New Orleans Blues: 14 Jahre nach „Katrina“ ist die Stadt am Mississippi schicker und sauberer als je zuvor – doch vor allem Musiker und Künstler müssen nun ums Überleben kämpfen

New Orleanians lieben es, die letzten Ruhestätten ihrer Toten zu besuchen. In afrokaribisch inspirierter Tradition schütten sie Bier auf die Gräber, hinterlassen Plastikketten und Schmuck an den weiß gekalkten Gruften, die als Ensemble oft an eine exotische Miniaturstadt erinnern. Aber auf dem berühmtesten Friedhof der Stadt, dem St. Louis Cemetery No. 1, stehen jetzt Verbotsschilder: Gräber markieren, Gegenstände ablegen unter Strafe verboten. Neuerdings kann man Touristinnen beobachten, die heimlich Lippenstiftspuren an einer drei Meter hohen Pyramide hinterlassen, der zukünftigen Grabstätte von Nicolas Cage.

  Ja, Nicolas Cage, der Schauspieler und Wahl-New-Orleanian. Sein sauberer weißer Neubau mag so gar nicht zu den bröckelnden, wettergezeichneten Gräbern der Umgebung passen. „Die Gentrifizierung macht nicht mal vor den Toten halt“, witzelt Chuck Perkins, ein Musiker und Clubbetreiber. „Seit Katrina werden die Armen und Schwarzen aus den älteren Teilen von New Orleans vertrieben. Die Stadt will sie nicht mehr haben. Lebendig oder tot.“

  Am 29. August 2005 waren infolge des Hurrikans Katrina mehrere Deiche gebrochen, 80 Prozent der Stadt wurden überflutet, Hunderttausende obdachlos. Vierzehn Jahre später sind die Schäden behoben, zieht der Mississippi-Hafen die Touristen an, als wäre nichts gewesen: „New Orleans hat ein Facelifting bekommen“, sagt Chuck Perkins. Der Mann mit dem Batikhemd und der polierten Glatze sitzt mit einem Bier vor seinem Liveclub Cafe Istanbul, nur ein paar Meilen östlich des Touristenviertels French Quarter. Früher standen hier nur blätternde Baracken. Jetzt zieht das einstige Glasscherben- und Drogendealerviertel Bywater Yuppie-Kunden aus der ganzen Stadt an, die eines der frisch gestrichenen Yoga-Studios und veganen Cafés besuchen, im Biomarkt einkaufen oder nach Esoterik-Büchern wühlen wollen. Viele von ihnen, sagt Perkins, seien Helfer, die nach Katrina geblieben sind.

  Sein eigener Musikclub ist Teil eines dreistöckigen, rosa gestrichenen „Healing Centers“ – die Vermieterin, eine weiße Voodoo-Priesterin, hat es so genannt. Ein Name, der sich nicht nur auf ihren eigenen Kräuterladen bezieht, sondern die Hoffnung auf einen Neuanfang für eine innen und außen kaputte Stadt symbolisiert. „Alle fluchen in dieser Stadt“, wütet Chuck Perkins in seinem Songtext „Everybody Swears“, während „Träume so groß wie Berge zur Größe kleiner geballter Fäuste zerhäckselt werden“. So klingt der New-Orleans-Blues. Eine Hassliebe, die Perkins mit vielen der hier lebenden Musiker und Kulturschaffenden teilt.

  Nun aber geht es um das neue New Orleans. Und darum, wer von der Renovierung und Ausschmückung der einst so ranzigen Viertel um das French Quarter profitieren darf. Und wer dabei auf der Strecke bleibt. Schon seit Generationen lastet der Fluch der Armut auf dieser Stadt. Katrina machte für alle Welt sichtbar, was viele New Orleanians längst wussten: dass der amerikanische Traum sie außen vor gelassen hat.

  Und doch bezaubert dieser mythische Ort nicht nur Touristen: Wo sonst spielt sich so viel vibrierendes Leben, so viel genuine Folk-Tradition auf den Straßen ab? Wo sonst können 16-Jährige mit Gold Grillz jede Zeile von Louis Armstrong zitieren? In einer Walmart-Nation sticht der Mississippi-Hafen als Ansammlung von Straßenmärkten, Gewürzläden, Kaffeeröstereien, Eisständen und – fast am wichtigsten – lokalen Dancehalls heraus. Mit ihrer Melange aus afrikanischer, spanischer, französischer und karibischer Kultur nahm die Stadt die polyglotte Entwicklung der Einwanderernation Amerikas voraus. Rechte Ideologen mögen gerade das Miteinander von Religionen und Ethnien zum Problem hochkochen. New Orleans aber lieferte stets den Gegenbeweis: dass man, allem Rassismus zum Trotz, über Küche, Musik und Tanz zusammenkommt. „Wir waren mit Maskenbällen und Bordell-Orchestern schon multikulturell und sophisticated“, sagt Perkins, „als die meisten amerikanischen Städte noch nicht einmal eine Friseurladen-Combo hatten.“ Klar, dass kein anderer Ort als Wiege des Jazz und Rock ’n’ Roll infrage kam. Der Prozess der Aneignung, des Synkretizismus und der Neuerfindung hält die Stadt bis heute am Laufen: „Wir sind das demokratische schwarze Herz Amerikas. Wer hier lebt, kennt allerdings auch die Risse und Brüche hinter der Partyfassade.“

