MONSTRÖS UND EINGÄNGIG – Afropop-Kolumne

Alogte-OhoAfrikanischer Elektro? Dafür standen bisher eher Länder wie Nigeria, Ghana, Angola oder Südafrika. Nun aber kommt ein Sound aus Dakar, der dem leicht ins Schnulzige reichenden Mbalax-Schlager von Youssou Ndour & Co ein paar kräftige Stromstöße versetzt und traditionelle Trommelkunst mit technoiden Beats paart. Guiss Guiss Bou Bess – schon der Bandname (er bedeutet so viel wie „neue Vision) klingt wie eines der typischen Riffmuster des Sabar. Sabar, das ist die mystisch angehauchte rituelle Percussionmusik des Senegal. Sie liefert hier den Ausgangspunkt für elektronische Experimente. Für furiose, schwindelerregende Loops. Und Bässe, die den Stakkati der Talking Drum eine bisher nie gekannte Energie zuführen. „Electro Sabar“. Wobei das senegalesisch-französische Trio – der Griot-Sänger Alla Seck, Sabar-Trommler Aba Diop und Beat-Produzent Stèphane Constatini – sich durchaus der Gefahren einer oberflächlichen Modernisierung jahrhundertealter, geheiligter Traditionen bewusst ist: „Oft behilft sich die elektronische Musik einfach mit Samples“ sagt Constatini. „Wir aber wollen den umgekehrten Weg gehen: Die elektronische Musik in die traditionelle Percussion einpassen“. Das stellt schon deshalb eine Herausforderung dar, weil die Sabar-Percussion mit Tempo-Unterschieden arbeitet, die jeden durchgängigen Beat aus der Bahn zu werfen drohen. Andererseits ist Komplexität gerade die Stärke des Trios: „Set Sela“ (L‘Autre Distribution) heißt ihr Debut-Album – auf Wolof „jemanden oder etwas besuchen“. Und tatsächlich kann man hier eine ganze Geschwisterschar globaler Bass-Stile heraushören, etwa Dubstep, Trap, UK Garage, House oder Kuduro. Und natürlich Dub-Effekte aus Jamaikas Hexenküchen. Abgemischt hat das Ganze der Brasilianer Chico Correa. Am Ende aber trägt der Sabar-Techno immer noch eine eindeutig senegalesische Handschrift: So polyrhythmisch, quirlig und unbeirrbar optimistisch wie das Straßenleben in Mara Secks Heimat, dem Arbeiterviertel Medina in Dakar.

Bass Music-versierter Produzent plus traditionelle afrikanische Sänger und Musiker: Diese Paarung sorgt immer wieder für berauschende Fusionen. Nun hat der Berliner Schlagzeuger Max Weissenfeldt ein Album mit dem ghanaischen Gospelsänger Alogte Oho & His Sounds Of Joy veröffentlicht: „Mam Yinne Wa“ (Philophon) enthält neun hochkarätige Afro-Soul-Reggae-Nummern, die wohl auf Jahrzehnte hinaus zu den Favoriten urbaner Soundsystems und Hipster-Bars zählen dürften. Als Weissenfeldt 2013 zum ersten mal mit dem Bus in Bolgatanga im Norden Ghanas ankam, tönte ein Song von Alogte Oho aus einem Soundsystem des örtlichen Marktplatzes. Der Besucher war sofort angefixt: Was wenn er diesen durchdringend nasalen Gesang neu arrangieren könnte? Weissenfeldt machte den Sänger ausfindig. Und begleitete ihn in sein Heimatdorf im Frafra-Land, wo er den Gospelstar zusammen mit dessen Band aufnahm. „Zota Yinne“ hieß das Ergebnis – eine Vinyl-Single, die in Reggae-Soundsystem-Kreisen Kultstatus genießt und die nun auch auf dem Album enthalten ist. Andere Songs wie das titelgebende „Mam Yinne Wa“ entstanden nach einer ausgedehnten Tour von Weissenfeldt zusammen mit Alogte Oho & His Sounds of Joy durch Ghana. Oft existierten sie schon in einer lokalen Version. Nun aber pumpt Weissenfeldt vertrackte Backbeats, Bässe und viel Raum in seine Produktion, und katapultiert die rauhe Magie der pentatonischen, und stellenweise an frühen Blues erinnernden FraFra-Chorgesänge in afrofuturistische Gefilde. So monströs wie eingängig!

Bamba Wassoulou Groove hält sich nicht an die Erfolgsformeln des malischen Pop. Statt traditioneller Kora, Ngoni oder Balafon dominieren drei E-Gitarren plus E-Bass das Instrumentarium – eher die Besatzung einer typischen westlichen Rockband. Trotzdem hat das Sextett aus Bamako einen unverkennbar malischen Sound. Kein Wunder, führen sie doch eine alte lokale Tradition fort. In den 80er Jahren spielte Percussionist Bamba Dembélé mit Zani Diabaté, dem „malischen Jimi Hendrix“ und dessen Super Djata Band – mit Bamba Wassoulou Groove feiert dessen Sound nun eine Wiederauferstehung unter den Vorzeichen des Funk. Gitarren, die traditionelle Riffparts von Ngoni und Balafon mit Rückkopplungen kombinieren, Gesänge, die dem typischen Ruf-Antwort-Muster des Bambara-Pop folgen. „Dankélé“ (Lusafrica) heisst der erste Song ihres Ende März erscheinenden gleichnamigen Albums. Das dazugehörige Video ist eine Hommage an Bamako: Ein wunderbarer Streifzug durch die Alltagswelt der malischen Hauptstadt – inklusive Autowäscher, Motorradmechaniker, Marktfrauen und Jugendliche die an jeder Straßenecke Flaschen voller Benzin an improvisierten Tankstellen verkaufen.

JONATHAN FISCHER

SZ 9.3.2020

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