Nairobi brummt – Afropopkolumne

Als 2001 die erste „Nigeria 70“-Kompilation auf dem englischen Connoisseur-Label Strut Records erschien, kam das einer Sensation gleich: Nicht nur für Afropop-Aficionados öffnete sich eine Tür zu einem kaum erschlossenen Alchemisten-Universum. 18 Jahre später erscheint die vierte Folge der Serie unter dem Titel „Nigeria 70 – No Wahala: Highlife, Afro-Funk & Juju 1973-1987“. Sie wirft einen Blick auf das nächste Jahrzehnt: Offensichtlich hatten lokale Musiker viel Spielraum wenn es darum ging, James Brown und andere Soul- und Jazz-Vorbilder zu reafrikanisieren. Bravourös demonstriert das etwa „Oni Suru“ von Odeyemi. Eine gewagte Melange aus Achtziger-Synthesizern, dreckigen Bläsersätzen und gleißenden Gitarren. Ebenso gut ist der federleichte Highlife-Groove von Prince Nico Mbarga und seiner Band Rocafil Jazz. Mal geht es wie in „Sickness“ um die naiv anmutende Bitte, Gott möge einem angesichts des allgegenwärtigen Todes verzeihen, Songs wie „Africa“ beschwören die panafrikanische Solidarität. Funk jedenfalls wird hier noch einmal ganz neu buchstabiert: Das fängt mit so wunderbaren Bandnamen wie Rogana Ottah and his Black Heroes oder Felixson Ngasia and The Survivals an und endet noch längst nicht bei jazzigen Trompeten, Samba-Anleihen und psychedelischen Afro-Soul. Nein, dieser Soundfluss überrascht ständig, verästelt und verunreinigt sich auf interessante Weise. Und überzeugt gerade wegen seinem schmutzigen Klangbild. Was langweilt schon schneller als eine polierte Produktion?

Genau hier liegt der Schwachpunkt des neuen Youssou N’Dour-Albums „History“ (naive/believe). Senegals ehemaliger Kulturminister kehrt mit 59 zu seiner ersten Liebe zurück: Dem Mbalax, der Schlagermusik seines Landes, die der Sänger einst mit seiner Band Super Etoile de Dakar auf die Weltkarte des Pop setzte. Mit seiner hohen klagenden Stimme, dem honigsüßen Melisma, das selbst Bayern-3-Hörer von Hits wie „7 Seconds“ oder Peter Gabriels „In Your Eyes“ kennen, kann der „König des Mbalax“ eigentlich nichts falsch machen. Denkt man. Zumal er seine alte Band an der Seite hat. Wir hören treibende polyrhythmische Percussion-Teppiche, unter denen melancholische Melodien liegen, eine Neuauflage alter Hits wie etwa „Salimata“ und „Ay Coono La“. Dazu zwei unveröffentlichte Songs Babatunde Olatunjis, in denen N’Dour den Gesang der verstorbenen nigerianischen Trommler-Legende ergänzt. Warum aber der Begleitung von Handtrommeln, Gitarren und Saxofonen eine Produktion überstülpen, die so farblos und steril wirkt, als gelte es, die Flughäfen und Supermärkte dieser Welt zu beschallen? „Es ist gut seinem Vater zu ähneln“, hat Youssou N’Dour einmal erklärt „aber es ist noch besser seine Epoche zu spiegeln“. Aus diesem Grund wohl duettiert er mit jungen R’n’B-Sängerinnen der schwedischen Afrodiaspora wie Mohombi oder Seinabo Sey und lässt sich stellenweise sogar zu metallischen Autotune-Effekten verleiten. Was für eine Verschwendung dieser großartigen Stimme!

Wie aktuelle Club-Moden und Lokalkolorit zusammengehen zeigt ein neuer Sampler auf Outhere Records. Wobei Sampler eigentlich etwas zu kurz greift: „#NuNairobi – Kenya’s Music Hub“ ist einerseits ein Wegweiser zu den Musikclubs, Kultur-, Kunst- und Modezentren der kenianischen Hauptstadt und andererseits eine Webseite – www.nunairobi.com – die einige der wichtigsten Bands der City vorstellt. Nairobi, das ist nach wenigen Klicks klar, brummt gerade vor kreativer Energie: Angesichts einer aufstrebenden Mittelklasse, einer vielversprechenden Tech-Szene und dem Revival von Live-Clubs geht es wieder darum, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen. Ob als Remix, Sample oder Teil eines neuen Beats: diese Clubmusik überrascht mit Benga, Swahili-Disco und den silbrig klingelnden Gitarren des Pop der Unabhängigkeits-Ära. Georg Milz von Outhere hat vor Ort recherchiert und die Geschichten der Musiker in physische und digitale Landkarten sowie ausführliche Liner Notes gepackt: Darunter die mondäne Electro-Pop-Künstlerin Muthoni The Drummer Queen, Octopizzo, ein aus dem Ghetto von Kibera kommender Rapper und Gesellschaftsaktivist, oder die exil-somalischen Hip-Hop-Stars Waayaha Cusub. Pop lässt sich hier kaum von Politik trennen. Viele der Künstler nehmen auf witzige Art die Korruption aufs Korn. Spektakulär die Karriere von Bonoko: Er wurde berühmt, nachdem er als Augenzeuge in einem Netz-Video über Polizeigewalt berichtete. Nun rappt er auf Sheng, dem Street Slang von Nairobi. „#NuNairobi“ strahlt einen ansteckenden Optimismus aus. Ein Vorbild-Projekt. Wann nimmt sich Outhere die nächste afrikanische Metropole vor?

JONATHAN FISCHER

SZ 18.6.2019

nunairobi

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