelte „Once Upon A Time There Was A Future“. Ausnahmsweise in traditionellen Kostümen – und zu historischen Filmschnipseln – präsentierten die beiden Rapper da eine Lektion in afrikanischer Geschichte. Und erzählten, wie ein reicher, fruchtbarer und kulturell durchaus entwickelter Kontinent durch europäische Siedler, Besatzer und Wirtschaftsunternehmen verformt, verleumdet und ausgebeutet wurde. Lassen sich 150 Jahre Kolonialhistorie wirklich in einen siebenminütigen HipHop-Song packen? Xuman und Keyti können das. Ohne aufgesetztes Pathos. Und immer im Flow.

  Zum lieblich swingenden Rumba des 1960 zur Unabhängigkeit des einstigen Belgisch-Kongo komponierten „Independance Cha Cha“ reihen die Rapper auf französisch und englisch harte Fakten aneinander: Über Europäer, die die Technologie besitzen aber nicht die Rohstoffe, und die deshalb auf einer angeblich zivilisatorischen Mission den Kontinent bei der Berliner Konferenz 1885 unter sich aufteilen. „30 Millionen Quadratkilometer Reichtum in ihren Fingern/…sie zwangen uns ihre Sprache, Kultur und Religion auf/ jagten unsere Widerstands-Helden wie Gesetzlose“. Keyti beschwört auf englisch die kurze Euphorie nach der Unabhängigkeit: „Es sah alles gut aus auf dem Papier/ aber hier sind wir Jahre später/ der Traum ist kompromittiert/ die Regimes regieren durch Angst, Korruption und ethnische Spaltung“. Keyti und Xuman lassen niemanden ungeschoren: Nicht die westlichen Manipulatoren und Diktatoren-Freunde, nicht die Kapitalflucht der neureichen Afrikaner, und auch nicht die „tödlichen Amputationen“ durch den Weltwirtschaftsfonds. Die zweite Folge „Who We Are“ lässt die Rapper ihre kulturelle Ahnenlinie zurückverfolgen, die von den altägyptischen Kemetern über die mittelalterlichen Universitäten in Timbuktu reicht bis zur Gemeinschafts-stiftenden Philosophie des afrikanischen „Ubuntu“. Nein, Afrikas Geschichte hat nicht erst mit der Sklaverei begonnen.

  Vor sieben Jahren hatten die beiden Freunde Makhtar „Xuman“ Fall und Cheikh „Keyti“ Seyne begonnen, das Journal Rappé auf Youtube zu präsentieren. Woche für Woche generierten sie gut 45 000 Clicks. Dann wurde ein Fernsehsender auf sie aufmerksam. Beide kamen damals aus der senegalesischen Protestbewegung „Y’en a marre“, die 2011 von Rappern und Journalisten gegründet worden war, um die Übergriffe des damaligen Präsidenten Abdoulaye Wade auf die Verfassung zu stoppen. Die Abwahl des Präsidenten 2012 war ein großer Erfolg. Und was lag da näher als von der Straßen-Demo zum Nachrichtenkanal zu wechseln? „Wir beanspruchten eine Schiedsrichterrolle“, sagt Xuman. „Weder die Regierung noch die Opposition sind von unserer Kritik ausgenommen“. Xuman nutzt jetzt beispielsweise „Formidable“, einen Liebeskummer-Song von Stromae, um Karim Wade, den wegen Veruntreuung inhaftierten Sohn des ehemaligen Präsidenten zu parodieren.

  Auch religiös sensible Themen – von der Islamophobie im Ausland bis zu den falschen Versprechungen der Dschihadisten – scheuen Xuman und Keyti nicht. Am schwierigsten, erklärt Keyti, aber gestalte sich in dem Land mit 95 % Muslimen die Debatte über die Diskriminierung von Homosexuellen: „Schon das Thema allein heizt die Emotionen an“. Umso wichtiger wiegt für die beiden Rapper das Fact-Checking. Dabei lassen sie sich von regulären Journalisten helfen. Sich selber nennen sie „journartists“, also eine Mischung aus Künstler und Journalist. Inzwischen werden sie oft kopiert. 2015 halfen sie ein ähnliches Format in der Elfenbeinküste zu entwickeln, es folgten Journal Rappé-Workshops mit lokalen Rappern unter anderem in Mali, Kamerun, Uganda und sogar Jamaika. „Wir sind überzeugt“, sagt Xuman, „dass informierte Bürger einen Unterschied machen. Es geht darum, zu erkennen, welche Themen über den täglichen Twitter-Sturm hinaus Relevanz haben.“

  Bezeichnenderweise mussten sich die Rapper noch nie für einen Fehlgriff entschuldigen. Was auch an ihrer diplomatischen Art liegt: „Wir haben hier eine Kultur der Höflichkeit und Inklusion“, sagt Xuman. „Es gilt als eine Beleidigung der Zuhörer, damit anzugeben, was für ein Auto du hast und in welche Klubs du gehst. Denn deinen Reichtum musst du mit Freunden und Verwandten teilen. Das ist ungeschriebenes Gesetz“.

JONATHAN FISCHER

SZ 18.5.2020xuman keyti

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