ADA LOVELACES JÜNGSTE TOCHTER Zwischen Wissenschaft und Spieltrieb: Die interaktiven Installationen der Münchner Künstlerin Karina Smigla-Bobinski fordern die Intuition des Publikums

Ich liebe gigantische Sachen“, sagt Karina Smigla-Bobinski. „Denn sie zwingen einen, sich auf Augenhöhe mit ihnen auseinanderzusetzen“. Alles was dagegen kleiner als der menschliche Körper sei, werde vom Galeristen- und Sammlerbetrieb im Handumdrehen zum besitzbaren Objekt gemacht. Das ginge ja dann in Richtung Kunstmarkt. Oder gar Investment. Die Künstlerin spricht das Wort aus wie eine Beleidigung und schiebt sich mit einer resoluten Handbewegung die Brille in die Stirn: „Ich verkaufe nicht. Sonst müsste ich ja ständig etwas Neues produzieren“. Man kann sie immer noch spüren, diese Mischung aus Neugier und Trotz, die die studierte Malerin einst dazu trieb, immer größer werdende Kunst-Produktions-Maschinen zu bauen, ihr Publikum sinnlich und körperlich herauszufordern.

„Meist konsumieren Ausstellungsbesucher nur“, sagt Smigla-Bobinski und schenkt zwei Gläser Rotwein ein. „Aber ich brauche sie als Ko-Produzenten“. Auf ihrem Laptop klickt sie eine Dokumentation des amerikanischen Fernsehsenders NBC über ihre gerade in San Francisco ausgestellte Licht-Installation „Kaleidoscope“. Zu sehen ist ein großes hintergrundbeleuchtetes Plastik-Bett , auf dem lachende Besucher ihre Hände abdrücken, herumwischen, und dabei immer neue Farbmuster generieren. Letztlich, sagt die Künstlerin, entstehe alles nur im Auge des Betrachters – je nachdem wie die flüssigen, durch Folien getrennte Farbschichten sich verteilen und überlagern.

Was offensichtlich ist: Smigla-Bobinskis Kunst spricht ein menschliches Urbedürfnis nach Partizipation an. Sie verwickelt ein Handy- und Computerbildschirm-gewohntes Publikum in übergroße postdigitale Settings. Unwillkürlich sucht man die betongraue Halle ihres Münchner Ateliers nach entsprechenden Gerätschaften ab. Doch an den Wänden lehnen lediglich ein paar bemalte Leinwände – sie gehören einer Maler-Kollegin, mit der sie sich den Erdgeschossraum auf dem Stadtwerke-Gelände gegenüber des Heizkraftwerks in Thalkirchen teilt. Das liegt zum einen daran, dass viele ihre Installationen wie „Ada“, „Simulacra“, „Alias“ oder „Kaleidoscope“ gerade in einem Museum für moderne Kunst am anderen Ende der Welt, etwa in Jeddah, Saudiarabien, in Taiwan, Windhoek oder Sao Paulo zu sehen sind. Zum anderen daran, dass sie nur „live“ mit einem Publikum funktionieren.

„Simulacra“ zum Beispiel: Ein Rechteck aus nackten Computermonitoren, auf denen nur weißes Rauschen zu sehen ist. Scheinbar. Die LED-Hintergrundbeleuchtung, erklärt die Künstlerin, zeichnet normalerweise mit den Folien, die das Licht polarisieren ein Bild. Aber erst die letzte Folie macht dieses sichtbar. Diese Folie hat sie weggelassen und stattdessen in Lupen montiert, die rund um die Bildschirme von der Decke hängen „Ich gebe grundsätzlich keine Gebrauchsanleitung zu meinen Kunstwerken“, sagt Smigla-Bobinski und klickt ein Video an: Besucher der elektronischen Kunstmesse „File“ in Sao Paulo drehen die Lupen hin und her, stoßen verwunderte bis entsetzte Schreie aus. Je nach Schwenkgrad der Lupen tauchen aus dem Weiß der Bildschirme einzelne Finger, Arme Körperteile auf und verschwinden wieder – Szenen eines Videos, bei dem Smigla-Bobinski Menschen in einem milichig eingefärbtem Glasbecken aufnahm. Das Hitchcock-ähnliche Setting solle vor allem eines verdeutlichen: „Die dazugehörigen Geschichten entstehen nicht auf dem Bildschirm – wir erschaffen sie erst virtuell in unserem Kopf.“

Berühmter noch ist Smigla-Bobinski mit „Ada“ geworden,einem Helium-gefüllten Gummiball, der mit 300 an seiner Außenseite angebrachten Karbonstiften wie ein Kugelfisch aussieht – und bei Berührung durch den Raum schwebt. Dabei hinterlässt er an Wänden und Decken seine Spuren: Farbkratzer, Schlieren, Striche. Je mehr Besucher den Ball bewegen, umso komplexer die Zeichnungen, die dann irgendwann an Neuronennetze oder auch die Verschaltungen selbstkonfigurierender Platinen erinnern. Dabei lässt sich der Ball kaum kontrollieren. Er oder besser gesagt sie, begeistert sich Smigla-Bobinski, verhalte sich wie eine künstliche Intelligenz. Schon seit ihrer Kindheit interessiert sich die Künstlerin für Physik und Nanotechnologie: Für „Ada“ diente ihr das Modell eines Nanoroboters für die Reparatur abgestorbener Nervenbahnen als Inspiration. Die Materialien – Silikon, Carbon, Helium – sind die selben. Den Namen aber hat sie Ada Lovelace entliehen. Die englische Mathematikerin und Tochter von Lord Byron war überzeugt, dass Rechenmaschinen auch Kunst produzieren können und hatte Mitte des 19.Jahrhunderts entsprechende Software für den Prototyp eines Computers entworfen. „Ada“, glaubt Smigla-Bobinski, hätte der Computer-Pionierin gefallen. Vielleicht auch weil sie selbst etwas mit Lovelace teilt: Die Kombination aus kindlichem Blick und mathematischer Präzision.

