Dem Unkraut eine Chance – Alain Mabanckous Roman „Petit Piment“

Schon der Name des Jungen fühlt sich an wie ein Auftrag, dem er niemals gerecht werden kann. Der Schüler eines Waisenhauses, der von den Respektlosen einfach Mose gerufen wird, heißt eigentlich „Tokumisa Nzambe po Mose yamoyindo abotami namboka ya Bakoko“, was aus dem Lingala übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie: „Wir wollen Gott dafür danken, dass der schwarze Moses im Land seiner Vorfahren geboren wurde“.

  Zu verdanken hat Mose alias Petit Piment seinen Bandwurmnamen einem katholischen Pater. Papa Moupon ist die einzige Vaterfigur im Leben der Kinder des Waisenhauses von Loango, einem Vorort der kongolesischen Hafenstadt Ponte Noire. Sein zweiwöchentlicher Besuch wird von allen sehnsüchtig erwartet: „Während der zwei Stunden vergaßen wir, wer wir waren und wo wir uns befanden. Wenn Papa Moupelo richtig in Fahrt kam und die Sprünge eines Frosches nachahmte, um uns den berühmten Pygmäentanz aus seinem Heimatland Zaire vorzuführen, drang unser Gelächter bis nach draußen vor das Waisenhaus“. Später sollten die Jungen tagelang dieses Erlebnis kommentieren, in ihrem Schlafsaal die Schrittfolgen nachahmen, „bis die sechs Männer von der Aufsicht in ihrer Eifersucht auf den Einfluss, den der Gottesdiener auf uns hatte, ihre Peitsche schwangen“.

  So beginnt „Petit Piment“ von Alain Mabanckou. Der kongolesische Schriftsteller, Essayist und Dichter hat seinen neuen Roman den „Herumtreibern der Cote Sauvage“ gewidmet, die ihm während eines Aufenthalts in seiner Geburtsstadt Pointe Noire „einige Kapitel aus ihrem Leben erzählten“. So besagt es die Widmung zu Beginn des Buches. Mabanckou, der zur Zeit eine Professur an der Universität in Los Angeles inne hat, gehört spätestens seit seinem 2005 erschienenen Roman „Zerbrochenes Glas“ zu den großen zeitgenössischen Geschichtenerzählern Afrikas.

  Ende der Achtzigerjahre war er für ein Jura-Studium nach Paris gekommen. Zehn Jahre lang arbeitete er dort als juristischer Berater für einen Wirtschaftskonzern, um nebenbei zu schreiben. Seine Themen lieferte ihm seine eigene Geschichte: Mit wütendem Witz und viel Folklore porträtierte er die Lebenswelten der schwarzen Communities von Paris wie auch des Kongo-Brazzaville seiner Jugend. Für sein Gesamtwerk – zu dem Romane wie „Black Bazar“ und „Stachelschweins Memoiren“ gehören – gewann Mabanckou den französischen Grand Prix de Littérature.

  Als der Schriftsteller 2012 zum ersten Mal nach 23 Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrte, schrieb er „Die Lichter von Pointe-Noire“, eine bittersüße Spurensuche nach der eigenen Familie. „Petit Piment“ nimmt das Thema Heimat noch einmal auf. Nur dass die Romanhelden nun junge Waisen wie Mose sind. Oft sind diese Kinder von ihren Familien, die damit überfordert waren, noch einen Mund zu stopfen, ins Waisenhaus abgeschoben worden – wo sie ein Leben voller Grausamkeiten, Gewalt und Willkür-Herrschaft erwartet. Ein Abbild der kongolesischen Überlebens-Hierarchie der 70er und 80er Jahre im Kleinen.

  Wo aber können diese jungen Seelen Heimat oder gar Geborgenheit finden? Mabanckou bedient sich wie viele der Klassiker der afrikanischen Literatur der kindlichen Perspektive. Petit Piment erzählt uns seine Welt. Und erst sein unschuldiger Blick entlarvt die Verlogenheit der Erwachsenen, ihre Korruption, die sich auch im Alltag des vom Kinderhasser Dieudonné Ngoulmoumako regierten Waisenhauses manifestiert: Mütter leisten ihm ihren Schützlingen zuliebe sexuell Gefälligkeiten. Seine Aufseher hat er allesamt aus der eigenen Verwandtschaft rekrutiert. Das schillernde Personal reicht vom Prügel-Junkie bis zum Leichenschänder. Petit Piment und seine Kameraden aber haben lediglich zu folgen – und dürfen auf keinen Fall kritische Fragen stellen.

  Auch dann nicht, als Papa Moupelo eines Tages nicht mehr kommt. Seine Lieder und Tänze – so der kleine Mose – hatten „zu einem für jeden erschwinglichen Preis Hoffnung auf ein besseres Leben“ gemacht. Nun aber gilt der alte Glaube nicht mehr. Der „wissenschaftliche Sozialismus“ wird ausgerufen. Eine neue, durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Regierung erklärt Papa Moupelo wie alle Kirchenmänner zu „Handlangern des Imperialismus“. Und Direktor Dieudonné, der einer im Machtkampf unterlegenen Ethnie angehört, hält seine Stellung vor allem durch Speichelleckerei. Er lässt öffentliche Anschläge mit den Reden und Heldentaten des neuen sozialistischen Präsident anbringen – und alle Schüler bestrafen, die diese nicht fehlerfrei aufsagen können. Doch auch wenn die „Revolution über uns kam wie ein Regen, den selbst unsere ruhmreichsten Fetischeure nicht hatten kommen sehen“, dann entfaltet sie doch eine ganz unfreiwillige Komik. Der neue Präsident soll bereits als Kind ein Krokodil am Schwanz gepackt, mit einer Ohrfeige betäubt und lebendig bei seiner Großmutter abgeliefert haben, damit sie Fleisch für das ganze Dorf kocht? „Laut Dieudonné war der neue Präsident ein Pendant zu Jesus Christus“. Und: „Mit der Schaffung der Kongolesischen Arbeiterpartei, der Vereinigung der sozialistischen kongolesischen Jugend und der nationalen Pionierbewegung hatte er lediglich das befolgt, was ihm unsere Ahnen im Schlaf eingegeben hatten“. Eine Groteske, die allerdings für Kenner der politischen Realitäten der beiden Kongos kaum übertrieben wirkt.

