Die Männer werden folgen: Die Psychologin und Bloggerin Fatouma Harber hat den Islamisten und dem malischen Staat die Stirn geboten – jetzt bildet sie in Timbuktu Frauen zu digitalen Aktivistinnen aus

IMG_1529Als Fatouma Harber in der Auberge du Desert eintrifft, nicken die Wachmänner mit den umgehängten Maschinengewehren der kleinen Frau fast ehrfürchtig zu. Jeder kennt sie in Timbuktu. Und jeder weiß, dass die 40-jährige Psychologin, Lehrerin und Bloggerin mit dafür verantwortlich ist, dass die „Mysteriöse“ und „Stadt der 333 Heiligen“, wie die Einwohner sie gerne nennen, heute nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen wird. Vielleicht hatte man sich eine militante Menschenrechts-Aktivistin anders vorgestellt. Irgendwie westlicher gekleidet. Weniger traditionell: Dass Harber – Hornbrille, schwarzer Hijab, bis zu den Knöcheln reichende Kleider – ihre strenge islamische Religiösität auch nach außen demonstriert, hat ihr in Timbuktu jedenfalls nicht zum Nachteil gereicht. Wer hätte gerade sie verdächtigt, während der Besatzung der Stadt durch Dschihadisten in den Jahren 2012 bis 2013 unter dem Pseudonym Fatittystar brisante Nachrichten aus der abgeschnittenen Stadt in die Welt zu schicken? Wer hätte hinter ihrer bewusst nüchternen Fassade den rebellischen Geist einer der bekanntesten Blogerinnen Malis vermutet?

„Als die bewaffneten Gruppen in unser Gebiet kamen, waren alle Ausländer, alle Journalisten geflohen. Wir waren uns selbst überlassen. Da fing ich an, den ganzen Tag darüber zu twittern, was hier vor sich geht: Über die ständigen Kleiderkontrollen, die Frauen, die von den Dschihadisten wegen angeblicher Sittenverstöße in der Polizeistation gefangen gehalten wurden, das Verbot, Musik zu hören oder auch nur an den Gräbern der Sufi-Heiligen zu beten…“ . Später als ausländische Medien ihre Berichte aufnahmen und Harbers Blog für einen Preis nominiert wurde, musste sie aus der Stadt nach Bamako fliehen. Aber sie kam zurück. Weil der Kampf nach der Befreiung der Stadt durch eine französisch-malische Interventionstruppe noch längst nicht gewonnen war. Auch heute noch gelte die Region um Timbuktu weitgehend als rechtsfreies Gebiet und Selbstbedienungsladen für militante Gruppen. Niemand sei hier sicher, sagt sie. Und nicht einmal die heimische Presse berichte darüber, wenn in einem abgelegenen Dorf geplündert und gemordet werde. „Heute sind wir immer noch Opfer, nur dass die Übergriffe nun auch von den Milizen und der malischen Armee kommen, die die Regierung angeblich hierherschickt, um uns zu beschützen.“

Dass Fatouma Harber das offen anspricht, macht sie verwundbar. Sie und ihre Familienmitglieder hätten Morddrohungen erhalten: „Die bewaffneten Gruppen betrachten meine Arbeit als Einmischung in ihre Geschäfte.“ Geschäfte, die oft illegal sind und auch den lukrativen Handel mit Kokain und Marihuana einschließen, der Transport der Rauschgift-Ladungen aus Kolumbien über die Wüste Nord-Malis und das Mittelmeer Richtung Europa ist ein Milliarden-Geschäft. Allerdings lässt sich Harber nicht einschüchtern: Seit einigen Jahren schon bildet sie heimische Frauen in digitaler Technik und ihrer politischen Nutzung aus. Sie hat so Dutzende von Bloggerinnen und Journalistinnen hervorgebracht. Ihr Bildungszentrum Sankoré-Labs – benannt nach dem Stadtteil Sankoré, wo vor 900 Jahren, zu einer Zeit also als Berlin noch ein Dorf war, in Koranschulen und Universitäten Gelehrte aus ganz Arabien lehrten – will den alten demokratischen Geist Timbuktus im Zeichen der Digitalisierung erneuern.

