In der Stadt des Goldes: „Egoli“, das fantastische neue Album von Damon Albarns Afropop-Kollektiv „Africa Express“

Oft ist Ärger die beste Motivation. So war es zumindest bei Damon Albarn, nachdem er 2005 ein gefeiertes Wohltätigkeitskonzert im Londoner Hyde Park besucht hatte. Superstars wie Paul McCartney, U2, Sting oder Snoop Dogg waren da, um Geld für Afrika zu sammeln, bloß vom afrikanischen Kontinent war nur ein einziger Musiker eingeladen worden. War das nicht ein Zeichen westlicher Überheblichkeit und Ignoranz gegenüber all der großartigen Musik, die Albarn als Oxfam-Botschafter auf etlichen Reisen nach Afrika kennengelernt hatte?

  Bei einem anschließenden Pub-Besuch mit Musikerfreunden und Journalisten nahm eine von Albarns Lieblingsideen Gestalt an: „Africa Express“. Es sollte ein eine Plattform sein, auf der sich westliche und afrikanische Musiker auf Augenhöhe begegnen und austauschen könnten. Der Blur-Kopf wollte nicht nur den Ideenreichtum afrikanischer Musik erkunden und dem westlichen Pop auf die müden Füße steigen, sondern auch ein paar hartnäckige Vorurteile aus der Welt schaffen: Zum Beispiel dass Afrika nur Krieg, Korruption und Hunger bedeutet.

  2006 unternahm Africa Express seinen ersten Mali-Trip. Albarn reiste mit Produzenten und Musikern wie Fatboy Slim, Martha Wainwright oder Jamie T nach Bamako, um dort mit Salif Keita, Bassekou Kouyate und anderen lokalen Größen zu jammen. Im Gegenzug wurden afrikanische Nachwuchsmusiker zu gemeinsamen Konzerten nach Paris, London und auf große Festivals wie Glastonbury und Roskilde eingeladen, und zu Musikvideo-Drehs, Dokumentarfilmauftritten und Plattenaufnahmen.

  Der Einfluss von Africa Express auf die westliche Popkultur ist inzwischen kaum zu überschätzen. Die Musiker brachten von ihren Reisen nicht nur neue Ideen und Instrumente mit, sie bereiteten auch den Weg für bisher kaum denkbare Kooperationen. Etwa die zwischen der britischen Indiepop-Band Franz Ferdinand und dem senegalesischen Popstar Baaba Maal, Björk und Konono Nº1 aus Kinshasa; oder die von Paul Weller und dem englisch-äthiopischen Krar Collective. In den vergangenen Jahren bereiste Albarns bunte Gruppe unter anderem Äthiopien, Nigeria und den Kongo und rieb sich dabei vorzugsweise an traditionellen Spielarten afrikanischer Musik. Nun stand Johannesburg auf dem Plan. Ein Ort, an dem schon lange eigene House- und Techno-Varianten sowohl in den Clubs als auch in den Shebeens genannten Bierbuden von Soweto gespielt werden.

  „Egoli“ heißt das Album, das daraus hervorging. Egoli ist der Zulu-Name für Johannesburg und bedeutet Stadt des Goldes. Fünf Tage lang jammten über drei Dutzend südafrikanische und westliche Musiker im Midrand Distrikt nach dem Prinzip „Bastel dir einen Song mit wem auch immer du willst“. Dazu standen insgesamt 27 Hütten bereit, in denen sich Spiel-, Sing- und Produktionspartner gesucht werden konnten. Am Ende sind 18 dieser Aufnahmen auf dem Album gelandet. Es klingt zugänglicher als alle bisherigen, oft eher an unfertige Demos erinnernden Africa-Express-Veröffentlichungen. Diesmal ist es ein ganz großer Pop-Wurf. Vielleicht auch, weil Albarn – seine Lebensgefährtin kommt aus Südafrika – sich schon sehr lange mit der Clubmusik des Landes beschäftigt. Vielleicht aber auch, weil er Africa-Express-Veteranen wie Nick Zinner von der New Yorker Rockband Yeah Yeah Yeahs oder Gruff Rhys von den Super Furry Animals an Bord hatte. Ganz sicher aber wegen einer musikalischen Querverbindung: südafrikanischer Rhythm’n’Blues, Kwaito oder die House-Variante Gqom variierten stets die afroamerikanischen Vorbilder und entwickelten dabei eine ähnliche eigenständige Dynamik wie die britischen Elektro-Genres Jungle, Dubstep oder Grime.

