LAGOS NOIR Jenseits von Gut und Böse: In Oyinkan Braithwaites Debütroman ziehen zwei Schwestern mordend durch Lagos und haben ein klein wenig zu viel Spaß dabei

 

Moment mal, ist das nicht ein arg konstruierter Plot? Eine gut aussehende junge Frau, die ihre Liebhaber der Reihe nach ermordet und verschwinden lässt und dabei die Hilfe ihrer kreuzbraven, aber im Zweifel loyalen Schwester in Anspruch nimmt? Aber dann fällt einem wieder ein, dass die Autorin Oyinkan Braithwaite in Lagos lebt, genau wie die zwei ungleichen Schwestern Korede und Ayoola, die Heldinnen ihres Booker-Prize-nominierten Romans „Meine Schwester, die Serienmörderin“. Und dass aus dieser westafrikanischen Metropole nicht nur regelmäßig die Mails kommen, in denen von einem Bankdirektor die Rede ist, der einem zehn Millionen Dollar vererben möchte, sondern auch jede Menge Horrornachrichten: zuletzt etwa die von den aus einem Mafia-Gefängnis befreiten Babys und ihren Müttern, die dort zur Zucht von Adoptivkindern gezwungen wurden.

Wenn in Lagos jährlich Hunderte Menschen auf ungeklärte Weise verschwinden, dann scheint in diesem Klima von Korruption und Gewalt auch die Mordserie einer jungen Frau aus der Mittelschicht im Bereich des Möglichen.

Ayoola hat für ihre Opfer bestenfalls ein Schulterzucken übrig. Einer ihrer Liebhaber stirbt mit Schaum um den Mund an einer Lebensmittelvergiftung, einen anderen ersticht sie, nachdem er sie anschreit – später wird sie behaupten, es sei Notwehr gewesen. „Nur wer schuld ist, kommt ins Gefängnis.“ Dank des scharfen Messers in ihrer Handtasche, das sie einst ihrem Vater gestohlen hat, geht ihr das Morden erstaunlich leicht von der Hand. Über ihre Motive erfährt der Leser wenig, für Tiefenpsychologie ist in der Story kein Platz.

Aber auch der Begriff Krimi passt nur oberflächlich. „Meine Schwester, die Serienmörderin“ erzählt von der Beziehungsdynamik zwischen den beiden Schwestern, dem Clash ihrer höchst unterschiedlichen Charaktere: Auf der einen Seite Ayoola, Modedesignerin und eine die Instagram-Fangemeinde bedienende Unternehmerin: keck, selbstbezogen und jederzeit bereit, ihre weiblichen Reize einzusetzen. Auf der anderen Seite die Erzählerin Korede, die als Oberschwester im Krankenhaus arbeitet und sich seit ihrer Kindheit mit der Rolle der weniger bewunderten Schwester abgefunden hat: „Die Schule kann grausam sein. Die Jungs schrieben damals Listen derjenigen Mädchen, die einen Achterkörper hatten – wie eine Coca-Cola-Flasche –, und derjenigen die einen Einserkörper hatten – wie ein Stock.“

Die Spannung des Romans entsteht weniger durch die Morde als durch das Geschwisterdrama zwischen der offensichtlich empathielosen Jüngeren und ihrer älteren Aufpasserin. Vordergründig sind sie Rivalinnen. Korede, von der man sagt, sie sei „die ideale Ehefrau“, muss zusehen, wie alle Komplimente und Blumensträuße stets an die Adresse der jüngeren Schwester gehen, wie selbst der sonst so vernünftig wirkende Krankenhausarzt bei Ayoola jede Zurückhaltung verliert. Dem entgegen steht eine familienbedingte Solidarität: Beide haben unter dem Vater gelitten, einem Patriarchen, der seine Tochter Ayoola Geschäftspartnern wie Ware anbot und der unter mysteriösen Umständen verstarb. Bei den Serienmorden agieren die Schwestern deshalb wie Verbündete. Regelmäßig hilft die gewissenhafte Korede Ayoola aus der Patsche – und sei es durch Schrubben und Säubern des Mordschauplatzes und die Beseitigung der Leiche im Kofferraum ihres Autos. Schließlich kennt sie sich von Berufs wegen mit Ammoniak und anderen Reinigungsmitteln aus.