Doch bevor es um Menschenrechte, staatliche Korruption und die Rolle des Islam geht, will sie erst mal über einen ihrer ehemaligen Schüler reden: Mohammed Ag Khaedy. Er war während der Besatzung einer der lokalen Anführer der Dschihadistengruppe Ansar Dine gewesen. Heute morgen hatte sich ein Selbstmordattentäter dieser inzwischen als JNIM firmierenden Bewegung dem einzig verbliebenen Hotel der ehemaligen Touristen-Attraktion Timbuktus genähert. Die Auberge du Desert, das selbe Hotel, in dessen neon-beleuchtetem Speisesaal wir nun das Interview führen. Harber kennt einige der Dschihadisten nur allzugut Mohammed Ag Khaedy etwa sah sie im Fernsehen, als er zusammen mit anderen mit Spitzhacke bewaffeneten Dschihadisten ein Grabmal eines Sufi-Heiligen zerstörte. „Er war ein wohlerzogener Tuareg-Junge“, sagt Harber, die mal seine Lehrerin war. „Zwar hat Ag Khaedy aufgrund seiner religiösen Erziehung schon damals Frauen nicht die Hand gegeben – aber das war nicht bösartig. Oft hat er mir aus seinem Dorf handgefertigten Schmuck aus Kamelleder mitgebracht“.

Ein Kommuniqué der Ansar Dine Nachfolgeorganisation JNIM verkündet am nächsten Tag, „einer unserer Märtyrer“ habe seine Mission erfolgreich abgeschlossen und fünf ungläubige Franzosen in den Tod befördert. Eine Falschmeldung. Tatsächlich hatte sich der Attentäter nur selbst in die Luft gejagt. Die Hotelgäste, ein paar malische Musiker, Fotografen und Frauenaktivistinnen kommen mit dem Schrecken davon. Angereist waren sie für ein Kulturfestival mit Konzerten, Lesungen und Führungs-Workshops für Frauen. Der Bürgermeister der Stadt hatte die Besucher in seiner Eröffnungsansprache als „Zeichen der Normalisierung“ gefeiert. Nun lassen die Gastgeber mich nur noch streng bewacht, verkleidet in Tuareg-Gewänder und Turban mit Sehschlitz außer Haus. Harber aber gibt sich unerschrocken: „Klar, dass wir das Festival nicht abbrechen. Sonst lassen wir sie gewinnen – und bleiben frustriert zurück.“ Auf ihrem Twitter-Account meldet sie in den letzten Wochen: Vier Entführungen oder Entführungsversuche lokaler Amtsträger und Geschäftsmanner. Schüsse auf fahrende Autos. Und die gewaltsame Entwendung eines Krankenwagens.

Dennoch denkt Harber nicht daran, fortzugehen: „Mich treibt vor allem eine Frage um: Wie können wir den Frauen helfen, wieder auf die Beine zu kommen?“ Diese seien einerseits die Hauptleidtragenden der Besatzung und nachfolgenden Krise. Andererseits könne sie auf die Tatkraft der Frauen zählen: „Frauen haben schon immer die Führerschaft in Timbuktu übernommen. Wenn sie vorangehen folgen die Männer nach“. Harber selbst steht für diese weibliche Unbeirrbarkeit. Als der Staat 2012 die Order ausgab, an eine Schule nach Bamako zu wechseln, blieb sie trotzdem da. Sie absolvierte dank einer holländischen NGO eine Ausbildung als Bloggerin. Und als die Organisation 2015 beschloss, Mali zu verlassen, machte sie einfach auf eigene Faust weiter. Sie übernahm das Mobiliar und die 15 Computer, rekrutierte ein Team von Freiwilligen und nannte das ganze Sankoré Labs: Ein Ort, an dem sie vor allem Frauen und Jugendliche in digitaler Technik und ihrer journalistischen Nutzung unterrichtet. Harber selbst gründete einen Verband malischer Blogger. Als deren Präsidentin achtet sie vor allem auf journalistische Standards. Und strikte Unabhängigkeit: „Die traditionellen Presseorgane und Radiosender haben allesamt politische Sponsoren. Ohne deren Unterstützung könnten sie gar nicht ihre Rechnungen zahlen. Und dieser Einfluss färbt auch auf die Berichterstattung. Deswegen sind wir Blogger wichtig: Man kann uns nicht so einfach kaufen.“

