WENN BETEN NICHT REICHT Händewasch-Hymnen, geschlossene Kirchen und ein Ende der Musik als sozialer Motor: Die Pandemie zeigt die Schwächen der afrikanischen Kulturszene.

Bei vielen Afrikanern hielt sich lange der Irrglaube, das Corona-Virus würde vor allem Europäer oder Chinesen betreffen – bis das große Prominenten-Sterben anfing. Denn für den afrikanischen Pop geht es gerade Schlag auf Schlag: Erst letzten Dienstag der Tod des an COVID-19 erkrankten kamerunischen „Soul Makossa“-Predigers Manu Dibango. Schon fünf Tage zuvor, am 19. März, war der kongolesische Superstar Aurlus Mebélé einer Corona-Virus-Infektion erlegen. Ausgerechnet er, der „König des Soukous“. Seit den 80er Jahren hatte Mebélé mit seiner Band Loketo den kongolesischen Soukous weltweit bekannt gemacht, eine Musik, die auch als vitalistisches Schutzschild galt. Was ließ sich nicht alles zu seinen klingelnden Gitarren und Engelsgesängen wegtanzen: Depression, Armut, ja vorübergehend selbst der von Gewalt und Korruption geprägte Alltag. Afrikanischer Pop war schon immer mehr als Unterhaltung. Lieferte das Krisenmedikament. Ein süßes, rausch-induzierendes Gegengift zu einer real erfahrenen Ohnmacht.

Die COVID-19 Panepidemie aber stellt afrikanische Musiker vor völlig neue Herausforderungen: Noch sind die bekannten Fälle von Infektionen in Afrika relativ niedrig. Doch die afrikanische Pop-Szene hat bereits reagiert. Viele Künstler kontern die Herausforderung auf ihre ureigenste Weise – mit Corona-Songs: So haben die kongolesischen Sänger Koffi Olimide und Fally Ipupa jeweils von daheim aus Hygiene-Botschaften in Umlauf gebracht. „Les bisous stop!“ singt Ipupa zur akustischen Gitarre den eingängigen Refrain seiner Händewasch- und Zuhausebleiben-Predigt. Musik und Tanz gelten überall in Afrika als bewährte Motivationsmittel. Zumindest in dieser Hinsicht bieten die sozialen Netzwerke in Zeiten der Quarantäne eine Ersatz-Bühne: So avancierte ein Song des südafrikanischen Ndlovu Youth Choir in kürzester Zeit zum Twitter-Hit. „Es gibt bereits so viele gefährliche Mythen und Missverständnisse rund um das Coronavirus/COVID-19. … wir erklären einige grundsätzliche Handlungsrichtlinien“ untertitelt das Tanz-Video. Der Songtext ist auf Englisch und Zulu gehalten. Dabei kommt der Band in den farbenfrohen traditionellen Kostümen ihre weltweite Popularität zu Gute – sie hatte es letztes Jahr bis in die Endrunde der Fernsehshow „America‘s Got Talent“ geschafft. Der hoffnungsvolle Refrain ihres Songs: „Wascht euch die Hände, fasst euch nicht ins Gesicht, habt keine Panik und verbreitet keine Gerüchte – so werden wir Corona schlagen“.

Wahrscheinlich gibt es inzwischen Hände-Wasch-Songs in jeder afrikanischen Sprache. Selbst HipHop-Stars sind mit von der Partie: So hat etwa Bobi Wine, der als Parlamentsabgeordneter und Polit-Rapper die Opposition in Uganda anführt, zusammen mit Sänger Nubian Li einen Song lanciert, der die Wichtigkeit persönlicher Hygiene unterstreicht: „Jeder ist ein potentielles Opfer “, singt er zu einem Reggae-Rhythmus, „aber die gute Nachricht ist: Jeder kann auch zur Lösung beitragen“. Ganz ähnliche Botschaften schickt der positiv getestete tansanische HipHopper Mwana FA aus der häuslichen Quarantäne an seine Fans. Während sein Landsmann und Rhythm‘n Blues-Star Ravanny in „Corona – Magufuli“ zusammen mit einem Mundschutzmasken-tragenden Chor eine Ansprache des tansanischen Präsidenten Magufuli samplet und singt: „Lasst uns alle beten“. Magufuli hatte zuletzt für Kontroversen gesorgt: So begründete das christliche Staatsoberhaupt die Öffnung der Moscheen und Gotteshäuser damit, dass „der Corona-Virus satanisch sei und nicht im Körper Jesu Christi überleben kann“. Nur gut, dass Rayvannys Millionen-fach geklickter Song solche gefährliche Propaganda außen vor lässt.

Afrikanische Musiker also an vorderster Front – sowohl was Aufklärung als auch die Verbreitung staatstragender Botschaften betrifft. Wovon aber sollen sie in diesen Zeiten leben? Wie im Westen betreffen die Versammlungsverbote in den meisten afrikanischen Ländern auch die Restaurants und Clubs – und damit die Einnahmequellen für örtliche Musiker. Ebenfalls abgesagt: Festivals wie FEMUA in der Elfenbeinküste, das südafrikanische Cape Town Jazz Festival oder das Festival Gnaoua et Musiques du Monde in Marokko – Musikmessen, die als wichtige Schaufenster der afrikanischen Popszene zur westlichen Welt dienten.Die letzte Chance dazu bot das MASA-Festival in Abidjan vom 7.-14. März. Zwei Tage später erklärte die Regierung der Elfenbeinküste alle Schulen, Universitäten, Nachtclubs und Vergnügungsstätten für geschlossen. Städte wie Abidjan, Rabat, Fes oder auch Bamako haben bisher wirtschaftlich massiv von ihren Festivals und dem damit verbundenen Musik-Tourismus profitiert. An der örtlichen Live-Musik-Szene hängen denn nicht nur die Künstler, sondern auch Veranstalter, Graphiker, Bühnentechniker, Handwerker-Märkte, Straßenhändler und viele mehr. Oft bedeutete ein Konzert – wie etwa im Fall der abgesagten Auftritte von Reggae-Star Tiken Jah Fakoly in Burkina Faso – die einzige Möglichkeit, Geld für soziale Zwecke aufzutreiben. In diesem Fall zur Finanzierung eines Dialyse-zentrums und eines Heims für Witwen und Waisen.