  Die Risse und Brüche: Das seien, sagt Chuck Perkins, etwa die Liveclubs, die ihre Musiker zumeist miserabel bezahlen, damit sie Klischees für Touristen aufführen. Und die Mietpreise, die sich etwa in Bywater seit Katrina verdoppelt hätten. Oder die gutsituierten Zuzügler, die sich Häuser in traditionell schwarzen Vierteln wie Treme kauften, um sich dann an den vielen Straßenparaden und Bars mit ihrer nächtlichen lauten Musik zu stören. Dabei seien es gerade diese verarmten Nachbarschaften, die seit jeher die wichtigsten Musiker und Künstler hervorgebracht hätten. Die das Netzwerk einer Überlebenskultur am Leben hielten. Die Stadt aber investiere lieber in Casinos, neue Hotels und disneyfizierte Jazz-Themenparks als in erschwingliche Wohnungen. Wer bleibe dann noch vor Ort, um die Traditionen weiterzugeben? Perkins schlägt die Bierdose auf den Tisch: „Kann man sich New Orleans ohne die Umzüge der Brassbands und den Straßenjazz überhaupt vorstellen?“

  Gerade hat Donald Trump den Wahlkreis des schwarzen demokratischen Abgeordneten Elijah Cummings in Baltimore als „widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Drecksloch“ beschimpft – vielen New Orleanians kommt das nur allzu bekannt vor. „Die Rache Gottes“, höhnten nach Katrina christlich-fundamentalistische Prediger über die „Lasterhöhle“ New Orleans. Und einige republikanische Abgeordnete diskutierten gar, ob man die Stadt – eine demokratisch wählende Insel inmitten des erzkonservativen Louisiana – überhaupt wieder aufbauen sollte.

  Wie Baltimore hat New Orleans ein Gewaltproblem. Hier wird man mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit Opfer eines Gewaltverbrechens als im Rest der Vereinigten Staaten. Nirgends landen so viele Menschen im Gefängnis wie in Louisiana, nirgends ist die Armut erschreckender. Und wenn der Tourismus das große Zugpferd dieser Stadt darstellt, dann fließt der Profit vor allem an eine kleine exklusive Elite. Die Statistiken sprechen für sich: Obwohl fast zwei Drittel der Einwohner Afroamerikaner sind, gehören ihnen nur wenige Geschäfte in New Orleans. Von den rund acht Milliarden Touristendollar, die in der Stadt jährlich umgesetzt werden, profitieren vor allem alte weiße Männer. Im French Quarter etwa sind gerade mal vier Läden in schwarzer Hand. Viele Afroamerikaner arbeiten dagegen für Mindestlöhne in den großen Hotels. Es hängt also durchaus davon ab, auf welcher Seite man steht, um die Stadt als Goldgrube oder moderne Plantage wahrzunehmen.

  Sean Cummings, Hotelbesitzer und Großinvestor, gehört zu den Gewinnern des neuen New Orleans. Ziegelmauerwerk, riesige Glasfenster und karges Design prägen sein Loft in Bywater. Es ist Teil eines dreistöckigen Ware House aus dem Jahr 1892, das einst die größte Reismühle der Vereinigten Staaten war und heute als Leuchtturmprojekt für die Revitalisierung von Bywater gilt. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das noch vor 15 Jahren aussah“, sagt Cummings. Mit seiner zerschlissenen Jeans wirkt er kaum wie einer der reichsten Männern der Stadt. „In der Ruine hausten Obdachlose und Junkies, die Wände waren vollgeschmiert.“

  Auf eines der Graffiti – er hat es für viel Geld konservieren lassen – ist er aber stolz: Banksy sprühte hier 2008 zwei Uniformierte, die durch ein Fenster Elektrogeräte plündern. Ein Hipster-Eldorado sei hier am Entstehen: Die örtliche Akademie für Nachwuchsmusiker, Nocca, liegt gleich um die Ecke, und Cummings hat mehrere Blocks der Nachbarschaft renoviert: „Die Stadtverwaltung hat uns vorgegeben, einen Teil der Wohnungen für Sozialfälle bereitzustellen. Die Armen sollen sich von der Mittelklasse mitziehen lassen, denn nur so locken wir auch neue Geschäfte und Touristen an.“ Die Kriminalität sei deutlich gesunken, das Durchschnittshaushaltseinkommen gestiegen, die Schulen seien besser geworden. Dass für einige der alten Bewohner dennoch kein Platz bleibt, bestreitet er nicht. Der Markt könne nur denen helfen, die sich selbst helfen.

