Der Mann mit den goldenen Ohren – Dank Chris Blackwell und seinem Label Island Records wurde Jamaica zur musikalischen Grossmacht

Chris Blackwell ist ein Mann, der nicht viel Aufhebens um sein Äusseres macht. Dreitagebart, zerknautschtes Poloshirt, Cargo-Pants und Sandalen. So steht er an der Bar seines «Golden Eye Resort», schlürft einen schwarzen Kaffee, während westafrikanische Vintage-Klänge aus den Lautsprechern schallen. King Sunny Ade, Salif Keita, Angélique Kidjo – Musiker, die Blackwell einst für die Pop-Welt entdeckte, lange nachdem er einen gewissen Robert Nesta Marley zur weltweiten Ikone oder, wie es Blackwell ausdrückt, «zum Bob Dylan Jamaicas» gemacht hatte.

«Ich bin nicht mehr im Musikbusiness», sagt der 82-Jährige. «Früher habe ich Jamaica in alle Welt exportiert, jetzt möchte ich die Menschen hierhin locken.» Sein Resort in der Nähe von Orcabessa an der Nordostküste der Insel ist eines von drei Hotels, die Blackwell betreibt. Die Gäste, die gut 700 Euro für eine Übernachtung in einer der vollklimatisierten Hütten an der Lagune berappen, sind meist James-Bond-Fans: Auf dem Hotelgelände finden sich nämlich ein simpler Bungalow, in dem Ian Fleming die Drehbücher der 007-Filme schrieb, und überdies Original-Filmschauplätze. Das ist kein Zufall: Blackwells Mutter war Flemings Geliebte. Und er selbst habe auch kurz mit einer Filmkarriere geliebäugelt, erzählt der spätere Musikproduzent. Tatsächlich arbeitete er als Location-Scout und Produktionsassistent für den ersten Bond-Film, «Dr. No».

Mehr noch als das Kino aber fesselte Chris Blackwell – «praise Jah!» – die Musikszene seiner Heimat. Als das heutige Hotelgelände Mitte der 1970er Jahre nach dem Selbstmord von Flemings Sohn zum Verkauf stand, galt Chris Blackwell bereits als internationaler Plattenmogul. Ein Macher, der Trends früher witterte als andere – oder aber selber setzte. So hatte er 1963 mit der 15-jährigen Jamaicanerin Millie Small «My Boy Lollipop» produziert, eine Nummer 2 der britischen Charts und mit rund sechs Millionen verkauften Singles der erste jamaicanische Exportschlager. Nur ein Jahr später nahm Blackwell die Spencer Davis Group mit Steve Winwood unter Vertrag.

Blackwells Label Island Records galt plötzlich als hippste Adresse für progressiven Pop. Und bald meldete sich bei ihm auch das Gros des britischen Psychedelic-Rock und der Folkszene. Fairport Convention, Nick Drake und Cat Stevens unterschrieben bei Island Records – ebenso wie die Velvet-Underground-Veteranen Nico und John Cale, Punk-Acts wie Ultravox oder The Slits.

Seine grösste Leidenschaft allerdings blieb Jamaica: «Diese Insel ist unvergleichbar», sagt er. «Wo findet man sonst so viele Weltklassemusiker unter gut zwei Millionen Einwohnern?» Zu den jamaicanischen Weltklassemusikern zählen Bob Marley, Jimmy Cliff, Peter Tosh, Sly & Robbie oder Grace Jones. Ob wir ohne Island Records je von ihnen gehört hätten? Als die Rock and Roll Hall of Fame Blackwell 2001 aufnahm, würdigte sie ihn jedenfalls als «die Person, die am meisten dafür getan hat, die Welt für Reggae zu begeistern».