Afrikanische Superstars wie Davido oder Burna Boy werden die Ausfälle womöglich leicht wegstecken – auch dank Millionen Klicks auf Streaming-Diensten und Online-Plattformen.

Einige von ihnen spenden sogar. So hat Youssou N‘Dour umgerechnet gut 150 000 Euro aus seinem Privatvermögen für den Kauf medizinischer Güter und die Gesundheits-Infrastruktur zur Verfügung gestellt, andere prominente senegalesische Sänger wie Wally Seck und Pape Diouf folgten seinem Beispiel, der Kongolese Fally Ipupa kündigte Hilfen für die Ärmsten aus den Mitteln seiner Stiftung an. Aber was ist mit dem Rest? Den vielen hochkarätigen aber finanziell weniger abgesicherten Musikern? Welche Alternativen bleiben ihnen angesichts des Zusammenbruchs des Musikbusiness?

„In Lagos sind Versammlungen von mehr als 50 Personen untersagt“, erzählt der deutsch-nigerianische Musiker Ade Bantu aus seinem Studio in der nigerianischen Hauptstadt. Eigentlich sollte demnächst sein neues Album erscheinen. Aber nun kann er die restlichen Aufnahmen und Video-Drehs erst einmal vergessen. „Ich brauche für meine Art von Afrobeat mindestens acht bis zehn Musiker im Studio. Das ist mir wegen der Ansteckungsgefahr zu riskant“. Er habe schon jetzt durch die Quarantäne und Konzert-Absagen viel Geld verloren. Als einer der selbst regelmäßig Festivals in Lagos veranstaltet weiß er: Die Tourbooker und Festivalveranstallter sind – nach monatelanger unbezahlter Arbeit – die größten finanziellen Verlierer der Krise. Auch viele Kollegen befänden sich in einer hoffnungslosen Lage: „Die Kirchen wo die meisten Musiker ihren Lebensunterhalt verdienen, sind leer, die üblichen Jobs auf Hochzeiten und Geburtagspartys alle abgesagt – und das in einer Situation wo die Hälfte der Nigerianer mit weniger als zwei Dollar pro Tag überleben müssen.“ Gibt es eine Diskussion darüber, wie man freischaffende Künstler kompensieren könne? „Da wird auch von Seiten der Regierung nichts kommen“.

Ähnliches berichten Künstler aus ganz Afrika: Wenn die staatlichen Kassen nicht sowieso leer sind, dann steht Kulturförderung auf der Rangliste der Prioritäten weit hinten. So weit, dass schon die Frage nach Hilfen vom Staat als absurd empfunden wird. „Wir Musiker“, sagt Wassa Kouyate, eine junge Kora-Spielerin und Sängerin aus Mali, „sind auf uns selbst gestellt. Im Moment überleben wir nur, weil alle ihre Ersparnisse miteinander teilen. Aber das reicht nicht für lange“. Am 12. März war Kouyate von Bamako nach Paris geflogen – für eine zweimonatige Tour ihrer Band durch Frankreich. Der Soundcheck für das erste Konzert am 13. März fand noch statt, Stunden später kamen die neuen Notstandsregelungen, die Versammlungen von mehr als 50 Personen verbieten. „Ich bin am nächsten Tag zurückgeflogen – ohne die Einnahmen, die ich im Kopf schon auf die ganze Familie verteilt hatte. Die Lage ist verzweifelt: Wie lange kann ich mittellos daheim sitzen und nur üben?“

Gunman Xuman gehört zu den bekanntesten Rappern Senegals. Mit seinem „Journal Rappé“ einer wöchentlichen gerapten Nachrichtensendung mit kritisch politischen Inhalten, ist er speziell unter Jugendlichen populär. Ende Mai sollte er das Format auch in Deutschland vorstellen. Doch ob er bei der Münchner Biennale leibhaftig auftreten wird ist noch unklar – möglicherweise wird es nur einen Live-Stream aus Dakar geben. „Die Musiker hoffen, dass die Notstandsmassnahmen nach drei Wochen wieder aufgehoben werden. Aber das ist unrealistisch.“ Ohne Live-Auftritte aber keine Einnahmen – die Streaming-Dienste brächten höchstens ein paar Cent extra. Im Gegensatz zu Europa stelle er bei seinen Landsleuten die Neigung fest, die Gefahr zu bagatellisieren. „Der Musik-Szene fehlte es schon vorher an einer funktionierenden Infrastruktur“, sagt Xuman. „Nun zeigt das Corona-Virus nur einmal mehr wie fragil unser Metier in Afrika ist.“ Andererseits sieht der HipHop-Star das Ganze nicht nur pessismistisch. Gerade Afrikaner würden in einem permanenten Zustand der Resilienz leben. Die Menschen dort hätten nie das Gefühl gehabt, Korruption, Armut, Pandemien entfliehen zu können. Am Ende schreibe Corona nur ein neues Kapitel einer alten Widerstands-Geschichte.

JONATHAN FISCHER

SZ, 30.3.2020 (gekürzte Fassung)

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