  Insofern trafen die jungen Londoner in Damon Albarns Gefolge, etwa die Hip-Hop-Soul-Vokalistin Georgia oder Grime-Rapper Ghetts, auf ganz andere und doch geistesverwandte Sound-Welten.

  Ebenso experimentierfreudig zeigten sich die südafrikanischen Musiker. Darunter Moonchild Sanelly, eine zierliche junge Sängerin mit blauer Perücke, die eine der großen Entdeckungen auf „Egoli“ ist. „Sie ist eine Naturgewalt“, schwärmte Albarn nachdem er unter anderem den Song „I Can’t Move“ mit ihr produziert hatte, „ihre Stimme klingt unverwechselbar, und sie hat ein Gespür für kollektives Improvisieren.“ In Südafrika gilt Moonchild Sanelly, die nebenbei eine Modelinie betreibt und sich selbst als „Präsidentin des weiblichen Orgasmus“ bezeichnet, als ein punkiger Paradiesvogel mit den Kernkompetenzen weibliche Selbstermächtigung, weibliche Lust und sexuelle Gesundheit. So zumindest beschreibt sie ihr Blog: „Ein Teil Xhosa-Rap-Rebellin, ein Teil Ghetto-Funk-Star, ein Teil Cookie-Monster“.

  Auf dem minimalistisch pumpenden „Sizi Freaks“ gibt sie dazu passend Ratschläge der Art „bürste die Eier, aber zerdrück sie nicht“. Bemerkenswert auch die elektronischen Beats, mit denen lokale Produzenten wie DJ Sibot, DJ Spoko oder FAKA – zwischen akustischen Balladen, Rhythm’n’Blues-Nummern und Bubblegum-Pop – immer wieder dieses besondere, schmutzig-knisternde Funkeln erzeugen, den Sound des modernen Südafrika.

  Albarn führte bei den Aufnahmen mindestens drei Generationen von Musikern zusammen. Auch die Mahotella Queens sind dabei, es gibt sie seit 1964 gibt. Auf dem Schlusssong „See The World“ singt er mit ihnen. Ihre Harmonien befeuern – mit Georgia, Nick Zinner und dem südafrikanischen Produzenten Otim Alpha – auch „City Lights“. Ein famoser Song, der die Melancholie des südafrikanischen Vokal-Pops mit Synthie-Beats verbindet. Monströs eingängig. Da könnte sich Damon, der sich zugunsten der südafrikanischen Kollegen meist in die zweite Reihe stellt, noch etwas für das nächste Gorillaz-Album abgucken. Auch die meisten seiner westlichen Komplizen halten sich auffällig zurück. Reisen als Raum für neue Begegnungen, Bewusstseinserweiterung, unbezahlbare Ideenbörse – war das nicht von Anfang an die Idee hinter der Non-Profit-Organisation Africa Express?

  Für Unruhe sorgten nur die Social-Media-Posts von zwei britischen Africa-Express-Mitgliedern, die sich über die vertragliche Abtretung ihrer Rechte an der in Johannesburg kreierten Musik beschwerten. „Kolonialismus im 21. Jahrhundert“, schimpfte etwa Yannick Ilunga aka Petite Noir. Ein britisches Boulevardblatt griff die Vorwürfe auf. Und Damon Albarn stand als vermeintlicher Ausbeuter da.

  Africa Express stellte daraufhin öffentlich klar, dass man für westliche Musiker zwar lediglich die Reisekosten übernehme, die afrikanischen Kollegen aber sehr wohl bezahlt würden. Alle Profite gingen „allein an die Künstler und die Förderung afrikanischer Musik“. In einem Interview mit der Boulevardzeitung The Sun erklärte Albarn die Ziele von Africa Express als eine Art musikalisches Gegenprogramm zum Brexit-Populismus: „Was wir heute mehr als je brauchen ist es zu kommunizieren und emotionale Verbindungen herzustellen.“ Man habe angesichts von 54 afrikanischen Ländern mit insgesamt 1,2 Milliarden Menschen erst an der Oberfläche gekratzt. Warum nicht als nächstes nach Angola? Oder Mauretanien? Sein größter Traum aber sei es, afrikanische Musiker auf einem Schaufelraddampfer den Mississippi hochfahren zu lassen: „So könnten sie in die Fußstapfen ihrer Vorfahren treten, die einst den Blues mitbrachten.

JONATHAN FISCHER

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