Inzwischen tourt Ada seit zehn Jahren um die Welt: Ballett-Tänzerinnen wie die Kanadierin Jadie Hill oder das Pittsburgh Ballet haben den Ball mit den Karbonstiften als Tanzpartner auf die Bühne gebracht, Musiker haben aus dem Sound von Ada elektronische Musik produziert. Diese Art von Kunst vermarktet sich selbst. So könnte man angesichts von zig-Millionen Ada-Aufrufen allein auf facebook meinen. Tatsächlich aber musste Smigla-Bobinski jahrelang kämpfen: Um ein Podium, eine Plattform, jede Art öffentlicher Wahrnehmung. So feierte Ada etwa nicht in einem renommierten Museum Premiere, sondern im Kunstverein Ebersberg. Ihr Publikum musste sich die Künstlerin anfangs im Netz suchen. Und München? Smigla-Bobinski rollt mit den Augen. „Das Gegenteil von einem Heimvorteil“. Bei einer ihrer wenigen Performances 2018 in der Muffathalle in München etwa, seien die Veranstalter vollkommen überrascht gewesen, dass die Künstlerin vor Ort wohnt und arbeitet.

Allerdings scheint Smigla-Bobinski das Leben unter dem Radar auch nicht ganz unrecht. Weil sie so ihren eigenen Rhythmus lebt. Und ihr nichts lästiger ist als Zeitdruck, die Erwartungen des Kunstmarkts, „und all diese todlangweiligen Prosecco-Vernissagen“. Die Tochter zweier polnischer Kunstrestauratoren hatte zunächst in Krakau altmeisterliche Malerie studiert. Bis sie 1983 an die Kunstakademie München wechselt: Sie erkundet Farbe und Form nun auch mit Hilfe von Computer- und Video-Technik, projeziert Bilder auf Tüllbahnen, die sich durch den Luftzug der Besucher bewegen und die Formen verändern. Oder verflüssigt Tänzerinnen durch die Linse rinnender Wassertropfen. Das beeindruckt die Berliner Theaterregisseurin Helena Waldmann derart, dass sie Smigla-Bobinski im Jahr 2000 zum Teil ihres Tanztheaters macht. Für „Letters From Teheran“- später „Letters from Tentland“ tourt sie zusammen mit iranischen Tänzerinnen um die Welt. Wegen Zensurvorgaben aus Teheran projeziert Smigla-Bobinski, ihre Bilder und Brieffragmente auf züchtig in Zelten tanzende Frauen.

Für ihre eigenen Kunst-Projekte ersetzt sie die Tänzerinnen durch Besucher. Und gibt die Regie so weit wie möglich aus der Hand: „Ein Kunstwerk gehört dir nicht mehr, sobald du es veröffentlichst“, erklärt Smigla-Bobinski. „Dann verändert es die Welt und sich selbst durch die Konfrontation mit anderen Menschen“. 2016 lädt das Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld die Künstlerin zu einer Residenz ein: Zusammen mit Philosophen, Wissenschaftlern und Juristen beschäftigt sie sich mit der „Ethik des Kopierens“ wie auch den „sozialen und genetischen Ursachen für Gleichheit in der Gesellschaft“. Für Smigla-Bobinski ein Anschub, ihre Kunst noch universaler zu denken. So nutzt sie die Gesichtserkennungsoftware „Deep Dream“ um in die schlummernde Venus des Renaissance-Malers Giorgione. tausende im Netz gefundener animalischer und dämonischer Fratzen so zu montieren, dass man sie erst aus nächster Nähe erkennt. Dämonen und Götter als „digitaler Zauber“. Technologie als Selbstzweck allerdings findet die Künstlerin „langweilig“. Gerne verweist Smigla-Bobinski auf Jean Tinguely, den Erfinder der ersten Zeichenmaschine und die Idee, dass Kunst „meinen Raum“ in „unseren Raum“ verwandeln müsse. Installationen wie „Ada“ scheinen dabei etwas Archetypisches anzusprechen. „Viele Besucher erzählen mir gar, sie hätten etwas ähnliches schon im Traum erlebt“.

Wo hört der Körper auf? Und wo fängt die virtuelle Welt an? Diese Fragen zwischen Kunst, Wissenschaft und Philosophie stellen die Arbeiten von Smigla-Bobinski immer wieder aufs Neue. Ob in San Francisco, Busan, Windhoek oder Jeddah: Menschen reagieren auf „Simulacra“, „Ada“ oder „Kaleidoscope“ stets ähnlich, fangen an wie Kinder zu staunen, zu experimentieren, sich in Trance zu spielen, das Kunstwerk als Verlängerung ihres Körpers zu begreifen. „Ich grabe nur ein Kaninchen-Loch ins Wunderland“, sagt Smigla-Bobinski. „Hineinspringen aber müssen die Besucher selbst“. Sie holt ein paar Skizzen aus dem Nebenraum. Der Entwurf einer Noppenwand, an der Graphitbälle der Schwerkraft folgend eine Zufallsbahn zeichnen – während die durch Plexiglas getrennten Zuschauer ähnlich wie bei einem Glücksspiel nur durch Gedankenkraft eingreifen können. „Die Materie durch den Geist zu lenken – versuchen wir das nicht alle mehr oder weniger?“

JONATHAN FISCHER

gekürzt in der SZ vom 15.1.2020ada foto

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.