Der Sohn eines Rum- und Lebensmittelfabrikanten aus der jamaicanischen Oberschicht bewegte sich früh schon in zwei Welten – in der schwarzen Unterschicht ebenso wie im Bürgertum. Als Bestücker örtlicher Jukeboxes besuchte er die Ghettos von Kingston und lernte dabei, das Patois der einfachen Leute zu sprechen. Später belieferte er auch die sogenannten Soundsystems: Die Musikszene Jamaicas wurde lange von den Soundsystems – grossen, beweglichen Musikanlagen samt ihren DJ – und den von ihnen befeuerten Dancehalls – Freiluftpartys – geprägt.

Immer wenn Blackwell nach New York reiste, brachte er die neuesten Rhythm’n’Blues-Singles nach Hause mit. Er wusste, was in den Dancehalls gut ankam. Oft waren es Scheiben von Atlantic Records, die er den Soundsystems mit saftigem Aufschlag verkaufte, nachdem er zuvor das Karton-Label abgelöst hatte. So blieb die Konkurrenz im Unklaren über die Herkunft der Platten.

Warum aber alles importieren? Vor sechzig Jahren gründete der damals 21-jährige Chris Blackwell mit elterlichem Kredit seine eigene Plattenfirma und taufte sie nach Alec Waughs Roman «Island In The Sun». «Statt dem bisher üblichen Calypso-Touristenkram wollte ich für die Partys vor Ort etwas in der Art von Laurel Aitkens ‹Boogie In My Bones› produzieren.» Aitken hatte den Backbeat aus New Orleans, wie ihn die Leute vom Radio kannten, mit jamaicanischem Flow präsentiert. So entstand durch eine rhythmische Akzentverschiebung der jamaicanische Musikstil Ska. Als sich Ska Mitte der 1960er Jahre verlangsamte, sprach man dann von Rocksteady. Und Rocksteady wiederum mutierte zu Reggae – einer Sound-Revolution, der Blackwell bald seinen eigenen Stempel aufdrücken sollte.

Zunächst aber profitierte er vom britischen Markt. Blackwell hatte den Ableger Trojan Records als Import-Plattform gegründet. Er lizenzierte die Hits aller namhaften jamaicanischen Produzenten und lieferte die Singles persönlich bei den Mom-and-Pop-Läden der jamaicanischen Exilgemeinde in England aus. Das beeinflusste auch die britische Musikszene. Weder Eric Claptons «I Shot The Sheriff» noch Mick Jaggers Reggae-Ausflüge wären ohne Blackwells Einfluss denkbar gewesen.

Die Kraft des Reggae liege darin, dass er nicht nur Musik biete, schrieb einst der jamaicanische Historiker Herbie Miller, sondern eine komplette Identität, die Solidarität und Erlösung verspreche. Rasta-Musiker wie Bob Marley, Peter Tosh oder Burning Spear transportierten die Botschaft des Reggae in ihren Gesängen. Doch erst Chris Blackwell entdeckte das internationale Potenzial dieser Musikkultur.

«Ich glaube nach wie vor an die Botschaft von Bob Marley und den Rastas. Wir brauchen Musik, die das gesellschaftliche Bewusstsein der Menschen anspricht – gerade heute in den Zeiten von Trump», sinniert der Musikkenner und nippt an seinem Kaffee. Seinen eigenen Ruhm verdankte Chris Blackwell Bob Marley wie keinem anderen. Alle klassischen Marley-Alben aus den 1970er Jahren hatte er koproduziert. «Bob Marley lernte ich als charismatischen Sänger von Liebesliedern kennen», erinnert er sich heute. «Aber er hatte bereits diese Rebellen-Persönlichkeit in sich. Ich musste ihn lediglich darin bestärken.» Später wollten dann auch viele Rockbands zu Island Records, weil sie sich mit dem Rebellen-Image des Labels identifizierten.

