Ungerührt wie ein Herzchirurg – Ernest J. Gaines schrieb über den Alltag der Schwarzen in den Südstaaten

Wie bewahrt man seine Würde in einer feindseligen, rassistischen Umgebung? Und was lässt einen Mann trotz aller Demütigungen aufrecht gehen? Das sind einige der wiederkehrenden Themen im Werk des afroamerikanischen Schriftstellers Ernest J. Gaines.

Sie befeuern auch sein wohl berühmtestes Buch, den 1993 erschienenen Roman „A Lesson Before Dying“: Jefferson, ein jugendlicher Afroamerikaner sitzt im Louisana der 40er Jahre unschuldig in der Todeszelle. Es gibt keine Hoffnung auf Gerechtigkeit. Doch ein junger schwarzer Lehrer besucht den Todeskandidaten regelmäßig im Gefängnis: Um ihm zu zeigen, dass er eine Wahl hat. Dass er in der Lage ist der Verurteilung durch die Gesellschaft zu trotzen – wenn er nur seinen anfänglichen Zorn überwindet, der ihn wie das Tier handeln lässt, das die Weißen in ihm sehen. Jeffersons Heldentum ist ein innerliches: Es geht um eine spirituelle Haltung im Angesicht eines Urteils, das ihn auch wegen seiner Hautfarbe trifft. Geschickt spielt der Autor dabei immer wieder auf die Kreuzigung Jesu an. Gaines Roman gewann 1993 den Book Critics Circle Award, wurde erfolgreich verfilmt – und in deutschen Schulen als Unterrichtslektüre aufbereitet.

„Unser Leben wurde oft so erzählt, als ob wir keine Geschichte hätten“, sagte Gaines. Aber der 1933 auf der River Lake Plantation in der Kleinstadt Oscar, Louisiana, geborene Schriftsteller sollte das ändern: In seinen Romanen und Essays beschrieb er aus einer schwarzen Perspektive den Alltag der Menschen, mit denen er aufgewachsen war. Darunter seine körperlich verkrüppelte aber moralisch starke Großtante und Ersatzmutter Augusteen, die ihn zu seinem 1971erschienenen Roman „The Autobiogragphy of Miss Jane Pittman“ inspirierte. Gaines setzte seine Worte im kargen Blues-Rhythmus der Umgangssprache des ländlichen Südens. Als Jugendlicher hatte er für 50 Cent am Tag auf den heimischen Baumwollfeldern gearbeitet. Eine höhere Schule, die ihn als Schwarzen aufgenommen hätte, gab es nicht und so folgte er 1948 seiner Mutter nach Kalifornien. Aber auch von San Francisco aus blieb er seiner als „Bayonne“ fiktionalisierten Heimatstadt treu. Black Power-Aktivisten kritisierten den Autor später, er sei „nicht militant genug“. Gaines aber sah seine Aufgabe eher im Beobachten: „Ein Schriftsteller sollte so ungerührt bleiben wie ein Herzchirurg bei seiner Arbeit“.

Als Chronist einer Generation von Südstaaten-Schwarzen schwangen bei ihm stets universale Menschheitsthemen mit. „Ohne Liebe für meine Mitmenschen und Respekt für die Natur wäre das Leben obszön“.

Seit 1981 arbeitete Gaines als Writer in Residence und Professor an der University of Louisiana in Laffayette. Am Dienstag kam die Nachricht, der 86-jährige sei zu Hause gestorben. Zu Hause: Das war am Lebensende wieder die River Like Plantation, wohin Gaines mit seiner Frau gezogen war, um den Gräbern seiner Vorfahren und deren Geschichten näher zu sein.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.11.2019Ernest J. Gaines

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