Kinshasa Punk, Nouakchott Blues – Afropop Kolumne

Tinariwen waren die ersten, die ihre Gitarren elektrifizierten. Die ersten auch, die vor knapp zwei Jahrzehnten den Westen für den Tuareg-Rock begeisterten. Nie aber schlurfte der Sahara-Blues lässiger als auf „Amadjar“ (Wedge). Verzerrte Gitarren folgen subtil verschnörkelten Schaukel-Rhythmen. Pentatonische Riffs perlen in aufreizender Trägheit aus den Verstärkern. Dazu singen Baritonstimmen in eine gefühlt endlose Weite hinein. „Verloren in der Nacht hat mich mein Durst geweckt/ meine Seele ist verwirrt, ich glaube keinem mehr…/ ich bin der Sohn von Gazellen geworden, die durch die Wüste streifen…“ So wie „Tenere Maloulat“ dreht sich das ganze Album um den politischen und persönlichen Verrat, die korrumpierende Macht des Geldes – und die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die von Bürgerkriegs-Wirren gebeutelte Heimat Nord-Mali. Alles natürlich in der bildhaften Poesie des Tamashek. Einige der Bandmitglieder hatten einst mit der Waffe für einen Tuareg-Staat gekämpft, um in den 90er Jahren ihre Kalaschnikows gegen E-Gitarren einzutauschen. Der Rebellen-Mythos schmückt sie noch immer – und verstärkt die Anziehungskraft ihres epischen Wüstenblues im Westen. Wie aber lässt sich die raue Magie ihrer Live-Auftritte bei Hochzeiten und Festen im Studio einfangen? So tourten Tinariwen diesmal in einem zum mobilen Aufnahmestudio umgebauten Kleinbus durch die West-Sahara. Abends beim Lagerfeuer auf den Dünen wurde mitgeschnitten. Um schließlich im Studio in Mauretaniens Hauptstadt Nuakchott die wunderbar schneidenden Sirenen-Gesänge von Mouria Mint Seymali in den Mix zu werfen. Erst im Nachgang kamen auch noch westliche Gäste dazu: Da liefern etwa Gitarrist Micah Nelson, der Sohn von Willie Nelson, oder Nick Caves exztenrischer Soundtüftler Warren Ellis ganz wunderbare Country-Blues-Färbungen. Letzterer spielt Violine und setzt gekonnt elektronische Effekte ein, die mal wieder deutlich machen, wie nah sich Mississippi und Niger kommen.

Dass eine der besten Afrojazz-Bands der Welt ausgerechnet aus Kopenhagen kommt – das kann in dieser globalisierten Welt schon passieren. Doch wenn The Kuti Mangoes auf ihrem letzten Album vor allem die Impressionen aus einem Feldtrip nach Mali und Burkina Faso in verarbeiteten, verschieben sie auf „Afrotropism“ den Akzent: Weniger Retro-Highlife, mehr nordischer Jazz und Experiment. So fordern bereits die ersten Takte des Openers „Stretch Towards The Sun“ mit sirrenden Synthesizer-Riffs heraus. Inspiriert ist das angegblich von den polyrhythmischen Riffs eines afrikanischen Balafons – das Ergebnis erinnert in seinen besten Momenten an eine Afro-Version von Joe Zawinul und seinem Syndicate. In seinen schlechteren bleibt es einfach eine Nervenprobe. Jedenfalls riskieren die Dänen einiges, wenn sie etwa auf „A Snake Is Just A String“ den malischen Gitarren-Blues eines Ali Farka Touré mit synthetischen Sounds nachbilden, sie in „Call Of The BulBul Bird“ Afro-Rock, elektronische Percussion und Samba zusammenbringen. Nach den ersten Schreckminuten landen sie dann doch in akustischem Groove-Gelände. Und da funktioniert sowohl die Afrobeat-Message von „Money Is The Curse“ auch als auch die von einem Ngoni-Sample getriebene Jam „Sand to Soul“ ganz hervorragend.

Vorbei die Zeit, als der Kongo noch verlässlich für süßliche Rumba-Klänge stand. Zwischen Paris und Kinshasa brauen sich stattdessen dunkle Gewitterwoken zusammen, treffen gebrochene Beats, Tiefstbässe und ekstatische Chants aufeinander, gelten Genres nichts mehr und die Energie alles. Das zumindest suggeriert „No Romance“ (Glitterbeat) Es ist die erste EP vom Bantou Mentale und Vorbote eines Ende Oktober erscheinenden Debut-Albums. Dahinter stecken drei kongolesische Veteranen. Plus Liam Farrell alias Doctor L. Der irischstämmige und in Paris aufgewachsene Musiker und Produzent hatte im letzten Jahrzehnt schon einige afrofuturistische Projekte angestoßen: Unter anderem die Amazones d‘ Afrique oder die aus Teilen von Staff Benda Bilili hervorgegangene Band Mbongwana Star. Letztere schoss den kongolesischen Pop in ein elektronisches Universum zwischen Ambient und frühem Chicago House. Bantou Mentale aber zielt noch weiter. Kracht, Funkt. Und schrammt an den Grenzen eines düsteren afrikanischen Blade Runner Soundtracks. Aber: „Der Kongo ist ein Land von großer spiritueller Sanftheit“. Das sagt Drummer und Songwriter Cubain Kabeya. Und tatsächlich kann man Sanftheit inmitten des Lärms spüren. Immer wenn das Hexen-Gebräu droht, zu artifizell zu werden, werfen sich ein paar klingelnde Gitarren-Riffs dazwischen, hieven ätherische Chor-Gesänge die Songs in anderweltliche Sphären irgendwo zwischen Traum und Alptraum. Es ist genau der Punk, auf den man angesichts der rohen, überlebenswütigen Straßenkultur Kinshasas immer gehofft hatte.

JONATHAN FISCHER

SZ 8.10.2019Bantou Mentale EP

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