Wen wundert es, dass die Schüler rasch vom Opportunismus ihrer Vorgesetzten lernen? Mose steigt zu „Petit Piment“ auf, der kleine Pfeffer, nachdem er in einer Racheaktion für seinen besten Freund den als Schrecken des Schlafsaals agierenden Zwillingsbrüdern Songi-Songi und Tala-Tala heimlich Pfeffer in ihr Trinkwasser gemischt hatte. Sie machen ihn darauf zu ihrem Kumpel und Handlanger. Doch als die drei gemeinsam aus dem Waisenhaus türmen, erwartet sie auf den Straßen von Pointe Noire kaum ein besseres Leben. Der Bürgermeister führt seinen Wahlkampf mit einer Kampagne gegen die „Stechmücken“. Gemeint sind die Straßenkinder. Er lässt sie vom Markt vertreiben, wo sie mit Diebstahl und Bettelei ein Auskommen hatten. Nun treiben sie sich an der Cote Sauvage herum, lassen sich von den Zwillingsbrüdern ihre Einkünfte abpressen und – zum Grauen von Petit Piment – auch mal einen Hund oder eine Katze den Kochtopf wandern. Er sieht die Welt immer noch durch staunende Kinderaugen: Warum misstrauen sich in seiner Bande die Lahmen und die Blinden, wenn sie sich doch gegenseitig helfen und gemeinsam stärker sein könnten?   

  Die Begegnung mit einer zairischen Prostituierten namens Fiat 500 beschert Petit Piments Leben eine Wende: Die großherzige Puffmutter nimmt ihn unter ihre Fittiche. Sie lässt den Straßenjungen Besorgungen für ihre Mädchen machen, und diese ziehen in als Gesprächspartner ins Vertrauen. Zum ersten mal fühlt sich Petit Piment daheim. Ausgerechnet bei den Bordell-Mädchen. Fiat 500 findet über ihre Beziehungen sogar einen Job als Hafenarbeiter für ihren Schützling. Doch das Happy-End bleibt aus. Petit Piment, der schon seine Eltern, Papa Moupelo und die von ihm geliebte Internats-Schwester Sabine verloren hat, wird auch dieser Familie beraubt. Vom einen Tag auf den anderen verschwinden Mama Fiat 500 und ihre Mädchen spurlos. Diesmal hatte es der Wahlkampf des Bürgermeisters auf die Prostituierten aus Zaire abgesehen – vom einstigen Bordell ist nur noch ein Trümmerfeld geblieben. Für Petit Piment ist das zuviel. Er verliert den Verstand. Beklagt sich über bösartige Zwerge und verlorene Adverbien und trudelt einem ebenso tragischen wie überraschenden Ende zu.

  „Wir müssen unsere Vorstellung tropikalisieren“, hat Mabanckou, der als Schulkind noch Marcel Proust lesen musste, von der afrikanischen Literatur gefordert. Dafür hat er einen ganz eigenen, üppig wuchernden Erzählstil gefunden: Mal mäandert er in die afrikanische Mythologie, erzählt von Ahnenverehrung und Aberglauben – oder schildert ironisch die Rituale der Bordell-Kunden wie auch die Selbstbeweihräucherungen aller möglichen Autoritäten vom Psychiater bis zum traditionellen Heiler. Das kann urkomisch sein. Und trägt doch immer auch eine gewisse Wut und Trauer mit sich. Kann es sein, dass seine Landsleute bei allem Optimismus in die immer gleichen Korruptionsfallen tappen? In zahlreichen Anekdoten verflicht Mabanckou die Geschichte des Kongo mit der Biografie seiner Figuren. Mal geht es um die 5 000 kubanischen Soldaten, die Fidel Castro für die Revolution über den Kongo nach Angola schickte, mal um die irren Machtspiele von Zaires Diktator Mobutu.

  Und dann sind da noch die post-kolonialen Reflexe, etwa wenn der Waisenhaus-Direktor Dieudonné einer Parteikommission, die die Misstände in seiner Anstalt untersucht, entgegnet, man solle „nicht alle Waisenhäuser verdächtigen Orte der Pädaphilie zu sein. Das gibt es nur in Europa. Nicht bei uns“. Dass die Geschichte dennoch ein menschliches Gesicht behält, das verdankt sich vor allem den Frauenfiguren: Sie sind es, die obwohl immer auch Opfer, Stärke und Mitgefühl zeigen. Sie wollen zumindest ihre Kinder retten.

  Und stellen sich wie etwa Schwester Sabine schützend vor Petit Piment, verarzten die Wunden, die ihm die Peitschen der Aufseher zugefügt haben. Vor allem aber bringen sie einen lebensrettenden Pragmatismus ins Spiel: „Ich bin Unkraut“, erklärt Fiat 500 ihrem Schützling einmal, „aber ich bin auch das Glück einiger Männer in diesem Viertel, nicht mehr und nicht weniger“. Und Petit Piment weiß, dass allein das zum Leben reicht. Dass im Reich der Verwüstung manchmal nur das Unkraut eine Chance hat.

Alain Mabanckou: Petit Piment. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind Verlag, 2019. 239 Seiten, 20 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 14.10.2019Mabanckou

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.