  Es ist nicht das erste Mal, dass New Orleans um seine Seele ringt: Schon im 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen, die Stadt zu „säubern“ und so Investoren anzulocken: etwa in den 1890erJahren, als man das Rotlichtgewerbe mit seinen zwielichtigen Bars und Musikkneipen in einen Bezirk nördlich des French Quarter verbannte. In diesem Storyville sollten bald wild improvisierte Klänge erschallen, denen der Ruch der Unmoral anhaftete: Jazz. Oder 1917, als bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein amerikanisches Militärcamp in der Stadt eröffnete: Um die als „skandalös“ erachteten sexuellen Kontakte zwischen Schwarz und Weiß zu unterbinden, wurde eine strikte Rassentrennung durchgesetzt und Storyville abgerissen.

  Der Jazz aber ließ sich nicht mehr aufhalten, nicht vom Umbau des French Quarter zum Freizeitpark nach dem Versiegen des Ölbooms in den Achtzigerjahren, nicht durch Polizeigewalt oder Korruption – sein rebellischer Spirit und schmutziger Funk wurde in den schwarzen Nachbarschaften informell weitergegeben. Zuletzt kamen weltweit gefeierte Acts wie Trombone Shorty, Christian Scott, die Rebirth und die Hot 8 Brass Band aus dieser Straßenschule. Musiker, für die der Jazz mehr bedeutet als bequeme Dinner-Unterhaltung. Für sie war diese Musik der Arschtritt, der sie vor der Kleinkriminellen-Karriere bewahrt hat, der sie überleben ließ, der sie selbst dann begleitete, als etwa Trombone Shorty seinen ermordeten Bruder zu Grabe trug, während der Vater Trompete blies und die Mutter auf dem Sargdeckel tanzte.

  Posaunen riffen, trunkene Trompeten jubeln, während Tuba und Becken einen Hip-Hop-Beat pumpen. Die Parade des Single Ladies Social Aid & Pleasure Club ist schon die dritte, die sich an diesem Wochenende ihren Weg durch die Rampart Street bahnt. Der Brass Band und den Ladys mit ihren Schirmen und Perücken folgt die sogenannte Second Line: Ein Pulk von Passanten, die auf mitgebrachte Töpfe trommeln, über Autos tanzen, sich besaufen, mit Wildfremden verbrüdern – und hoffen, dass es dieses Mal nicht wieder in einer Schießerei ausartet.

  Bennie Pete, Bandleader der Hot 8 Brass Band, stellt seine Tuba für einen Schluck Bier ab und erzählt: „Nirgendwo anders kann man so arm sein und sich gleichzeitig so reich fühlen wie in New Orleans. Du brauchst dazu kein Geld. Wenn du einer Second Line folgst, bist du selbst zu jemandem geworden, der die Kultur am Leben erhält.“ Pete ist ein Berg von einem Mann. Sein Blick aber wirkt müde. Bis zu drei Gigs am Tag spiele seine Band. Auf Paraden, Schulfeiern, in Clubs – und bei Beerdigungen für Jugendliche. „Diese Junggestorbenen hatten keine Chance zu leben.“ In den letzten 22 Jahren habe es mindestens tausend solcher „Jazzbegräbnisse“ gegeben.

  Die Hot 8 Brass Band erlangte auch dadurch traurige Berühmtheit. Vier Bandmitglieder hat sie bereits verloren – erschossen unter ungeklärten Umständen, teilweise durch Polizisten. Er denke die ganze Zeit daran aufzuhören, sagt Pete. Aber dann gebe es diese Dinge, die man an New Orleans lieben müsse: „Jeder in deiner Nachbarschaft wird dir jederzeit etwas zu essen anbieten oder ein Bett in seinem Haus. Da ist so viel Liebe. Wir haben kein Geld, um mit unseren Problemen zum Psychiater zu gehen. Aber wir haben die Musik.“

  Überall auf der Welt werde auf Begräbnissen getrauert. In New Orleans dagegen feiere man auch die guten Zeiten, die man mit dem Verstorbenen verbracht habe. „Wir tanzen auf ihn. Das ist ein Lebensstil. Weil wir von vorneherein akzeptieren, dass der Tod zu unserem Leben gehört.“ Dann schnallt sich der Bandleader der Hot 8 wieder seine Tuba um. Bläst einen gewaltigen Basslauf an. Die Tänzer strömen aus den benachbarten Kneipen, folgen ihm mit lautem Gejohle. Nichts fängt den Swing, den Schmerz und die Selbstbehauptung dieser Stadt besser ein als eine Second Line.

  Wer sich an dem Radau störe, sagt Pete, habe New Orleans nicht verstanden: „Wir müssen heute feiern. Weil wir morgen schon tot sein können.“

JONATHAN FISCHER

SZ 17.8.2019Hot 8 brass band

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