Braithwaite lässt aber auch die Frage, ob es sich bei der Mordserie um eine verbrämte Rache am Vater handeln könnte, erst einmal offen, die Prosa ist schnörkellos und funktional, die Kapitel tragen Einwortüberschriften: „Bleiche“, „Leiche“, „Tanzen“, „Vater“, „Messer“ … Selbst gelegentlicher Sprachkitsch („das Herz rutscht mir bis in die Kniekehle“) kann den Flow nicht bremsen. Vielmehr schafft Koredes distanzierte, lakonische Erzählstimme und ihre passive Haltung erst die Fallhöhe für die Monstrositäten ihrer Schwester. Dazu kommt Braithwaites Gespür für Situationskomik: Wenn Korede regelmäßig vor einem Komapatienten im Krankenhaus Ayoolas Morde beichtet – und dieser plötzlich zu verstehen gibt, dass er sehr wohl verstanden hat. Oder sie sich um die Snapchat-Aktivitäten ihrer Schwester sorgt: Passen Essens- und Rosenfotos zur Rolle der besorgten Freundin eines Vermissten, die sie eigentlich spielen müsste? „Sie macht einen Schmollmund: ‚Wie lange muss ich denn noch langweiliges, trauriges Zeugs posten?‘ ‚Du musst gar nichts posten.‘ ‚Aber wie lange noch?‘ ‚Ein Jahr vielleicht.‘ ‚Das ist nicht dein Ernst.‘“

Am stärksten ist dieses Roman-Debüt, wo britischer Humor auf die Realität des Alltags in Lagos trifft. Braithwaite kennt beides aus eigener Anschauung: Einen Teil ihrer Kindheit hat sie in London verbracht, studierte später Jura und Kreatives Schreiben in Surrey und Kingston, Jamaika, bevor sie 2012 endgültig zu ihrer Familie nach Lagos zurückkehrte. Dort hat sie bei einem Verlagshaus gearbeitet und sich als Spoken-Word-Künstlerin und Finalistin beim den „Commonwealth Short Story Prize“ einen Namen als Autorin gemacht.

Dem Webzine „Okayafrica“ erzählte die die 32-jährige Autorin kürzlich, dass es gerade ihr Ehrgeiz war, der sie immer behindert habe. Bis sie sich den großen Roman aus dem Kopf schlug und nur noch zum eigenen Vergnügen schrieb. Das Ergebnis war „My Sister The Serial Killer“, ein Genre-Mashup aus Krimi, Satire, Liebesroman und Familiensaga, der dies- und jenseits des Atlantiks zum Erfolg wurde. „Ich denke, die Geschichte funktioniert, weil sie in Nigeria spielt“, sagt die Autorin. „Bei uns genießt die Familie, inklusive all der Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen ersten und zweiten Grades oberste Priorität. Die Ältere muss die Verantwortung für die Jüngeren übernehmen. Koredes Pflichtgefühl kann in dieser Umgebung aufblühen.“

Nigerianisches Lokalkolorit scheint in vielen weiteren Details durch: In Koredes Erinnerungen tritt der Vater in seiner traditionellen Agbada und dem geschnitzten Stock auf, der ihn als Ehrenmann ausweisen soll, aber eine Spur der Gewalt bis in die Gegenwart hinterlassen hat. Oder die Frau des Komapatienten, die der Krankenschwester unterstellt, sie habe Juju oder Hexerei angewendet, um ihren Ehemann aus dem Verkehr zu ziehen. Oder die Verkehrskontrolle, bei der unmittelbar klar ist, dass die Polizisten lediglich Lösegeld erpressen wollen: „An einem ganz gewöhnlichen Tag würde ich mich wehren, aber ich darf gerade keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen … meine Gedanken wandern zu dem Ammoniakfleck im Kofferraum. ‚Oga‘, sage ich mit aller Ehrerbietung, die ich aufbringen kann. ‚Nicht böse sein …‘ Gebildete Frauen verärgern Männer wie ihn, also bemühe ich mich in ganz einfachem Englisch zu sprechen …“

Anders als im herkömmlichen Kriminalroman, wo junge Frauen in der Regel die Opfer geben, sind es hier die Männer, die niemals so unersetzlich scheinen, dass sie nicht ein paar Kapitel später entsorgt werden könnten. „Mich interessieren starke weibliche Charaktere“, sagt Braithwaite, „Frauen, die Macht ausstrahlen, auch wenn sie moralisch falsch handeln.“ Ihr Buch empfänden deswegen selbst ihre Familienangehörigen als Zumutung. Zu wenig Reue, zu wenig Hoffnung.

Dazu muss man wissen, dass Braithwaite für die Theatergruppe ihrer Kirche eher erbauliche Stücke schreibt und es ihr schwergefallen ist, ihren Glauben mit der Sündenlitanei ihrer Romanheldinnen zu versöhnen. Das Buch tatsächlich zu veröffentlichen, sei ihr nicht leichtgefallen, auch weil es eine Emanzipation von der impliziten Aufforderung bedeutet, der sich im Grunde alle afrikanische Autoren gegenübersehen: für einen ganzen Kontinent sprechen zu müssen und als Afrikaner für den Zustand der afrikanischen Gesellschaft geradestehen zu müssen. Letztlich handelt „Meine Schwester, die Serienmörderin“ von zwei Frauen, die sich in einer patriarchalen und sexistischen Gesellschaft zur Wehr setzen – und die gerade wegen ihrer moralischen Ambiguität und kriminellen Energie faszinieren.

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin. Roman. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Blumenbar Verlag, Berlin 2020. 239 Seiten, 20 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 4.4.2020lagos night

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