Harbers Aktivismus bleibt nicht im Digitalen. Sie erzählt von Selbsthilfe-Initiativen, die man sich vor der Krise kaum habe vorstellen können: Etwa der Aufräumaktion, in der Freiwillige jeden siebten Sonntag die Straßen entmüllen und reparieren. Sie unterstützt auch die lokalpolitisch engagierten Jugendlichen von „Collectif Tombouctou Reclame Ses Droits“ . Und hat mit Sankoré-Labs Debattier-Clubs ins Leben gerufen. Schüler aller höheren Bildungseinrichtungen studieren dafür die politischen Nachrichten und Journale, um sich schließlich in einem preisgekrönten Debattier-Wettbewerb zu messen. Das vorgegebene Thema: Was bedeutet Demokratie? Das entspreche, sagt Harber, der Tradition der Stadt, in der es in den Koranschulen üblich gewesen sei, dass Schüler ihre Lehrer alles fragen durften. „Warum glauben Sie, haben die Dschihadisten sich ausgerechnet Timbuktu als Zielscheibe gewählt? Weil wir hier Toleranz leben.“ Die Gotteskrieger hätten ein Exempel an der für ihre Wissenschafts-Tradition berühmten Stadt statuieren wollen. Nur die wenigsten Dschihadisten seien aus Timbuktu selbst gekommen. Vielmehr hätten in Saudiarabien geschulte Prediger seit den Achtzigerjahren die Stadt aufgesucht – und mangels Zuspruch der Bevölkerung, Gläubige mit Essen und Geldgeschenken in ihre Moscheen am Stadtrand und auf den Dörfern gelockt. Auch ihr Schüler Ag Ghaly habe sich dort radikalisiert. Harber sagt: „Wir hatten aufgrund unserer Religion den Dschihadisten gegenüber eine Haltung der Passivität. Heute würden sie uns nicht mehr so leicht unterkriegen.“

Trotzdem sieht Harber die Zukunftsperspektiven Timbuktus skeptisch. Nicht die Islamisten seien das größte Problem. Sondern die Gleichgültigkeit des malischen Staates. Alle sozialen Initiativen vor Ort würden ausschließlich von ONGs getragen. Und dann erst der Zustand des Straßennetzes! Harber hat in den letzten Wochen auf Twitter den Kampf der Einwohner für die Instandsetzung der Überlandstraße vom Süden nach Timbuktu dokumentiert. Eine Schlammpiste, die zur Regenzeit oft unpassierbar wird. Seit Jahrzehnten schon dauere dieser Zustand an – während Milliarden Francs an Entwicklungsgeldern rund um die Hauptstadt Bamako versickerten. „Dritte Nacht der Blockade des Militär-Flughafens durch Demonstranten“, meldet Harber am 8.9. unter dem Hashtag „Tombouctouveutuneroute“. Dazu ein Bizeps-Emoji. Drei Tage später kommen tatsächlich drei Minister aus Bamako und unterschreiben ein Abkommen über die Fertigstellung einer Überlandstraße und der Sanierung des maroden Krankenhauses. Ein Etappensieg für Harber und ihre Verbündeten. Das nächste Projekt: Eine Kampagne zur Senkung der horrenden Online-Gebühren durch die zwei malischen Monopol-Telefongesellschaften – damit mehr Bürger sich im Netz informieren und austauschen können. „Ein Parlamentsabgeordneter“, sagt Harber, „hat uns Blogger als Drogenabhängige geschimpft. Aber sie können uns nicht stoppen. Wenn sie die sozialen Netzwerke blockieren, finden wir einen Umweg“. Harber nestelt an ihrer Brille – und lächelt zum ersten mal vorsichtig. „Vielleicht sind wir wirklich berauscht. Berauscht von Demokratie.“

JONATHAN FISCHER

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