„WIR SIND DIE GRÖSSTEN KÄMPFER FÜR DIE DEMOKRATIE“ Wie überleben malische Musiker die Krise? Der Ngoni-Meister Bassekou Kouyate über Islamismus, Korruption, Blues-Verwandtschaft und die Jahrtausende alte Kraft seiner Musik

Bassekou Kouyate gehört zu den erfolgreichsten Musik-Exporten Malis. Als Spross einer Griot-Familie hat er das Spiel mit der traditionellen Ngoni-Laute revolutioniert und Verbindungen mit Blues, Jazz, Rock und Latin gesucht. Sein Debutalbum „Segu Blue“ brachte ihm 2008 die Auszeichnung der BBC als „afrikanischer Künstler des Jahres“ ein. Seitdem tourt er mit seiner Band Ngoni Ba, der unter anderem seine Frau Amy Sacko und sein Sohn Madou angehören, um die Welt. Soeben ist auf Outhere Records sein fünftes Album erschienen: „Miri“, eine Platte, auf der Kouyate das Bild einer verwundeten Gesellschaft zeichnet. Jonathan Fischer sprach mit ihm in Bamako.

Bassekou Kouyate, Ihr neues Album klingt im Vergleich zu den Rock-Experimenten der Vergangenheit ruhiger und auch ein wenig melancholisch. Was hat Sie veranlasst zu Ihren Wurzeln zurückzukehren?

Als ich „Miri“ aufnahm, war gerade meine Mutter gestorben. Ich ging zurück in mein altes Dorf nach Garana, wohnte in dem leeren Haus, und sinnierte am Ufer des Niger über meine und die Zukunft Malis. Dort schrieb ich auch die neuen Songs, während ich auf das Wasser schaute. Man spürt ihnen diese Ruhe an. Deswegen habe ich auch traditionellere Arrangements gewählt.

Ihr Album ist nicht nur eine Hommage an Ihre verstorbene Mutter, Sie besingen auch die Werte, die Sie Ihnen beigebracht hat…

Meine Mutter hat viel für den Dorffrieden getan. Wenn sich Paare stritten, bot sie sich stets als Vermittlerin an. Diplomatie, das ist eine Qualität, die uns Malier auszeichnet. Songs wie „Wele Ni“ oder „Konya“ beschwören die traditionellen Stärken der malischen Gesellschaft: Bisher haben wir es immer geschafft, Probleme gemeinsam zu diskutieren, uns zu verzeihen und Kompromisse zu schließen. Wir sind schließlich eine Demokratie. Auf der anderen Seite bedroht uns all die Korruption. Die Gewalt. Und der Neid auf diejenigen, die es aus eigener Kraft zu etwas gebracht haben. Haben wir wirklich vergessen, was wir zu verlieren haben?

Hat Mali nach dem Militärcoup von 2012, der zeitweiligen Besetzung des Norden Malis durch Dschihadisten und der Wiedereinsetzung einer demokratischen Regierung noch immer nicht zur Rechtsstaatlichkeit zurückgefunden?

Schauen Sie nur an, wie unser Präsident IBK (Ibrahim Boubacar Keita) sich bereichert. Was macht er für die Menschen, die ihn gewählt haben? Seine Söhne sind inzwischen alle Milliardäre, aber viele Malier wissen nicht mal wie sie ihre Familien von Tag zu Tag ernähren können.

Vor sieben Jahren sind viele Musiker aus dem Norden in den Süden geflohen, da die Islamisten sie mit dem Tod bedrohten. Festivals und auch Live-Clubs wurden geschlossen. Hat sich die Situation seitdem verbessert?

Nein, leider nicht. Die Situation im Norden ist immer noch ziemlich unsicher. Auf dem Land hat die Regierung die Kontrolle verloren: Dort zwingen Islamisten die weltlichen Schulen zur Schließung, unterbinden das Feiern traditioneller Hochzeiten und entführen Kinder, die dann zu Selbstmord-Attentätern herangezogen werden. Das Schlimmste aber dabei: Unsere Politiker tun nichts, sie interessieren sich nur für die eigenen Geschäfte. Deswegen appelliere ich an alle, die unserem Land helfen wollen. Gebt das Geld nicht der Regierung. Lasst es lieber über NGOs und vertrauenswürdige Privatpersonen laufen.

Wie überleben die Musiker in dieser Situation?

Wir Musiker leiden enorm. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Möglichkeit habe, im Ausland zu touren und so für meine Familie zu sorgen. Aber ich kenne viele Kollegen, die nichtmal ihre Miete zahlen können oder das Schulgeld ihrer Kinder, weil sie keine Arbeit haben.

Auch mit Aufnahmen lässt sich nichts mehr verdienen: Denn aufgrund der Piraterie bleibt den Musikern am Ende nichts.

Andererseits gilt Mali als Wallfahrtsort für westliche Musiker. Unter anderem Damon Albarn und Robert Plant pilgern immer wieder hierher. Sie standen auch schon mit Paul Mc Cartney und dem Jazzpianisten Joachim Kühn auf der Bühne. Verstehen Sie die Faszination des Westens für Ihre Musik?

