Ein Existenzialist aus Kentucky – Als Postbote in Chicago schrieb John Prine sein erstes Album, das von Bob Dylan sofort berühmt gemacht wurde. Am Dienstag verstarb er an den Folgen einer Corona-Infektion.

Niemandem verdankt die sogenannte „Americana“-Musik, die man sich als den langhaarigen, kiffenden und Beat-Literatur lesenden Bruder des Country vorstellen kannt, mehr als John Prine. Und niemand blieb dabei zurückhaltender als der ehemalige Postbote aus Chicago: Das machte schon 1970 der erste Zeitungsartikel über den damals völlig unbekannten Singer-Songwriter klar: „Er erscheint mit einer derartigen Bescheidenheit auf der Bühne, dass er sich beinahe in die Scheinwerfer zurückzuziehen scheint. Aber nach ein, zwei Songs hören ihm selbst die Betrunkenen im Raum zu. Und dann packt er dich“. Prine hatte diese Gabe, Songs zu singen, die vor allem aus Bildern bestanden. „There‘s a hole in daddy‘s arm where all the money goes/ Jesus Christ died for nothin‘ I suppose“, sang er etwa in „Sam Stone“ seiner Hymne an alle zu Junkies gewordenen Veteranen. Geht es noch zart-bitterer?

Prine spielte 1971 sein Debut ein, auf dem dieser Song neben dem von Bonnie Raitt erfolgreich gecoverten „Angel From Montgomery“ oder „Your Flag Decal Won‘t Get You To Heaven Anymore“ zu hören ist. Was für eine Überraschung als Folk-Gott Dylan, der vorab heimlich ein Exemplar des noch unveröffentlichten Albums erhalten hatte, auf einer Party eines befreundeten Musikers in New York Prines „Far From Me“ einstimmte. „Prines Stoff ist purer Proust‘scher Existentialismus“ sollte Dylan vier Jahrzehnte später erklären. Wenn Prine auch oft über die dunklen Löcher zwischen einst Liebenden singt, und die unsagbare Sehnsucht hinter vermeintlich krisenfesten Arrangements – dann hat er doch nie das politisch-gesellschaftliche Engagement gescheut. Etwa in „Paradise“, wo er die Natur-Zerstörungen der Kohleindustrie im ländlichen Kentucky, wo er seine Kindheit verbrachte, anprangert. Heute ist der Song ein Country-Standard. Unter anderen Johnny Cash, die Everly Brothers, Roy Acuff und Dwight Yoakam haben Prine gecovert, Dan Auerbach, Bruce Springsteen und Kris Kristofferson zitieren ihn als wichtigen Einfluss. Wohl auch weil Prine den einfachen Menschen seiner Songs stets Würde und Mitgefühl verleiht. Menschliche Größe zeigte er zum Schluss auch in seinem eigenen Leben: Seit 1998 hatte Prine mit Speiseröhren- und später mit Lungenkrebs zu kämpfen, und nahm – nun mit seiner typisch rauchigen Crooner-Stimme – dennoch weiterhin großartige Alben auf. Sein letztes aus dem Jahre 2018 endet mit der von drei Generationen gesungenen Sterblichkeits-Hymne „When I Get To Heaven“. Nun nach einer tödlichen Erkrankung am Covid19-Virus möge John Prine, der passionierte Raucher und Genussmensch, hoffentlich recht behalten: „Wenn ich in den Himmel komme werde ich Gottes Hand schütteln… und eine neun Meilen lange Zigarette rauchen“.

JONATHAN FISCHERjohn prine

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