Saite gerissen – Malis berühmte Kunst- und Musikschule „Institut National des Arts“ bringt trotz Notstand und Vernachlässigung durch die Politik noch Stars wie Wassa Kouyaté hervor

Bamako, Parc National: Wassa Kouyatés klarer nasaler Gesang dringt durch den Lärm der Mofas, das Gehupe der Busse und das Lachen von Schulkindern, die in ihren blauen Uniformen über den Rasen rennen. Hier im einzigen Park der staubigen Metropole am Niger probt sie ihre neuen Lieder. Songs über ihr Heimatdorf Djoliba, über die Liebe und den Verlust der Menschlichkeit in der Stadt. Ab und zu bleiben Passanten stehen, zücken ihre Handys und filmen die junge Frau, die ihr Saiteninstrument auf dem Schoß wiegt wie ein zu groß geratenes Baby.

Wassa Kouyaté aber scheint ihre Umwelt kaum zu bemerken. Sie spricht mit der Kora. Sie atmet, sie schreit, sie fleht mit den perlenden harfenartigen Klangkaskaden, die sie dem Instrument entlockt. Es scheint fast, als sei das westafrikanische Saiteninstrument mit dem Kalebassen-förmigen Bauch und dem schmalen Hals eine natürliche Verlängerung ihres weiblichen Körpers.

„Ich bin schon als Kind auf unerklärliche Weise von der Kora angezogen worden“, erklärt die 22-Jährige und lacht ihr kehliges Lachen. Eine Anziehung, der sie – zumindest nach den ungeschriebenen Gesetzen der malischen Gesellschaft – nicht hätte nachgeben dürfen. „Jede freie Minute verbrachte ich bei einem älteren Nachbarn, und bat ihn mir etwas auf der Kora zu zeigen – auch wenn ich wusste, dass das Instrument traditionell nur Männern vorbehalten war.“

Nach der Unabhängigkeit 1960 blühte die Musik auf, dank staatlicher Förderung

Dass Wassa Kouyaté inzwischen als erste malische Koraspielerin im nationalen Fernsehen auftritt, sie auf großen Festivalbühnen spielt, und regelmäßig zwischen Marrakesch, Paris und London tourt, das hat sie einer Schule zu verdanken, die einst das kulturelle Aushängeschild Malis werden sollte: Dem Institut National des Arts (INA). Es gibt dort Klassen für Theater, Bildhauerei und Schmuckdesign, in der Fotografieklasse studierte einst Malick Sidibé, doch am berühmtesten ist die Musikabteilung. Sie hat bereits ein Dutzend internationaler Stars hervorgebracht. Habib Koité etwa, Cheick Tidiane Seck oder Baba Salah.

„Als ich mich hier für ein Studium einschrieb“, sagt Wassa, „war ich die einzige Frau in der Kora-Klasse“. Das koloniale Prachtgebäude mit seinen Säulen und Giebeln bröckelt vor sich hin, schwarze Schlieren laufen über die einst gelben Wände, in den Gängen stapeln sich kaputte Stühle und zerbrochene Instrumententeile.

Für Wassa bedeutete dieser Ort trotzdem die Rettung. Ihre Mutter hatte sie dazu gedrängt, Jura oder Medizin zu studieren, alles wäre ihr lieber gewesen als dieses „Männerinstrument“. „Selbst meine Kommilitonen versuchten mich zu überreden, als Frau stattdessen Gesang oder Klavier zu lernen.“ Wassa aber blieb stur.

Das Leben in Mali spielt sich draußen ab. Zwar verfügt das Institut des Arts über zwei Stockwerke mit Dutzenden gegen die Hitze abgedunkelten und neonbeleuchteten Klassenzimmern. Wenn möglich aber treffen sich alle im Innenhof. Zwei Balafon-Spieler hocken im Schatten des großen Mangobaums und klöppeln pentatonische Melodiebögen aus ihren Lamellen-Kästen. Gegenüber posiert eine Gruppe von jungen Frauen in traditionellen Wickel-Kostümen für ein Selfie. Andere Studenten lehnen, ein Buch in der Hand, auf ihren Mofas.

Nur Wassa ist mit dem eigenen Auto gekommen. dem Statussymbol einer, die es geschafft hat. Allerdings hat es diesmal länger gedauert: Die in Bamako verschrieenen Verkehrspolizisten hätten sie unterwegs angehalten und ihr den Führerschein abgenommen. „Natürlich ging es nur um Geld.“ Wassas Augen blitzen. „Wir haben dich im Fernsehen gesehen“, habe einer der Polizisten gesagt, „du musst reich sein. – Genau das ist der Grund, warum Afrika nie voran kommt.“

Es sind fast die selben Worte, die wenig später der Direktor der Musikabteilung wählen wird – nur auf die Politiker gemünzt, die das Institut des Arts verhungern ließen. „Die ganze Welt schätzt Mali für seine Musik, den wichtigsten kulturellen Rohstoff unseres Landes. Nur hierzulande scheint sie nicht zu zählen.“

Tatsächlich war die INA dafür geschaffen worden, jungen Talenten aus dem ganzen Land die Möglichkeit zu geben, sich zu professionalisieren, den Umgang mit Instrumenten, Medien und moderner Technik zu erlernen, sie auf eine künstlerische Karriere vorzubereiten. Dass Wassa Kouyaté und andere von hier aus den Sprung geschafft haben, spricht aber vor allem für ihre Leidensbereitschaft. Und den langen Atem ihrer Lehrer.

