Panafrikanischer Kampfgeist: Auf Afrikas wichtigster Fotografie-Biennale rückt der Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung die Diaspora und die Frauen in den Fokus

Es war vielleicht die anrührendste Geste dieser zwölften „Rencontres de Bamako“, der wichtigsten Fotografie-Biennale Afrikas: Chef-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und sein Team hatten drei Familien im historischen Stadtzentrum von Bamako dazu überredet, Besucher in ihre Anwesen zu lassen um die klassischen Porträt-Fotografien von Seydou Keïta und Malick Sidibé einmal nicht als hochversichertes und perfekt ausgeleuchtetes Exponat in einem Museum für moderne Kunst zu erleben, sondern als alltägliches Familienalbum: Aufgehängt an Lehmwänden, unter billigem Glas, zusammengeworfen in groben Holzkisten. In dem großen Innenhof von Moussa Falls Anwesen säubern Frauen die Bohnen, rühren in großen Aluminiumkesseln, hängen Wäsche auf und beaufsichtigen spielende Kinder, während der Hausherr, ein Zollangestellter, nicht ohne Stolz die Verwandtschaftsbeziehungen zu den Porträtierten erklärt: „meine Tante“, „meine Mutter“, „die Familie eines Onkels“. Es sind feierlich dreinblickende und vornehm gekleidete Männer und Frauen. Ihre Selbstinszenierungen entfalten eine Würde, die aller äußeren Armut trotzt.

  Die Verneigung vor den Studiofotografen, die jahrzehntelang das Gesicht der afrikanischen Fotografie geprägt hatten, diente allerdings als Sprungbrett für eine radikale Umorientierung: „Streams Of Consciousness“ hatte Ndikung als Motto dieser Jubiläumsausgabe, 25 Jahre nach ihrem Debüt 1994 in Bamako, ausgegeben. Und er bezog sich dabei weniger auf Literatur denn Musik. Genauer gesagt auf ein Album, das der afroamerikanische Schlagzeuger Max Roach und der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim 1977 eingespielt hatten. „Ich will weg von der Fotografie als Objekt, wie sie so lange auf dem afrikanischen Kontinent praktiziert wurde. Vielmehr interessiert mich, wie Bilder von der Straße einen Raum eröffnen, Erfahrungen und Klänge wachrufen.“ Ndikung, der in seiner Berliner Savvy-Contemporary-Galerie postkoloniale Diskurse multimedial aufbereitet und zuletzt den finnischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielte, will das Afrika-Bild verflüssigen und mit den alten Exotismen aufräumen.

Der Geist des Panafrikanismus liefert den Herzschlag dieser Biennale. In den über ganz Bamako verteilten Ausstellungsorten stellen Fotografen der verschiedenen afrikanischen Diaspora-Kulturen von Peru über Brasilien und Nordamerika bis nach Indien aus. Verwirrend nur, dass deren Nationalitäten auf den Begleittafeln konsequent ausgespart bleiben. Dabei hatte die Biennale selbst mit ihrer Abnabelung von der einstigen Kolonialmacht Frankreich zu kämpfen. Zwar übernahm das Institut Français wieder die Hälfte des Budgets von 500 000 Euro, doch zum ersten Mal lag die gesamte Organisation in Afrika, genauer gesagt beim malischen Kultusministerium. Wenn Bamako als die Fotografie-Hauptstadt Afrikas gelten möchte, warum sollte man dann die 1500 Abzüge nicht auch vor Ort machen? Das Kuratorenteam hatte allerdings mit den Bedingungen zu kämpfen. Einige angereiste Fotografen fanden kein Hotelzimmer, man suchte vergeblich nach Namenstafeln oder schaute wegen der täglichen Stromausfälle auf schwarze Videoschirme.