Blackwell hatte 1963 bereits Marleys Song «Judge Not» international vertrieben. Aber erst als der Reggae-Sänger Jahre später von seinem Manager nach einer Schweden-Tournee mittellos in London sitzen gelassen worden war, entwickelte sich fast zufällig eine nähere persönliche Beziehung. Marley bat Blackwell damals um einen Kredit, und dieser drückte dem jungen Sänger 4000 Pfund bar in die Hand – auf das mündliche Versprechen einer musikalischen Gegenleistung hin. «Alle meine Mitarbeiter dachten, ich sei auf einen Aufschneider hereingefallen», erzählt Blackwell. Als er Marley aber ein paar Monate später in Jamaica aufsuchte, hatte dieser das Versprechen eingehalten und für Island Records die Songs «Stir It Up», «Slave Driver» und «400 Years» aufgenommen – sie sollten die Grundlage für sein Debütalbum, «Catch A Fire», von 1973 bilden. Wobei Blackwell die Aufnahmen im Londoner Studio mit rockigen E-Gitarren nochmals neu abmischte. «Ich wollte mit Reggae eben auch ein Rock-Publikum erreichen.»

Der Erfolg liess auf sich warten. Kommerziell erwies sich «Catch A Fire» zunächst als Flop. Blackwell schreckte das nicht ab. Mit Island Records versuchte er ohnehin, Musiker langfristig aufzubauen, statt auf schnelle Hits zu setzen. Das Konzept hat sich rückblickend ausbezahlt. Nonkonformisten wie Tom Waits, The Pogues oder Brian Eno sorgten auch für kommerzielle Erfolge – das galt insbesondere für eine Band, die zuvor von allen Major-Plattenfirmen abgelehnt worden war: U2. Blackwell arbeitete oft auch mit unorthodoxen Mitteln. So brachte er ein Model namens Grace Jones, das ihm ein paar «laienhafte Allerwelts-Pop-Songs» geschickt hatte, mit der Avantgarde jamaicanischer Session-Musiker zusammen. Dann hängte er ein überlebensgrosses Grace-Jones-Porträt, das die Sängerin mit Bürstenschnitt zeigt, ins Studio und befahl: «Die Musik soll so klingen wie dieses Bild – tough, cool, amazonenhaft!»

Wie erkennt man ein musikalisches Talent? «Die Magie einer Aufnahme, was sie auslöst und warum Menschen sich von ihr angesprochen fühlen, kann ich bis heute nicht erklären», meint Blackwell und trommelt mit den Fingern den Afrobeat nach, der aus den Boxen der Strandbar dringt. Sein Vorbild sei Ahmet Ertegun gewesen, der Gründer und Produzent von Atlantic Records: ein Laie, der seine musikalischen Wissenslücken durch Leidenschaft wettmachte.

1997 verkaufte Blackwell Island Records an die Universal Music Group. Der Betrieb war ihm zu gross und zu unpersönlich geworden. Der veränderte Musikmarkt erlaubt es auch nicht mehr – wie einst mit U2 –, fünf Alben lang auf den Durchbruch eines Künstlers zu warten. Stattdessen eröffnete Blackwell eine Reihe von Hotels in Miami und der Karibik. Und brachte in Jamaica seinen eigenen Rum auf den Markt: Blackwell Black Gold – eine Rückkehr zu den Wurzeln seiner Familie.

Die heimische Musikszene aber liegt dem 82-Jährigen nach wie vor am Herzen. Bedauert er, dass nach Marleys Tod im Jahre 1981 der einst so sozialkritische jamaicanische Pop in Richtung anzüglicher Partynummern abdriftete? Blackwell zuckt mit den Schultern. «Heute höre ich voller Ehrfurcht junge Reggae-Sänger wie Protoje oder Chronixx. Und inspiriert Bob Marley nicht immer noch junge Protestmusiker aus Afrika und aller Welt?» Auf den Einwand, die Jugend Jamaicas habe viele Musikerlegenden bereits vergessen, lächelt er nachsichtig. «Wir Jamaicaner ruhen uns eben nie auf unserer Vergangenheit aus. Das ist unsere Stärke.» Dann verabschiedet er sich plötzlich mit festem Handschlag. Er müsse jetzt eben zum Nachmittagstee zu seinem Rasta-Nachbarn. «Wir philosophieren täglich über Mensch und Natur und Jamaica.»

JONATHAN FISCHER

NZZ 8.6.2019blackwell marley

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