„Wir brauchen dringend Hilfe aus dem Ausland“, mahnt Abdramane Keita in seinem Büro voller zerschlissener Bücher und bittet den Besucher auf einen Plastikstuhl. Der Leiter der INA-Musikabteilung streicht über die Ärmel seines Boubou-Gewandes: „Eigentlich ist der Kulturminister für uns zuständig. Aber glauben Sie, dass der sich für Musik interessiert? Er hat sich hier schon ein ganzes Jahr nicht blicken lassen. Geschweige denn Geld geschickt.“

Kempes Sacko, der Leiter der Gitarren-Klasse nickt zustimmend. Hätte ihm nicht ein amerikanischer Freund gerade ein paar Dutzend Gitarren-Saiten und Ersatzteile für einen Verstärker mitgebracht, hätte er seine Abteilung schließen müssen, mangels spielfähiger Instrumente. In Mali werde Kulturpolitik eben nicht auf der Basis von Wissen und Kompetenz gemacht. Die Posten werden nach Loyalität vergeben. „Der für uns zuständige Ministerialbeauftragte hält ab und zu eine schöne Rede, aber unsere Lehrer wissen nicht mal, wann sie ihr nächstes Gehalt bekommen.“

Tatsächlich mag man es kaum fassen: Hätte die Musikweltmacht Mali mit Stars wie Salif Keita, Oumou Sangaré bis Ali Farka Touré nicht allen Grund, dieses Potenzial für sich zu nutzen? Müsste die Regierung nicht all die talentierten Jugendlichen dabei unterstützen, eine ähnliche Laufbahn einzuschlagen? Nach Malis Unabhängigkeit im Jahr 1960 bis in die Siebzigerjahre hinein hatte der Staat Orchester in allen seinen Provinzen gegründet, kubanische Musiker ins Land geladen, und Big Bands wie Les Ambassadeurs, Super Biton de Segou oder die Rail Band  finanziert.

Ganz ähnlich verhielt es sich in den Nachbarländern Senegal, Burkina Faso oder Guinea. Kein Wunder, dass viele der ikonischen Aufnahmen des westafrikanischen Pop, jene Melangen von Soul, Latin und traditioneller Musik, aus dieser Epoche stammen. Heute scheint das beinahe vergessen. Nach dem Staatsstreich von 2012 habe der Staat die Förderung von Festivals und internationale Austauschprogramme eingestellt. „Wir vermissen eine Vision, die die Musik dafür nutzt, unser Land zu modernisieren“, sagt Keita.

Ideen hätten sie an der INA genug – von der Transkription traditioneller Lieder über Konzerte bis zur Einrichtung eines eigenen Studios. Ganz oben auf der Wunschliste der Musikabteilung: Blasinstrumente, Pianos, Gitarren, Schlagzeuge und Drum Sticks. „Wenn wir nur eine Musikschule im Westen als Partner gewinnen könnten – dann müsste sich nicht mehr ein Dutzend Schüler ein einziges Instrument teilen.“

Die Verstärker sind defekt, die Koras verzogen, die Computer hat der Direktor verkauft

Was Keita nicht so gerne erzählt: Der Gesamt-Direktor der INA wurde vor einem Jahr seines Postens enthoben, er hatte Schulcomputer auf eigene Rechnung verkauft. „Eine Image-Katastrophe“. Denn wer rede schon von den Lehrern, die hier trotz karger Gehälter tagaus tagein ihr Bestes gäben, mit saitenlosen Gitarren, von der Feuchtigkeit verzogenen Koras, defekten Verstärkern und kopierten Schulbüchern die nächste Generation von Stars auf die Bühnen der großen Welt hieven?

Kempes Sacko, der Gitarrenlehrer, probt in seinem Klassenzimmer mit einer viel versprechenden Schulband: Drei Gitarren, Schlagzeug, Perkussion. Dazu singt eine junge Frau ein uraltes und gleichzeitig hochaktuelles Klagelied über einen ungerechten König. Wassa Kouyaté summt die Zeilen mit. Immerhin, bemerkt sie, hätten sich seit ihrem Studium ein paar Dinge verbessert: Bereits drei Frauen seien inzwischen in der Kora-Klasse!

Sie selbst aber steht vor neuen Herausforderungen: Nach ein paar selbstfinanzierten Videos möchte sie endlich ein Album aufnehmen. „Wenn ich mir keinen Produzenten in Paris leisten kann, dann lerne ich es eben selbst.“ Trotziger Optimismus liegt in ihrer Stimme. Dann klingelt ihr Handy. Es ist der Chef des örtlichen Polizeidezernats, einer ihrer Fans. Es tue ihm schrecklich leid, er habe seine Untergebenen wegen des Vorfalls bereits zur Rede gestellt, ihr Führerschein werde gleich mit einem Boten an sie zurück geschickt. „Merci“, sagt Wassa nur – so als habe sie nichts anderes erwartet.

JONATHAN FISCHER

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