Mali, das musste man sich in dieser friedlichen Hauptstadt-Oase immer wieder ins Gedächtnis rufen, steckt seit 2012 in der Krise. Dschihadistische Gruppen haben weite Teile des Landes unzugänglich gemacht, bis vor zwei Monaten galt nicht zuletzt wegen ethnisch motivierter Massaker im Zentrum Malis der Ausnahmezustand.

  Da bedurfte es starker Bilder. Bilder, die eine Gegenerzählung zum bloßen Überlebenskampf der Menschen auf der Straße entwickeln. Bilder, die spirituelle Sphären öffnen. In diesem Sinne lassen sich die geballten Fäuste des Maliers Fototala King Massassy als Widerstandsakte lesen, Fäuste, deren Talismanringe den Trägern Unverletzlichkeit oder zumindest Schutz versprechen. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit traditionellen animistischen Glaubenssystemen. So ruft Kitso Lynn Lelliott aus Botswana in ihrem Video die über die Diaspora verstreuten Ahnen an: Der Gegenschnitt brasilianischer Candomblé-Riten, afrikanischer Savannen, Meeresküsten und Geisterfiguren zu einer einsamen schwarzen Frau in einem bayerischen Schloss des 19. Jahrhunderts entwickelt einen ganz eigenen Sog.

  In der Krise zählt die Solidarität. In diesem Sinn hat Ndikung neben 85 Einzelkünstlern auch ein halbes Dutzend Fotografen-Kollektive von beiden Seiten des Atlantiks geladen: Etwa die seit den Sechzigerjahren politisch emanzipatorische Gruppe „Kamoinge“ aus den Vereinigten Staaten. Oder „Invisible Borders“ aus Lagos. Die jungen nigerianischen Fotografen, Videofilmer und Autoren bereisen regelmäßig per Bus den Kontinent und erforschen über Installationen, die wie Reisetagebücher funktionieren, die Straßen als Metapher. Migration, sagt ihr Gründer Emeka Okereke, sei eine urafrikanische Lebensform. Eindrucksvoll auch das Kollektiv 2d aus Haiti, dessen Fotoserie an ein vergessenes Massaker während der Diktatur von Jean-Claude Duvalier erinnert. Überhaupt dreht sich in Bamako vieles um Archive, die Bergung verdrängter Historien, die Neubewertung von (Kolonial-)Geschichte: Kodwo Eshuns Gruppe „Otolith“ zeigt im etwas heruntergekommenen Musee du District Hunderte unbekannter Bilder, die der afroamerikanische Schriftsteller Richard Wright im Jahre 1953 gemacht hatte, als er für die Recherchen zu seinem Buch „Black Power“ die Rallyes der sozialistischen Unabhängigkeitsbewegung des späteren ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah begleitete. Gleich daneben fokussiert eine Videoarbeit eine andere fast vergessene Revolution: Historisches Filmmaterial und Veteranen-Interviews erinnern an die afro-kubanischen Milizionäre, die in den Sechzigerjahren für die panafrikanische Sache im Kongo kämpften.

Immer wieder geht es bei dieser Biennale um die Ränder der offiziellen Geschichte, die Sichtbarmachung der Übersehenen: So hat Yvon Ngassam den harten und gefährlichen Alltag der Zemidjan genannten Taxi-Moped-Fahrer in Benin dokumentiert. In „I Have A Dream“ erzählen sie per Video von ihrer Arbeit, ihren Hoffnungen und Träumen – während der Fotograf ihnen eine Serie von umgerüsteten Helmen widmet, die mit ihren Metallhörnern und Ornamenten an traditionelle Gelede-Masken erinnern. Vor allem aber zeigt diese Biennale zumindest zur Hälfte die Werke von Frauen: Denjenigen, die gegen alle Widerstände den traditionellen Männerberuf Fotograf ergriffen haben, und Geschichten von den Schattenseiten einer patriarchalen, restriktiven Gesellschaft erzählen.

