Löcher im Rhythmus – Architekt des New-Orleans-Funk und Wegbereiter des Hip-Hop: Der Sänger, Keyboarder und Songwriter Art Neville ist tot

Man muss den Namen Art Neville nie gehört haben, um seine Musik zu kennen. Wer hat nicht schon auf die Rare Grooves der Meters, den Down-South-Soul der Neville Brothers oder eine der zahllosen Hip-Hop-Nummern getanzt, die die schmutzigen Synkopen des Sängers und Keyboarders samplen? Wenn die Essenz der Musik aus New Orleans – mit ihrem Backbeat, den subtilen Gegenrhythmen, ja dem ganzen Straßen-Jazz – sich nach Afrika zurückverfolgen lässt, dann waren es Musiker wie Art Neville, die dieses Gefühl Ende der Sechziger in die Hip-Hop-Zukunft katapultierten, indem sie es abspeckten und verlangsamten. Mit seiner Band, den Meters, perfektionierte Neville die Kunst, große Löcher in den Rhythmus zu reißen und Spannungsbögen aufzubauen, die die Tänzer nicht nur anschoben, sondern sie an den Eingeweiden packten. Ins Stammhirn rauschten. Funk eben.

  Wie alle großen Musiker aus New Orleans setzte auch Art Neville weniger auf Technik als auf Gefühl: „Ich spiele technisch gesehen falsch“, bekannte er einmal, „eher suche ich nach einer bestimmten Art von Effekt. Organisierte Freiheit. Nach diesem Prinzip kochen die Meters unterschiedliche rhythmische Ideen zusammen“. Der älteste Spross einer Musikerfamilie – auch Arts Brüder Charles, Aaron und Cyril sollten später berühmt werden – begeisterte sich als Teenager für den Pianisten Professor Longhair. Er kopierte Fats Domino. Und nahm 1954 als Leadsänger und Keyboarder der Hawkettes seinen ersten Hit auf: „Mardi Gras Mambo“. Es folgten Touren mit Ray Charles und Larry Williams und recht konventionelle Solo-Aufnahmen für Allen Toussaint. Auf der Suche nach einem frischen Dreh gründete er Mitte der Sechziger Neville Sound, eine Band, die sich später in The Meters umbenennen sollte. Mit Leo Neocentelli an der Gitarre, Bassist George Porter und Schlagzeuger Joseph „Zigaboo“ Modeliste experimentierte Art in örtlichen Clubs und im Studio. Die Band befeuerte unter anderem Lee Dorsey-Hits wie „Ride Your Pony“ oder „Get Out My Life Woman“. Ihre große Stunde schlug 1969: Der Zeitlupen-Funk von Singles wie „Sophisticated Cissy“, „Cissy Strut“, „Ease Back oder „Look-ka Py Py“ machte die Band über Nacht berühmt. Wenn der Pianist Professor Longhair laut Dr. John als Messias des Funk galt, dann waren Art und seine Jungs dessen Jünger. Das Billboard-Magazin nannte die Meters die „beste Instrumentalgruppe des Rhythm’n’Blues“. Ihre unwiderstehlichen Rhythmen waren auf Hits von Dr. John („Right Place Wrong Time“), Patti Labelle („Lady Marmalade“) und Robert Palmer („Sneakin‘ Sally Through The Alley“) zu hören. Unter eigenem Namen veröffentlichten sie unter anderem das Funk-Album „Rejuvenation“ und eröffneten 1975 und 1976 Tourneen der Rolling Stones. „Die Meters konnten jede Band im ganzen Land von der Bühne fegen“, konstatierte damals ein Kritiker. Kurz danach brach die Band auseinander. Die Meters hatten – typisch New Orleans – kaum etwas an ihren Platten verdient. Erst Mitte der Achtziger gelang der Durchbruch. Als Neville Brothers mischte er mit seinen drei Brüdern Jazz, Soul, Mardi Gras Indian und Funk-Einflüsse und tourte dank Hits wie „Yellow Moon“, „Sister Rosa“ oder „Brother’s Keeper“ fast drei Jahrzehnte lang um die Welt. Am Montag ist „Poppa Funk“ für immer von der Bühne abgetreten. Er wurde 81 Jahre alt. New Orleans hat – nach Dr. John – eine weitere Legende verloren. Art Nevilles Musik aber bleibt: Als Urmeter, körperlich wirksame Essenz, an der Funk für alle Zeiten gemessen werden kann.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.7.2019

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