Ich stamme von väterlicher wie auch mütterlicher Seite aus einer Familie von Djelis (malische Bezeichnung für Griots) und kann die Linie meiner Vorfahren bis vor Christi Geburt nachverfolgen. Bereits als Zehnjähriger lernte ich die Songs und Geschichten von meinem Vater. Und der wiederum von seinem Vater und so weiter. So eine Tausende Jahre alte Tradition ist mit viel Kraft aufgeladen. Nicht umsonst heißt es, der Blues stamme letztendlich aus Mali. Unsere pentatonische Musik kam mit den Sklaven nach Marokko und an den Mississippi.

Viele Ihrer neuen Songs wie etwa „Nyame“ haben tatsächlich ein starkes Blues-Feeling. War Ihnen die musikalische Verbindung zwischen Niger und Mississippi schon immer bewusst?

Nein, darauf brachte mich erst Taj Mahal. Als ich 1990 meine erste Tour durch Nordamerika machte, jammten wir zusammen bei einer Radiostation in Tennessee. Taj fragte mich: Kennst du den Blues? Als ich vernennte, meinte er: Aber du spielst den Blues. Später fiel mir dann auf, wie verwandt etwa der pentatonische Blues John Lee Hookers mit der Tradition der Bambara klingt. Nur hat die Griot-Musik traditionell eine andere Ausrichtung: Es ist unsere historische Aufgabe, die Bambara-Könige und ihre Taten zu preisen.

Wie passt es da zu Ihrer überlieferten Rolle, Politiker und gesellschaftliche Missstände zu kritisieren?

Meine Vorbilder sind immer noch mein Vater und Großvater. Sie fürchteten sich nicht vor den Autoritäten und stellten den 1968 durch einen Putsch an die Macht gekommenen Präsidenten Moussa Traora mit einem kritischen Song zur Rede. Nur dass ich mich als Griot diplomatisch ausdrücken muss. Die jungen malischen Rapper haben da viel größere Freiheiten: Es imponiert mir, wie etwa Master Soumy kein Blatt vor den Mund nimmt und die Korruption von Regierung und Polizei beim Namen nennt. Das ist heute wichtiger denn je.

Auf Ihrem neuen Album lassen sie neben bekannten malischen Kollegen wie Habib Koite und Abdoulaye Diabate auch die kubanischen Rapper von Madera Limpia mitspielen. Ein Zugeständnis an die jüngere Generation?

Wir haben in Mali seit den 60er und 70er Jahren viele kubanische Rhythmen in unsere Musik übernommen. Eigentlich dachte ich an einen der Musiker des Buena Vista Social Club, mit denen ich bereits auf dem „Afrocubism“-Album zusammengespielt hatte. Aber dann hören meine Söhne diesen neuen Afrobeats-Rap. Und Jay, der Boss meiner Münchner Plattenfirma Outhere Records, stellte den Kontakt zu den Rappern aus Guantanamo her.

Sie waren der erste Musiker in Mali, der die traditionelle Ngoni von der bloßen Begleitung zum Leadinstrument revolutioniert und mit elektronischen Effekten verstärkt hat. Haben Sie da nicht Gegenwind bekommen?

Mein größter Kritiker war mein Vater: Als ich es wagte, populäre Gitarren-Riffs auf der Ngoni nachzuspielen, rief er mich zu sich: Diese Gitarre ist nur ein billiger Abkömmling der Ngoni.

Aber letztlich hat auch er akzeptiert, dass die Tradition nur durch Veränderung fortlebt. Mein Vater hatte vier Saiten auf seiner Ngoni, eine mehr als mein Großvater. Und ich habe noch ein paar Saiten dazugespannt. Manchmal sind es sieben, manchmal auch neun. Meine Vorfahren wären noch nicht auf die Idee gekommen, die Ngoni weltweit zu Gehör zu bringen. Aber genau das erlauben mir meine Wahwah- und Verzerrungspedale: Ich kann nun jede Form von Musik, von Klassik bis Rock spielen.

Schaffen Sie es bei all Ihren Tourneen auch noch Musikunterricht zu geben? Sie haben angekündigt, eine Ngoni-Schule in Bamako zu errichten….

Ja so eine Schule wäre dringend notwendig. Das Grundstück habe ich bereits, mir fehlen allerdings noch die Mittel, um sie zu erbauen. Momentan unterrichte ich 50 junge Malier auf der Ngoni. Dazu kommen weitere Schüler aus Europa, Japan und Amerika, mit denen ich leider nur telefonisch kommunizieren kann. Sie haben zu viel Angst, nach Mali zu kommen.

Und Sie selbst, haben Sie auch manchmal Angst?

Nein, die Islamisten haben es nicht geschafft, uns zu brechen. Und auch niemand anderes kann uns verbieten, Songs über Gott, die von ihm geschaffene Natur und Schönheit der Frauen zu singen. Wir Musiker sind doch die größten Kämpfer für die Demokratie. Wir stehen für Stärke durch Vielfalt. Jede der Dutzenden Volksgruppen Malis hat ihre eigene Musik. Aber wenn wir zusammen musizieren, gibt es nur eine Sprache.

JONATHAN FISCHER

Gekürzt in der NZZ vom 1.6.2019Bassekou Kouyate Miri

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