  Fatoumata Diabate, die Präsidentin der Vereinigung malischer Fotografinnen widmet die Gruppenausstellung „A contre courant“ angesichts eines aktuellen Mordfalls „allen Frauen, die durch die Schläge ihrer Partner ermordet wurden“. Die starke Schau im „Lycee des jeunes filles“ erzählt einiges über weibliche Verletzlichkeit und Widerstandskraft – und die Rollen, die Frauen für sich imaginieren. Kichernd und mit ihren Handys im Anschlag streifen Hijab-tragende Mädchen des angrenzenden Gymnasiums durch die Ausstellung.

„Alle meine malischen Kolleginnen müssen sich mit Fotografien von Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen über Wasser halten“, sagt Diabate. Sie war die erste Fotografin, die nach dem Abschluss an der Fotografenschule CFP in Bamako zu weltweitem Renommee kam. Stolz präsentiert sie bei der Eröffnung ihrer Off-Ausstellung im Hotel Tamana ihren Vater, einen pensionierten Polizisten, der „zum ersten Mal meine Bilder anschaut“. Fatoumata hatte sich erfolgreich gegen dessen Berufswunsch, wie auch gegen die traditionelle Ansicht, dass man nach der Heirat dem Gatten den Broterwerb überlässt, durchgesetzt. Selbstverständlich sei das aber noch immer nicht. Was sie noch mehr bedrückt: Dass ihre einstige Schule CFP, jahrzehntelang die fotografische Talentschmiede Malis schlechthin, 2017 wegen des Ausfalls westlicher Sponsoren schließen musste. Wer würde die vielen ambitionierten Frauen nun ausbilden? Fatoumata Diabates Aufnahmen von malischen Bauern, die sich dem Umweltschutz und der Aufforstung widmen, hat sie vom Niederländer Marc Decoux im Stil afrikanischer Schulbücher überzeichnen lassen. „Das führt die Leute dazu, genauer hinzugucken. Wir haben immer auch einen gesellschaftlichen Auftrag.“

Wie aber erreicht man die Bevölkerung von Bamako? Während man bei den offiziellen Anlässen nur immer wieder derselben In-Crowd an Fotografen, Kuratoren und Journalisten begegnet, öffnet die Ausstellung der Gruppe Yamarou ein Fenster zum malischen Alltag. Hier in einer Lehmstraße im Viertel Medina haben die lokalen Nachwuchs-Fotografen ihre Abzüge an Hauswänden aufgehängt. Ein Soundsystem bringt die Kinder aus der Nachbarschaft mit lokalen Hits zum Tanzen, zwei Marionettenspieler sorgen für zusätzlichen Auflauf. Straßenhändler, Schulkinder und Hausfrauen bleiben an den Mauern stehen, zeigen mit Fingern auf Szenen, die ihnen bekannt vorkommen oder Geschichten auslösen.

  Im Schatten eines Vordachs hocken einige der Yamarou-Mitglieder um ein Stövchen mit Minztee. „Ich habe die Händler fotografiert, die sich auf den Schienen der Bahntrasse Dakar – Bamako niederlassen“, sagt Sidiki Haidara, „weil dieser Ort der Spielplatz meiner Jugend war.“ Der renommierte malische Fotograf Seydou Camara leitet die Gruppe: Nach der Schließung der CFP wollte er wenigstens informell Unterricht anbieten. „Wir sprechen nicht nur über Fotografie, sondern auch über die Entwicklung der Persönlichkeit.“ Man dürfe sich als Fotograf nicht auf die von westlichen Medien vorgegebenen Themen Krieg, Armut und Gewalt konzentrieren. „Um weiterzukommen, müssen wir unsere Gegenwart durch die Kunst denken“, erklärt Camara. Eines strahlen die von seinen Schülern beklebten Lehmwände jedenfalls aus: Den unerschütterlichen Optimismus derjenigen, die an eine bessere Zukunft glauben.

Rencontres de Bamako. Biennale Africaine de la Photographie. Bis 31. Januar.

JONATHAN FISCHER

SZ 30.12.2019IMG_4909

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