Anwältin menschlicher Seelen – Die Bücher dieser großen, musikalischen Dichterin prägten ganze Generationen schwarzer Autoren. Zum Tod der amerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison

Toni Morrison brachte zuvor kaum ausgesprochene Wahrheiten zu Papier. Schon ihr erster Roman „The Bluest Eye“ von 1970 machte deutlich, dass die afroamerikanische Schriftstellerin niemanden schonen würde: Ein junges schwarzes Mädchen namens Pecola Breedlove wird darin von ihrem Vater vergewaltigt – und nimmt sich vor, eine andere zu werden. Ihr schmerzlich unerreichbares Idol: Shirley Temple, der weiße Kinderstar ihrer Zeit. Die Geschichte brachte nicht nur den Schmerz und den unterdrückten Zorn derer, die unter einer rassistischen Gesellschaft leiden, auf den Punkt. Sie ließ auch die Ungeheuerlichkeiten durchscheinen, die schwarze Familien in den USA von innen zerstören konnten.

  Vor allem aber spielten Toni Morrisons Erzählungen immer auch universelle Motive aus. Hier schrieb keine schwarze Schriftstellerin für schwarze Leser über schwarze Menschen. Hier schrieb eine Seelenforscherin und Menschenrechtsanwältin über das menschliche Leiden und die Größe derer es bedurfte, um daran nicht zu zerbrechen.

  Morrison kam 1931 in Lorain, Ohio, als zweites von vier Kindern einer Arbeiterfamilie zur Welt. Ihren Namen Chloe Anthony Wofford änderte sie erst als Studentin der Howard University in Washington, D.C., Toni war einfacher auszusprechen. Den Nachnamen Morrison verdankte sie einer nach sechs Jahren geschiedenen Ehe mit einem jamaikanischen Architekten. Ihre Heimatstadt Lorain, ein ärmlicher, heruntergekommener Industriestandort im Mittleren Westen diente der Schriftstellerin später als Kulisse für mehrere ihrer Bücher. Als Kind erlebte sie eine Welt der physischen und der psychischen Rassentrennung. Ihr Vater habe keiner weißen Person getraut, sagte sie einmal. Sie selbst verdiente sich ein Zubrot als Haushälterin für bessergestellte weiße Familien.

  Erst durch ihre Arbeit in einer öffentlichen Bücherei kam sie mit Literatur in Kontakt. Sie begeisterte sich für die Klassiker von James Joyce bis Leo Tolstoi. Und nahm sich vor, den Namen- und Stimmlosen eine Stimme zu geben. Zunächst aber arbeitete sie Vollzeit als Lektorin beim Verlag Random House. Großartige Romane wie „Sula“ (1973) entstanden in Nachtarbeit. Die zweifache Mutter sah das Schreiben als Berufung, ihre vermeintlich doppelte Stigmatisierung als Schwarze und als Frau empfand sie als Herausforderung: „Wenn du den Blick des weißen Mannes – oder auch der weißen Frau – aus der Welt schaffst, herrscht plötzlich Freiheit“, sagte sie in einem Interview. „Du kannst alles denken, überall hingehen, dir alles vorstellen. Und du musst nicht mehr durch die Augen der Herren sehen“.

  Der weiße männliche Leser jedenfalls spielte für Morrison nicht die erste Geige. Oft porträtierte sie schwierige Frauenbeziehungen. Und brachte eine dezidiert weibliche Schreibweise hervor, die sich in der Rolle der Mutter, der ungeliebten Tochter und sehr oft auch der verstoßenen Frau ausdrückte. Sie griff auf übernatürliche, magische Seelenkräfte zurück, machte den Blues als metaphysisches Beziehungsmuster spürbar. Dabei benutzte sie Motive der schwarzen Folklore ebenso wie Elemente des magischen Realismus der Schule von Gabriel Garcia Marquez.

  Zuletzt in ihrem 2015 erschienenen Roman „God Save The Child“: Diese Leidensgeschichte einer jungen Frau, die sich für ihr Schwarzsein schämt, beziehungsweise von anderen beschämt wird, bleibt gerade heute, im Zeitalter von Bewegungen wie „Black Lives Matter“ und „Me Too“, von großer Bedeutung.

  Das Leben traf die Autorin ähnlich hart wie ihre Figuren. Nach dem Tod ihres Sohnes Slade Morrison, mit dem sie eine Reihe von Kinderbüchern herausgebracht hatte, hörte Toni Morrison beinahe auf zu schreiben. Dann aber, erzählte sie später, „dachte ich, ich würde ihn endgültig auslöschen, wenn ich wegen ihm alles niederlege“. Also schrieb sie weiter: Den Roman „Home“ (deutsch „Heimkehr“, 2012) über den Korea-Veteranen Frank Money, der zurückkommt nach Georgia und eine Welt des Wahnsinns vorfindet: Er verpasst eine Demonstration der gerade aufblühenden Bürgerrechtsbewegung, weil er keine Toilette findet, die Schwarze benutzen dürfen.

  Bei der Verleihung des Nobelpreises im Jahr 1993, der ihr als erster afro-amerikanischer Autorin zuerkannt worden war, lobte das Komitee ihre „visionäre Kraft und poetische Prägnanz“. Morrison habe ein „unbestechliches Ohr für den Dialog und die überschwänglich expressive Sprache des schwarzen Amerika“.

  Seit fast einem halben Jahrhundert war Morrison aus der amerikanischen und der Weltliteratur nicht wegzudenken. Als Autorin und als moralische Instanz. Mit ihren ergrauenden Dreadlocks, bunten Schals und der respekteinflößenden Aura großer Lebensweisheit wurde sie zur festen Größe von Talkshows und Politdiskussionen. Präsident Barack Obama nannte sie seine persönliche Heldin. Und verlieh ihr die Presidential Medal for Freedom, eine von vielen Auszeichnungen, die Morrison neben dem Nobelpreis für ihr Lebenswerk und den Roman „Beloved“ (deutsch „Menschenkind“) bekam. Dieser Roman bedeutete für sie 1987 den endgültigen Durchbruch. Eine späte Anerkennung – Morrison hatte da bereits fünf Bücher geschrieben, unter anderem „Song Of Solomon“ (1977) und „Tar Baby“ (1981). Bücher, in denen die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus den Hintergrund bildeten und die Fähigkeit des Menschen im Vordergrund stand, allen äußeren Umständen zu trotzen. Ihnen Haltung und Würde entgegenzusetzen. „Bücher haben eine ethische Verantwortung“, sagte Morrison einmal. Es waren Werkzeuge für sie, mit denen sich eine Gesellschaft und Kultur moralisch formen ließ.

  Jetzt ist Toni Morrison nach kurzer Krankheit gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt. Der Welt aber bleiben, so formulierte es ihre Freundin Maya Angelou, „die Einsichten einer großen Schamanin“.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.8.2019toni morrison

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